Mitgehört

Erstaunlich viele Leute telefonieren völlig ungeniert auf der Straße, in der Kneipe, im Bus usw. und stören sich ganz offensichtlich nicht daran, dass alle Welt mithören kann, was sie da so reden. Gut, das ist ähnlich wie bei Unterhaltungen, die man in der Öffentlichkeit führt, da können Unbeteiligte sogar beide Seiten des Gesprächs hören. Normalerweise wird niemand gezielt mithören, und meistens dürfte es auch nicht um allzu Vertrauliches gehen. Aber die Gewohnheit, auch Privates in der Öffentlichkeit auszubreiten, scheint schon um sich zu greifen. Als Pendler könnte ich ganze Bücher vollschreiben mit dem, was unterwegs in meiner Hörweite so an privaten Details in Telefone gesprochen wird. Krankheiten, Arztbesuche, Beziehungsangelegenheiten, Politisches. das ganze Spektrum.

Nicht immer handelt es sich dabei um eher banale Alltagsgespräche. Natürlich werden per Handy auch wirklich vertrauliche Gespräche geführt. Ich erlebe es immer wieder, dass Leute ganz für sich und vermeintlich abgeschirmt im Auto telefonieren. Schön vorschriftsmäßig mit Freisprechanlage. Wenn das auf der Autobahn oder bei einigermaßen schneller Fahrt passiert, hört man draußen auch nichts davon. Und wenn man was hört, hab man nur einen kurzen Klangfetzen, bevor das Auto wieder außer Hörweite ist. Wenn die Leute dann aber am Straßenrand oder auf einem Parkplatz stehen und telefonieren, sieht das anders aus. Viele Freisprecheinrichtungen passen die Lautstärke offenbar nicht an den Geräuschpegel der Umgebung an, sondern sind immer auf Autobahnbetrieb eingestellt. So beschallen diese Apparate dann schon mal ein halbes Fußballfeld mit einem als vertraulich empfundenen Telefonat.

Heute durfte ich beispielsweise ein aus einem geschlossenen Auto auf der anderen Straßenseite kommendes In Ordnung, Schätzchen, bis nachher dann… Ja genau, mache ich … Bussi! mithören. Anderswo sehe ich regelmäßig Handelsreisende, Berater und andere Anzugträger in ihren geparkten Audis bei Telefonaten, die ich im Vorbeigehen aus dreißig Meter Entfernung oft noch ganz gut verstehen kann. Wenn das Kundengespräche sind, stellt das schon einen Vertrauensbruch dar. Namen und Details von Kunden oder – noch wichtiger – Interessenten sollte man schon vertraulich behandeln. Das kann sonst für den Kunden peinlich werden.

Wenn diese Leute dieselben Gespräche genauso unbefangen im ICE oder im Wartebereich am Flughafen führen würden, würden sie ganz sicher die Sicherheitsbestimmungen ihrer Firmen verletzen. Dass sie das im Auto de facto auch tun, scheint sich noch nicht herumgesprochen zu haben. Gut, auf öffentlichen Parkplätzen werden normalerweise kaum Leute herumlungern, die Telefonate mithören, das passiert in Flughafenlounges sicher häufiger, aber trotzdem ist so ein Gespräch nicht mehr wirklich vertraulich.

Offensichtlich sind die Leute sich nicht darüber im Klaren, wie laut ihre Anlagen so sind und wie weit das in die Öffentlichkeit schallt. Da ist es nur eine Frage der Zeit, bis Details aus solchen Telefonaten dann doch mal in der Zeitung stehen und alle rätseln, wo das Leck ist. Oder bis ein paar Leute feixend den Bussi-Telefonierer belauschen. Wäre mir eher peinlich…

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In den Wald hineinrufen

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