Armbanduhr a. D.

Vor Jahren habe ich mir in einem Anfall von Hybris eine „gute“ Uhr geleistet. Von Mühle in Glashütte, schlicht mit Leuchtziffern auf schwarzem Ziffernblatt, Viertelsekundenzeiger und einfachem Datum auf der Position der Drei. Dieser Kauf war keineswegs als Begründung einer Familientradition wie in der kitschigen Werbung von Patek Philippe gedacht, gar als Erbstück für etwaige Urenkel, sondern als Anschaffung für mich selbst. Bis dahin hatte ich immer eher billige und entsprechend kurzlebige Uhren gehabt. Die wenigsten hatten überhaupt bis zum zweiten Batteriewechsel durchgehalten, und ich war es leid. Ich wollte einfach keine Uhren mehr kaufen. Daher die Entscheidung für ein Qualitätsprodukt.

Nun ist „gute“ Uhr hier natürlich relativ zu sehen. Der Preis von damals knapp 500 Euro dürfte in der ganz eigenen Welt der Horlogerie kaum die Wahrnehmungsgrenze erreichen, so mancher Schmuck- und Uhrenhändler hätte sowas allenfalls als Einsteigermodell auf dem Grabbeltisch angeboten. Nichtsdestotrotz war es eine schöne mechanische Uhr mit automatischem Aufzug. Robust sei sie, hatte mir der Uhrmacher erzählt, eine Sportuhr, die halte schon was aus. Und genau das wollte ich: eine Uhr, die nicht nur nett aussieht, sondern auch zuverlässig läuft und um die man sich nicht groß kümmern muss.

Musste ich auch nicht. Das gute Stück lief anstandslos jahraus, jahrein. Und ich habe sie auch einigermaßen pfleglich behandelt, keine Bierflaschen mit ihr geöffnet, sie nicht in Schlägereien getragen, Temperaturextreme vermieden. Ansonsten finde ich: Was ich aushalte, muss meine Uhr auch aushalten. Nach Jahren habe ich sie mal (wie mir beim Kauf nahegelegt worden war) von einem Uhrmacher durchsehen lassen, und seitdem geht sie ständig kaputt. Vielleicht hat der Uhrmacher geschlampt, oder die Zwiebel hatte ihr geplantes Zerfallsdatum erreicht. Ich habe sie seitdem dreimal reparieren lassen. Da war ein Defekt dabei, den der behandelnde Uhrmacher ungewöhnlich und sehr selten nannte und einer, wo er meinte, er habe es noch nie erlebt, dass das spezifische Teil jemals kaputtgegangen sei. Ist also durchaus was Besonderes, das Gerät.

Egal, jetzt ist sie endgültig im Eimer. Das heißt, man könnte sie natürlich reparieren, und das würde wieder nur 50 bis 70 Euro kosten. Aber in einem Vierteljahr wäre sie dann doch wieder hin. Von wegen Qualitätswerk. Egal, ich stecke da kein Geld mehr rein, die hat ja mittlerweile gefühlt fast ihren Neupreis an Reparaturen verschlungen. Hätte ich mir jedes Jahr die Aldi-Weihnachtsuhr gekauft, wäre ich billiger gefahren. Ich betrachte das Experiment „Uhr für’s Leben“ deshalb als gescheitert und die Uhr als endgültig hinüber. Die Billigzwiebel vom Discounter, die ich mir mal für 30 Euro als Ersatzuhr gekauft habe, läuft seit vier Jahren reibungslos. Außer einer neuen Batterie sind da keine Kosten angefallen. Ist – Ironie des Schicksals – übrigens auch von einem mittelständischen deutschen Hersteller.

Was aber mache ich jetzt mit meinem schönen, unbrauchbaren einheimischen Qualitätsmimöschen aus Glashütte? Wegschmeißen bringe ich dann doch nicht übers Herz. Sie ewig von einer Ecke der Kramschublade in die andere zu schieben ist mir aber auch zu blöd. Ich könnte sie mit dem Hammer flachklopfen und in Kunstharz eingießen, aber das ist nicht mein Stil. Oder sie in geschmolzenes Blei oder Zinn tauchen und dann an die Wand nageln.

Jetzt ist mir zusammen mit meiner Ältesten tatsächlich eine Möglichkeit eingefallen, wie man diese kaputte Uhr doch noch als Uhr benutzen kann. Da das Uhrwerk nicht mehr tut, braucht es eben einen externen Antrieb. Man besorgt sich also einen kleinen Elektromotor, gern solarzellengespeist, baut eine Übersetzung und koppelt das Ding an die gezogene Krone der Mühle. Dann treibt der Motor über die Krone der Uhr die Zeiger an, und wenn man die Geschwindigkeit richtig einregelt, gehen Minuten- und Stundenzeiger richtig. Der Sekundenzeiger wäre dann natürlich nur noch Deko, und das Datum würde auch nicht mehr stimmen, aber das wäre nicht weiter schlimm, es wäre ja dann sowieso eher ein Kunstwerk als ein Gebrauchsgegenstand.

Ich könnte das Gespann aus Uhr und Elektromotor stilvoll in einem Plexiglasgehäuse arrangieren und das Ziffernblatt punktgenau mit einem LED-Spot beleuchten. Damit würde ich ganz beiläufig eine ganz neue Kunstrichtung begründen, Post-Industrial Steampunk oder so. Mal sehen…

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7 Kommentare on “Armbanduhr a. D.”

  1. Der Duderich sagt:

    Mir fällt dazu spontan ein indigener Spruch ein, den ein Freund mir gegenüber mal zitierte:

    „Ihr habt die Uhr, wir haben die Zeit.“

    🙂

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  2. gnaddrig sagt:

    Klar, die mit der Uhr sind ja ständig beim Uhrmacher, alles Zeit, die dann für andere Dinge fehlt 🙂

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  3. Pfeffermatz sagt:

    Schöner Artikel! Dazu fällt mir ein: ich habe ein Zweitlieblingsuhr: Die ist von Kaufhof, ist schön anzuschauen (und gibt die Zeit korrekt an) und hat zwanzig Euro gekostet (inkl. Batterie). Geradezu unbezahlbar ist das Gefühl, dass ich sie jederzeit verlieren oder aus Versehen kaputt machen kann – und mit nur 20 Ocken bin ich wieder dabei. Mein Erstlieblingsuhr ist von Skagen und hat 120 Euro gekostet. Einmal ging mir das Glas kaputt (70 Euro), und einmal habe ich sie verloren (0 Euro, allerdings 14 Monate ohne Uhr. Meine Frau fand sie eines Tages hinter der Werkbank).

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  4. gnaddrig sagt:

    Das mit dem Verlieren ist halt so eine Sache. Zwar wirkt die Mühle im Vergleich zu meiner Billiguhr schon edler, aber man muss auf die teure Uhr natürlich viel mehr aufpassen. Wie Du sagst, wenn ich die Billigzwiebel verliere, kostet mich das zwanzig, dreißig Euro, bei der guten Uhr ist der Verlust gleich viel teurer. Und das macht ja auch so eine Art Hintergrundstress, der sich nicht wirklich lohnt. Billigware kann sich halt doch lohnen.

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  5. Yadgar sagt:

    Millionen Afghanen tragen Uhren nur als Schmuck… na ja, diese Zeiten dürften allmählich auch vorbei sein, wo .af heutzutage immer mehr smartphonisiert wird!

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  6. gnaddrig sagt:

    Das wäre die perfekte Ausrede für Schmuck-Handys…

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  7. Yadgar sagt:

    Während der letzten viereinhalb Jahre habe ich im Prinzip keine Armbanduhr gebraucht, mir reichte die Uhrfunktion meines Fahrradtachos. Nachdem allerdings dieses Jahr mein letzter „bikemate“ in die ewigen Jagdgründe eingegangen war, kaufte ich mir einen Sigma BC 5.16 (das Nachfolgemodell zum BC 5.12, etwas teurer, aber mit noch weniger Funktionen…), und der wiederum steckt, einmal montiert, dermaßen bombenfest in seiner Drehhalterung, dass man ihn nur mit brutaler Gewalt, unter Zerstörung der ganzen Apparatur losbekommt. Auch eine Form der Diebstahlsicherung – aber jetzt taugt er natürlich nicht mehr zum universalen Armbanduhr-Ersatz.

    Daher habe ich eine so eine protzige Pseudotaucheruhr von Casio (mit Telefon-Datenbank und Weltzeituhr! Sogar Kabuler Zeit!!!) reaktiviert, die ich vor gut zehn Jahren mal zu Weihnachten bekommen hatte. Das Problem ist bloß, dass das Stahlarmband mittlerweile zu eng für meine verfetteten Handgelenke ist…

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