Wärmer

Meine Jüngste hatte sich Früchtetee gekocht bzw. kochen lassen und wollte das Gebräu jetzt trinken. Es war aber noch zu heiß. Darum fragte sie, ob ich ihr den Tee wärmer machen könne.

Ich musste stutzen, weil ich „wärmer machen“ eigentlich anders verstanden hätte. Warm ist definiert als „hat eine vergleichsweise hohe Temperatur“ oder „hat eine Temperatur, die einigermaßen deutlich über der Umgebungstemperatur liegt“ oder „hat eine bestimmte Menge Wärme“, und dann ist „wärmer machen“ zwangsläufig „mehr Wärme dazutun“, also die Temperatur erhöhen. Das heißt, wenn etwas zu heiß ist, macht man es natürlich nicht noch wärmer, sondern kühlt es ab.

Sie sieht warm dagegen als eine Station zwischen heiß und kalt, und wenn man etwas Heißes soweit abkühlt, dass es eben nicht mehr heiß ist sondern warm, hat man es nach ihrer Logik wärmer gemacht, also die Temperatur von heiß in Richtung warm geändert.

Man kann das mit Himmelsrichtungen vergleichen. Man betrachte auf einer Deutschlandkarte Hamburg und München und nehme der Einfachheit halber an, die beiden Städte seien durch eine geradlinig in Nord-Süd-Richtung verlaufende Autobahn verbunden. Wenn man jetzt Hamburg mit heiß und München mit kalt vergleicht, wäre Kassel – ungefähr auf halbem Weg dazwischen – warm. Wenn ich jetzt nordwärts unterwegs bin, ist es egal, ob ich noch vor Kassel bin oder dort schon vorbei. Die Fahrtrichtung wäre dieselbe. Das wäre analog zum üblichen Sprachgebrauch von „warm machen“ – nordwärts fahren, die Temperatur erhöhen.

Für meine Tochter ist „warm machen“ derzeit noch analog zu „in Richtung Kassel fahren“, und das kann, je nachdem, wo ich gerade bin, eben nordwärts oder südwärts sein. Etwas Kaltes warm machen – nach Norden in Richtung Kassel fahren. Etwas Heißes warm machen – nach Süden ebenfalls in Richtung Kassel fahren.

Faszinierend, ich wäre nie auf die Idee gekommen, das so zu sehen. Diese Verwendung ist sicher ungewöhnlich und würde im Aufsatz als falsch angestrichen werden. Aber der Gedankengang ist nachvollziehbar. Kein Wunder, dass es so viele und so grundverschiedene Sprachen gibt auf dieser Welt!

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6 Kommentare on “Wärmer”

  1. einemuellerin sagt:

    Cool, gerade letztens sollte ich auch den heißen Kakao „warm machen“. Schön, dass andere Kinder die gleichen lustigen Sprachverdreher machen.

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  2. gnaddrig sagt:

    Macht aber Spaß zu beobachten, oder? Ich finde es immer wieder völlig faszinierend, mit was für Dingern die Kinder ankommen und wie sie sich Un- oder Halbbekanntes aus Bekanntem ableiten. Dieselbe (derzeit fünfjährige) Jüngste hat im zarten Alter von knapp drei Jahren auf dem Weg zum Bäckerladen mal geäußert: „Und der Mann von der Bäckerin ist der Bäckerinner“.

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  3. eb sagt:

    Hihi, – passt. Eines der ersten Worte meines Stöpsels, (ist schon ne Weile her), – nach Sichtung eines besonders kleinen Insektes war; „Kindkäfer“.

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  4. gnaddrig sagt:

    Genau so funktioniert das, Baustein für Baustein 🙂

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  5. einemuellerin sagt:

    Besonders schön fand ich immer die Pluralbildung. Zum Beispiel der Plural von Buch: Buchen. Oder Haus: Hausen. Leider hat das großeKind das inzwischen gemeistert. Bin schon gespannt, was das kleineKind beim Sprechenlernen für lustige Konstrukte bildet 🙂

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  6. gnaddrig sagt:

    Stimmt, kleinkindliche Pluralbildungen können ziemlich nett sein. Vergangenheitsformen von Verben auch, vor allem, wenn die Eltern nicht dieselbe Sorte Deutsch sprechen und es da Unterschiede gibt, welche Verben stark konjugiert werden und welche schwach.

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