Darf’s auch etwas mehr sein?

Mein Handy fäng an, tatterig zu werden. Nach dem Einschalten braucht es schonmal ein paar Minuten, bis überhaupt irgendwas geht. Das Display ist mattgekratzt, der Prozessor schafft es nicht immer, Fotos unbeschadet auf der Speicherkarte abzulegen, und die Leiserstelltaste des Musikplayers hat jetzt ganz aufgegeben. Leider ist das Ding gerade deutlich lauter eingestellt, als ich normalerweise Musik höre. Natürlich muss man schon was hören, gelegentlich auch etwas lauter, andererseits bin ich kein Freund der dauernden Gehörgangsreinigung per Schalldruck. Einfach mit der jetzt eingestellten Lautstärke weiterhören ist deshalb auf Dauer keine Option.

In absehbarer Zeit muss also was Neues her. Deshalb habe ich angefangen, mich umzuschauen, was es so alles gibt. Weil ich nicht ständig drei Geräte mit mir herumtragen will, braucht mein Handy neben der Telefonfunktion unbedingt einen benutzbaren Musikplayer und möglichst auch eine halbwegs anständige Kamera. Mehr als die 2 Megapixel meines derzeitigen Apparats fände ich ganz schön, und ansonsten will ich kein allzugroßes Schnickschnack. Vor allem will ich als Prepaidtelefonierer kein superdupersmartes Gerät im Frühstücksbrettchenformat, das sich zwanghaft ständig ins Internet einwählt. (Nichts gegen Smartphones, aber ich brauche wirklich keinen Hochleistungsrechner für die Hosentasche, sondern einen Musikplayer mit Kamera und Telefonfunktion) Und da wird es jetzt eng, was das Angebot geeigneter Geräte angeht.

Quadratur des Kreises

Der Handymarkt hat sich seit meinem letzten Kauf vor vier Jahren ja schon erheblich verändert. Beim Lesen von Testberichten ist mir aufgefallen, dass da ziemlich viel gemeckert wird. Erstens über die Geräte selbst, und zweitens über das mitgelieferte Zubehör. Das Display sei zu klein, heißt es dann, und das Gerät zu unhandlich. Das Display nicht hell genug, der Akku zu schnell leer. Das Display schön groß, aber das Gerät insgesamt zu unhandlich. Die Kamera mit 5 Megapixel sowas von nicht mehr zeitgemäß, ein LED-Blitz auch nicht dabei. Die Softwareausstattung mager, der Appstore mit 35.000 Apps fast leer. Keine Hülle, kein zweiter Akku; nur eine 2GB-Speicherkarte mitgeliefert, wo das Handy doch bis zu 32GB verträgt; das Headset mag zum Telefonieren ja gehen, aber Musikhören macht damit keinen Spaß usw.

Ich ignoriere jetzt einfach mal die Tatsache, dass die Feststellung eines Mangels nicht zwingend mit der Forderung nach dessen Abstellung gleichzusetzen ist. Die Leute dürften sich schon darüber im Klaren sein, dass das Display nicht unendlich groß sein kann und das Handy nicht gleichzeitig schön handlich mit einer Hand bedienbar und in die Hosentasche passend. Oder dass hellere Displays und leistungsfähigere Prozessoren natürlich mehr Strom ziehen und dadurch die Akkulaufzeit beeinflussen und dass man nicht beides bzw. alles haben kann.

Aber der Tonfall, in dem diese Dinge häufig aufgeführt werden, klingt für mich nach tendenziell eher überzogenen Erwartungen. So ein Gerät muss nach neuestem Stand der Technik das Allerbeste an Bord haben, Zubehör nur vom Feinsten und immer schön großzügig bemessen. Es darf ruhig etwas mehr sein, soll aber nicht mehr kosten. Überspitzt gesagt: Man fordert Preise wie für Wasser (das Billigste aus dem Discounter) und Qualität wie von Wein, und zwar nicht Pinneberg Bahndamm Nordhang, sondern eher in Richtung Château Lafite-Rothschild oder so. Man will nichts weniger als die Quadratur des Kreises oder die eierlegende Wollmilchsau. Oder möglichst beides in einem.

Verrechnet

Natürlich ist es unmöglich, Spitzenqualität, -leistung und -ausstattung zum Billigheimerpreis zu bieten und damit noch wenigstens ein kleines bisschen Geld zu verdienen. Und Geld wollen die Anbieter natürlich verdienen, die betreiben ihr jeweiliges Geschäft ja nicht aus Wohltätigkeit. (Man müsste mal eine Umfrage bei den Preisschneidern, Geiz-ist-geil-Fetischisten und Schnäppchenjägern machen, zu was für einem Stundenlohn sie zu arbeiten bereit wären, und das in Relation zu ihren Vorstellungen zu Preis und Ausstattung ihrer Wunschhandys setzen.)

Das mit dem Nobelzubehör als Dreingabe funktioniert jedenfalls nicht. Nehmen wir das wohl am Häufigsten bemängelte Stück, das Headset. High-End-Headsets, mit dem unter Umständen sogar ein audiophiler Geek wenigstens den Wetterbericht zu hören bereit wäre, fängt im Laden vielleicht bei 150 Euro an, und ungefähr um den Betrag (bzw. den geringfügig darunter liegenden Einkaufspreis) müsste dann auch der Verkaufspreis des Handys steigen, aber das wäre den Leuten dann gleich wieder zu teuer. Man hofft eben auf ein Schnäppchen oder, ehrlicher gesagt, darauf, dass ein Anbieter, der auf Kundenfang ist, einem was schenkt, für das man sonst viel Geld bezahlen müsste. Dass das auf Dauer kein tragfähiges Geschäftsmodell sein kann, dürfte unmittelbar einleuchten.

Davon ganz abgesehen ist das Gejammer über zu karges Zubehör schon deshalb lächerlich, weil die allermeisten Leute, die mit einem Handy mehr als nur telefonieren, ihr spezielles Zubehör sowieso schon haben. Ich beispielsweise habe halbwegs gute Ohrhörer, die ich mir separat ausgesucht und gekauft habe. Warum sollte ich wollen, dass ich mit dem nächsten Handy nochmal teure Ohrhörer bezahlen muss? Das mitgelieferte Headset taugt in der Regel zum Telefonieren, und gut ist. Ähnlich ist es mit einem Datenkabel oder einer Hülle. Wer sich für ein Gerät am unteren Rand der Skala entscheidet, muss sich die nötigen Accessoires dann eben selbst besorgen. Und wer das nicht gebacken kriegt, muss eben ohne auskommen.

Man könnte ja…

Eine Lösung könnte es sein, Geräte in verschiedenen Ausstattungsvarianten anzubieten: Einmal nur das nackte Gerät für den Grundpreis. Nächste Stufe dann mit mittlerer Ausstattung, etwa Ladegerät, einfaches Headset und kleine Speicherkarte. Höchste Stufe dann mit zweitem Akku, extra Hülle, größtmöglicher Speicherkarte und verlängerter Garantie.

Als ich vor zehn Jahren das letzte Mal in Russland war, wurde das dort so mit CDs praktiziert. Man konnte die CD in der Plastikhülle mit einem einfachen Deckblatt kaufen, wo die Cover-Art und eine Liste der Tracks drauf war, oder in einer besseren Version mit Booklet mit den Texten und vielleicht ein paar Bandfotos, und in einer Topversion mit extraschöner Pappschachtel, erweitertem Booklet, manchmal noch mit einer Bonus-CD. Die teuerste Ausstattung konnte dann locker dreimal soviel kosten wie die billigste. Alle wussten, woran sie waren, da brauchte niemand über die spärliche (oder ggf. zu üppige und darum preistreibende) Ausstattung zu jammern und alle waren glücklich.

Der logistische Aufwand sollte auch bei Handys zu stemmen sein, man könnte ja das Zubehör in separaten Paketen anbieten, um dasselbe Gerät nicht auf drei verschiedene Arten verpacken zu müssen. Die Pakete könnten sogar für viele verschiedene wenn nicht alle Geräte des Anbieters passen. Ich vermute aber, kaum jemand würde sowas nehmen, die würden ja echtes Geld kosten. Das wird der Grund sein, warum die Hersteller in der Regel das Gemeckere in Kauf nehmen bzw. ignorieren. Allen recht machen könnten sie es sowieso nicht, und praktisch jede Änderung der Zubehörpolitik würde sicher auch wieder mit Gemecker von irgendwo beantwortet.

Andererseits

Das ist aber wahrscheinlich sowieso alles egal. Die Leute kaufen das Zeug ja auch so, zumal Handys keine Anschaffungen für’s Leben sind. Nach durchschnittlich 18 Monaten werden sie angeblich ersetzt, bis dahin hat noch nicht einmal der erste Akku schlappgemacht. Da muss man sich eigentlich gar nicht so viele Gedanken drum machen.


5 Kommentare on “Darf’s auch etwas mehr sein?”

  1. Stefan R. sagt:

    Ortungswanze hin oder her, ich mag auf mein smartes Endgerät nicht mehr verzichten, auch wenn die Kamera nach wie vor nur bei Tageslicht ordentliche Ergebnisse liefert. Ein bis zwei Zubehörteile sollte man sich aber unbedingt leisten: Eine stabile Schutzhülle und, wenn man kein Modell mit einem Display aus superhartem Spezialglas hat, eine Schutzfolie. Wenn man nicht der Marke mit dem angebissenen Apfel anhängt, bekommt man brauchbare Ohrhörer eh mitgeliefert.

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  2. gnaddrig sagt:

    Naja, die mitgelieferten Nokia-Ohrhörer sind meistens auch nicht so toll. Das merkt man spätestens, wenn man die eigene Lieblingsmusik damit hört. Aber wie gesagt, man hat in den meisten Fällen wohl sowieso schon eigene Ohrhörer. Und seit Handys fast immer mit 3,5mm Klinkensteckern ausgestattet sind, ist man ja auch nicht mehr zwingend auf das (oft leicht überteuerte) Zubehör des Herstellers angewiesen.

    Und gegen Smartphones habe ich im Prinzip nichts, ich brauch’s nur nicht, und die meisten sind mir zu groß. Aber dafür haben wir ja Marktwirtschaft, da kann sich jeder aussuchen, was ihm am besten passt.

    Normalhandys sind mittlerweile übrigens fast genausogut zu orten. Wenn Dich wer überwacht und Du Dir jetzt ein neues Handy unter falschem Namen zulegst, könnte der Überwacher Dir das neue Handy sicher allein mithilfe des Bewegungsprofils zuordnen (Schönen Gruß an die netten Herrschaften von BND, Verfassungsschutz und NSA). Aber das führt jetzt in eine andere Richtung.

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  3. tinyentropy sagt:

    Wie waere es denn mit dem Fairphone? Ist zwar auch ein Smartphone, aber damit unterstuetzt Du ein interessantes Projekt.

    Ansonsten sollten Deine Wuensche doch nicht so schwer zu erfuellen sein. Wahrscheinlich ist es inzwischen wirklich schwierig ein reines Telefon ohne Moeglichkeit auch ins Internet zu gehen zu finden. Also mit der Moeglichkeit musst Du leben, aber zwanghafte Einwahl sollte sich doch vermeiden lassen. Jenseits der Smartphonereihe muss es doch sowas geben.

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  4. gnaddrig sagt:

    Internetfähigkeit ist so schlecht nicht. Manchmal kann man dann Sachen nachschauen, etwa Verspätungen bei der Bahn oder so Sachen. Ich glaube auch, dass ich fündig werde, nur ist es jetzt im Gegensatz zu vor vier Jahren so, dass man Nichtsmartphones extra suchen muss.

    Vom Fairphone habe ich auch gehört, die Idee hat mir gefallen. Wenn das gut läuft, gibt es vielleicht bald auch mehr Modelle, ähnlich wie bei Fairtradeprodukten. Fände ich gut!

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  5. […] hatte sich mein Handy vor kurzem auf den Weg des Vergänglichen gemacht. Ich brauchte also ein neues, aber ich hatte diesmal keinen Nerv auf die langwierige […]

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