Erste Hilfe

Bei Alltag im Rettungsdienst läuft seit April eine Serie über Ersthelfererfahrungen. Da gibt es mittlerweile eine Reihe eindrücklicher Berichte über Erste-Hilfe-Aktionen in den verschiedensten Situationen. Man sieht, dass jeder unvermittelt in die Lage geraten kann, Erste Hilfe zu benötigen oder eben leisten zu müssen. Es ist also grundsätzlich eine gute Idee, einigermaßen regelmäßig einen Erste-Hilfe-Kurs zu besuchen.

Ich selbst war noch nie in der Situation, in einem lebensbedrohlichen Notfall erste Hilfe leisten zu müssen. Meine Erfahrungen beschränken sich bisher auf das Verarzten kleinerer Blessuren wie aufgeschlagener Knie, das Versorgen von haushaltsüblichen Schnittwunden u.ä. Deshalb kann ich nicht mit relevanten Geschichten dienen. Allerdings hatte ich vor Jahren selbst mal einen Unfall, bei dem mir Erste Hilfe geleistet wurde. Davon berichte ich hier aus der Sicht des „Geholfenen“.

Der Unfall

Wolkenloser Sommerhimmel, Temperatur deutlich über 30°C. Ich bin mit dem Fahrrad zügig (wohl an die 30 km/h) auf einem Radweg entlang einer wenig befahrenen Straße unterwegs, dummerweise ohne Helm. An einer Stelle etwa 100 Meter voraus ist ein Haus eingerüstet. Der Bürgersteig ist mit einem Bauzaun abgesperrt, die Fußgänger werden auf den Radweg umgeleitet. Ausgerechnet an dieser engen Stelle kommt mir eine Frau mit Kinderwagen entgegen, und auf dem Radweg passen wir nicht aneinander vorbei. Klar, dass ich auf die Straße ausweiche, zumal da bis zum Horizont kein Verkehr in Sicht ist.

Wohl aufgrund einer Unachtsamkeit von mir rutscht das Vorderrad von der Bordsteinkante. Das Rad bricht unter mir zusammen und ich fliege solo weiter, verfehle mit dem Kopf einen kantigen Betonfuß des sehr soliden Bauzauns um wenige Zentimeter und schlage erst mit der Hüfte, dann mit der Schulter und zuletzt mit dem Hinterkopf auf der Straße auf.

Schmerzen habe ich zunächst keine, aber mir dröhnt der Kopf von dem Schlag. Ich drehe mich auf die Seite und rolle mich zusammen. Ich verliere zwar nicht das Bewusstsein, fühle mich aber, als schwebte ich im leeren Raum. Gleichzeitig fühle ich den heißen Asphalt unter mir, und die Kombination wirkt ziemlich surreal.

Erste Hilfe

Ein Mann geht vor mir in die Hocke und spricht mich an. Jemand habe schon den Rettungswagen gerufen und ob er mir irgendwie helfen könne. Meine erste Reaktion ist zwiespältig: Erleichterung und gleichzeitig der Wunsch, in Ruhe gelassen zu werden. Ich glaube, ich antworte etwas in Richtung Nein, geht schon. Als er anbietet, sich um die Wunde am Hinterkopf zu kümmern, wehre ich entschieden ab. Bloß die Finger weg da! Jetzt fängt es dort nämlich auch an wehzutun, nicht zu knapp. Er fragt noch, wo er das nagelneue und nicht eben billige Fahrrad hinbringen soll, das könne da nicht liegen bleiben, werde ja sonst geklaut. Ich sage ihm die Adresse (hinterher stellt sich heraus, dass er es tatsächlich dort abgeliefert hat).

Der Rettungswagen kommt wenige Minuten später mit Blaulicht und Tatütata. Ein Rettungsassistent spricht mich an und fragt routiniert ab, was passiert ist, ob ich das Bewusstsein verloren hatte, ob ich die Beine bewegen kann, so Sachen. Dann versorgt er die Platzwunde am Hinterkopf. Es müssen zwei Sanitäter gewesen sein, aber ich kann mich nur an den einen erinnern, der mit mir gesprochen hat und sich die meiste Zeit in meinem Blickfeld aufgehalten hat.

Als der Verband fertig ist, teilt er mir mit, dass ich jetzt auf die Trage gehoben werde. Anschließend werde ich, wieder nach Ankündigung, in den Rettungswagen geschoben. Tür zu und Abfahrt, wieder mit Blaulicht und Tatütata (ob das mir gilt oder ob die mich wegen eines neuen Notfalls möglichst schnell loswerden wollen, weiß ich nicht). Die Fahrt ist kurz und ausgesprochen unangenehm. Die Schürfwunde an der Schulter tut höllisch weh, und die Platzwunde am Hinterkopf macht erst recht keinen Spaß. Es kommt mir so vor, als ob ich jedes Steinchen auf der Straße im ganzen Schädel spüre. Den entsprechenden Kommentar von mir quittiert der Sanitäter freundlich und routiniert, der hört sowas offenbar nicht zum ersten Mal.

Im Krankenhaus werde ich in die Notaufnahme geschoben. Dort näht der Arzt mir den Kopf wieder zusammen, macht einen hübschen Verband drum und schickt mich nach Hause. Nicht alleine, natürlich. Ich bin den Rest des Tages noch ziemlich wackelig auf den Beinen, habe Kopfschmerzen und keinen Appetit. Am nächsten Morgen geht es mir schon viel besser, und die Verletzungen heilen in den Wochen danach ohne Komplikationen ab. Ich bin ziemlich glimpflich davongekommen.

Und jetzt?

Seitdem trage ich auf dem Fahrrad grundsätzlich immer einen Helm. Den Betonklotz am Bauzaun mit ungefähr 30 Sachen auf mich zurasen zu sehen, ohne dass ich hätte bremsen oder ausweichen können, war eine sehr abschreckende Erfahrung. Es brauchte nicht viel Fantasie dazu, mir die möglichen Folgen vorzustellen.

Ich war am Ende nicht schwerverletzt, schon gar nicht lebensbedrohlich und hatte auch keine Knochenbrüche o.ä. Aber im Rückblick finde ich es erstaunlich, wie hilflos ich mich gefühlt habe. Ich hätte sicher eine ganze Weile gebraucht, mich ohne Hilfe einigermaßen zu bekrabbeln. Das Krankenhaus hätte ich dann wohl auch irgendwann auf eigenen Füßen erreicht, aber nur, weil es so nahe gelegen war und ich mich auskannte. Einen längeren Marsch hätte ich sicher nicht geschafft.

Nach dem Sturz lag ich jedenfalls erstmal ziemlich hilflos auf der Straße. Wie bewegungsfähig ich gewesen wäre, wollte ich gar nicht ausprobieren, ich wollte nichts sehen, nichts hören, nichts tun. Ich wusste zu dem Zeitpunkt natürlich noch nicht, dass die Verletzungen letztendlich harmlos waren, aber eine Gehirnerschütterung wäre mindestens drin gewesen, und die Schmerzen haben sehr effektiv jedweden Tatendrang zerschossen, den ich sonst vielleicht noch verspürt hätte.

Ich hätte sicher keine dauerhaften gesundheitlichen Schäden davonzutragen, wenn mir auf der Straße niemand geholfen hätte. Aber es haben nur ein paar Zentimeter gefehlt und ich hätte den Betonklotz mit dem Kopf erwischt. Dann hätte der freundliche Mann vielleicht doch Gelegenheit gehabt, mir das Leben zu retten. Für einen zufälligen Beobachter hätte ich in dem Fall vielleicht gar nicht so anders ausgesehen als mit der harmlosen Platzwunde. Umso wichtiger, dass jemand gekommen ist und sich gekümmert hat.

Gut getan hat die Ansprache durch den Mann, der zuerst da war. Die Mitteilung, dass der Rettungswagen unterwegs ist und dass er ansonsten nicht allzu wortreich wurde (hätte er versucht, eine „richtige“ Unterhaltung in Gang zu bringen, wäre ich sicher überfordert gewesen und hätte abgeschaltet). Es war gut, dass er sich um das Fahrrad gekümmert und bei mir die Adresse erfragt hat. Hätte er das nicht gemacht, wäre das Ding im besten Fall wohl erstmal bei der Polizei gelandet, aber das hätte ich natürlich nicht gewusst und mir deshalb erhebliche Sorgen gemacht. So war mir zumindest in der Hinsicht erheblich leichter ums Herz.

Dass der Rettungsassistent mir immer kurz mitgeteilt hat, was er als nächstes macht, und bis zur Übergabe im Krankenhaus ansprechbar war, fand ich auch angenehm. Gerade das Umbetten auf die Trage und das Einladen wäre sonst völlig unvermittelt passiert und viel beängstigender gewesen. Ob es viele Gaffer gegeben hat, weiß ich nicht. Es werden schon ein paar Leute herumgestanden haben, aber es gab für die ja auch nichts zu tun. Lästig geworden oder dem Rettungsdienst in die Quere gekommen ist wohl niemand.

Fazit

Erste Hilfe ist nicht nur stabile Seitenlage, Herz-Lungen-Wiederbelebung, das Stillen starker Blutungen oder das Schienen von Brüchen usw. Auch trösten, beruhigen, Mut zusprechen und fachkundige Hilfe herbeirufen ist Erste Hilfe. Dass Trösten wichtig ist, leuchtet im Zusammenhang mit Kindern jedem sofort ein, es gilt aber für Erwachsene genauso. Handhalten und gut zureden kann auch schon Erste Hilfe sein, das sollte man nicht unterschätzen.

Traut Euch, Erste Hilfe zu leisten. Seid als Ersthelfer sichtbar anwesend und ansprechbar, auch wenn keine dramatischen Maßnahmen erforderlich sind. Schon kleine Gesten können einen großen Unterschied machen, Stress reduzieren und es damit der/dem Verletzen erheblich leichter machen. Habt keine Angst, Euch durch Unkenntnis lächerlich zu machen, die Dankbarkeit der/des Geholfenen ist Euch allemal sicher, auch wenn Ihr das in den meisten Fällen nie direkt erfahren werdet. Und wenn wirklich einmal jemand in einer lebensbedrohlichen Lage ist, ist praktisch alles besser als Nichtstun.

Also, wenn ein Unfall passiert ist: Hingehen, Herausfinden, was Sache ist, Helfen.

Dieser Artikel ist zugleich auch hier auf Alltag im Rettungsdienst erschienen.

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One Comment on “Erste Hilfe”

  1. […] das einer schwierigen Situation wenigstens ein kleines Bisschen an Unannehmlichkeit. Ich habe das selbst erlebt, und es macht einen […]

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