Singspiele

Musik ist natürlich nicht Geschmackssache. Wer kultiviert ist, weiß selbstverständlich, was sich gehört, und klassische Musik gehört unbedingt dazu. Klassische Musik war lange Zeit fester Bestandteil gebildeten Lebens zumindest in Deutschland. Man ging regelmäßig nicht nur ins Theater, sondern natürlich auch in die Oper und in Konzerte. Die ganz hartgesottenen Kulturjünger hatten üblicherweise jeweils ein Abonnement für die ganze Saison. Und so kaute man sich jahraus jahrein wieder und wieder durch den Kanon der klassischen Kultur.

Die Deutschlehrer am Gymnasium schrieben dann in der Lokalzeitung Theater- und Konzertkritiken. Wer dem nichts abgewinnen konnte, war eben nicht kultiviert genug. Und dann diese furchtbare Rockmusik, die die jungen Leute zu hören sich nicht ausreden ließen! Simon & Garfunkel konnte man ja schonmal hören, wenn es niemand mitkriegte. Zurückhaltender Jazz (ganz wichtig ist die richtige Aussprache: „Jatz“) ging zur Not auch. Aber dieser ganze neumodische Lärm, nein, das war das Ende des kultivierten Abendlandes.

Obwohl ich ein großer Freund aller möglichen Arten klassischer Musik bin, fand ich diese Art Kulturbetrieb ziemlich bescheuert. Es war immer alles so ernst, so freudlos, so überaus wichtig. Spaß an der Musik hat, soweit ich das sehen konnte, dabei eine untergeordnete Rolle gespielt. Ich hatte immer den Eindruck, das ganze ist eher ein Ritual, mit dem die bessere Gesellschaft abgrenzen konnte, wer dazu gehört. Möglicherweise habe ich das hier leicht übertrieben dargestellt und allzu schwarz gemalt, aber so wirkte das in meiner Schulzeit auf mich.

(Dabei möchte ich zur Entlastung der erwähnten Deutschlehrer noch anmerken, dass die durchaus ihren etwas abgefahrenen Humor hatten, der mir auch damals schon gefiel, und dass sie ihre Theater- und Konzerthausbesuche sehr genossen. Das schien gelegentlich durch, wenn sie im Unterricht davon erzählten. Ihre Begeisterung hat sich aber auf niemanden in meinem Jahrgang übertragen.)

Dabei kann klassische Musik witzig und schmissig sein und riesig viel Spaß machen. Wer je selbst ein Instrument gespielt hat, wird das wissen. Selberspielen ist toll, und noch die bravste Interpretation des trockensten Stoffs kann eine Menge Spaß machen, etwa wenn man technisch anspruchsvolle Passagen richtig hinkriegt. Und man muss das Zeug ja nicht kreuzbrav spielen. Die Zeit, wo klassische Musik immer vor allem ernst zu sein hatte (daher ja auch E-Musik, im Gegensatz zur leichteren, gern als vulgär abgetanen U-Musik) und mit entsprechend großer Ernsthaftigkeit rezipiert werden musste, sind glücklicherweise vorbei.

Man kann jetzt auch mit klassischer Musik herumkaspern, ohne dafür gleich geächtet zu werden, Ensembles wie The King’s Singers, Philip Jones Brass Ensemble et al. sei Dank. Was heißt geächtet, es gibt natürlich immer noch betonharte Exponenten der ganz alten Schule, die ächten sowas schon, aber sie haben jetzt nicht mehr die Deutungshoheit. Wenn die etwas doof finden, kann man sich das herzlich egal sein lassen, und die Feuilletons, in denen die sich dann auskotzen, muss man auch nicht unbedingt lesen.

Ein Ansatz, der klassischen Musik den freudlosen Nimbus zu nehmen, ist die historische Aufführungspraxis, bei der man versucht, die Musik möglichst so zu spielen, wie sie zur Zeit ihrer Entstehung gespielt wurde, idealerweise auf historischen (oder nachgebauten) Instrumenten. Das hört sich bisweilen ziemlich ungewohnt an, weil eben nicht mehr alles irgendwie nach Karajans Berliner Philharmonikern klingt. Vivaldis Vier Jahreszeiten können jetzt tatsächlich wieder ohne weihevolle Würde und dafür mit Schmiss gespielt werden (wie das zu des Meisters Zeiten wohl auch üblich war) und klingen nicht mehr in jedem Fall wie der blasse Schatten eines blutleeren Gespenstes bei Nebel.

Nikolaus Harnoncourt fällt mir da ein, der hat die Idee wesentlich vorangetrieben. Ludwig Güttler hat alte Blechblasinstrumente ausgegraben und alte, fast vergessene Blechbläsermusik darauf gespielt, und das klingt schon ganz anders als die High-Tech-Trompeten, auf denen die klassische Blechbläserliteratur sonst so interpretiert wird. Jordi Savall und Montserrat Figueras haben alte Musik mit sehr viel Schmackes zu Gehör gebracht. Ich finde das furchtbar spannend, da legt die alte Musik ihre lange Zeit fast unvermeidliche blasse Artigkeit ab und macht richtig Spaß.

Historische Aufführungspraxis und Kasperei gehen gelegentlich auch ineinander über. Dank einer Bekannten habe ich vor einiger Zeit den französischen Countertenor Philippe Jaroussky entdeckt. Der ist ein tolles Beispiel dafür, dass man (Achtung: Arrogante Spitze eines bekennenden Opernverächters) auch als Tenor gut singen kann und überhaupt dafür, dass alte Musik nicht langweilig sein muss, sondern jede Menge Spaß machen kann, Musikern wie Zuhörern bzw. Zuschauern. Seine Version der Ciaccona di Paradiso e dell’Infierno (mit L’Arpeggiata unter der Leitung von Christina Pluhar) ist klasse, sowohl musikalisch als auch, ähm, schauspielerisch. Oder die Kaspereien, die er mit Marie-Nicole Lemieux verzapft hat. Ohne jetzt jedes klassische Konzert zur Slapstickiade umgemodelt sehen zu wollen, von der Sorte könnte es ruhig noch mehr geben!


5 Kommentare on “Singspiele”

  1. Stefan R. sagt:

    Ohh ja, ich hatte auch mal eine klassische Phase, in der ich sogar mal ein Jahr lang eine Vormiete hatte. Bereue ich aber nicht, außerdem ist mir eine ordentliche CD-Sammlung geblieben, auf die ich immer gern zurückgreife. Auch ein gelegentlicher Konzertbesuch ist wirklich nett.
    Aber das weihevolle, steife Getue des Kulturbetriebs fand ich auch leicht lächerlich. Ich meine, dass eine Bruckner-Symphonie oder ein Streichquartett sich am besten in aufmerksamer Ruhe genießen lassen, die auch ein Zeichen des Respekts gegenüber den Musikern ist, sollte klar sein. Aber es geht auch anders.
    Vor ein paar Jahren habe ich im Covent Garden in London (in der Markthalle, nicht im Opernhaus) ein junges kanadisches Ensemble im Stehen Mozart spielen gehört. Wie die die Musik zum Rocken gebracht haben und der Riesenspaß, den die dabei hatten, das hat mir fast die Glückstränen in Augen getrieben und hing mir noch wochenlang nach.

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  2. gnaddrig sagt:

    Genau darauf wollte ich hinaus. Der Spaß an der Musik gehört in den Mittelpunkt, nicht das Abspulen verknöcherter Rituale, in denen es vor allem um das Zelebrieren der eigenen Wichtigkeit und Kultiviertheit geht.

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  3. eb sagt:

    Meine letzte Begegnung mit klassischer Musik, war beim wahnhaften Versuch des Erlernens eines dieser Saiteninstrumente mit Holzbauch, – unter tatsächlich sogar schulmeisterlicher Anleitung. Und ist ziemlich schnell daran gescheitert, dass ich es einfach unanständig fand, das Ding in klassischer, – aber steifer Haltung zwischen die Knie zu klemmen. Anstatt es bequem aufs rechte Bein legen zu können. Nicht das ich deshalb jetzt besser oder überhaupt spielen könnte,🙂 – aber das zwanghafte Getue ist mir so was von auf den Nerv gegangen. So Musiklehrer, gibt’s tatsächlich immer noch. Die selbst noch bei einer schriftlichen Erklärung, dass man nicht vorhat bei den Philharmonikern mitzumachen, – partout darauf bestehen, bevor überhaupt eine Saite klingen darf. Die auch noch im Grüppchen unter sich, – au weiah.

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  4. gnaddrig sagt:

    Man muss halt wissen, was man will. Und manchmal auch, was man nicht will🙂

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  5. […] muss ja nicht gleich wie Wagner komponieren und singen wie Philippe Jaroussky oder Freddy Mercury, man muss weder Pionier sein wie Jimi Hendrix noch Virtuose wie, ach, sucht […]

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