Lose Enden

Das Abendland geht ja regelmäßig unter. Nicht nur gibt es seit bald 2000 Jahren immer wieder offizielle, halboffizielle oder ketzerische Termine für den Weltuntergang, der natürlich auch das Abendland mit hinwegfegen würde. Auch eine Nummer kleiner, nämlich auf das Abendland selbst beschränkt, droht ständig Gefahr. Die verkommene Jugend ist seit Sokrates eigentlich ständig dabei, das Abendland dahinzuraffen. Gut, zu Meister Sokrates Zeiten gab es das Konstrukt Abendland in der Form wohl noch nicht, aber die Denkart an sich war damals schon etabliert.

Die jeweils aktuellen Entwicklungen in Politik, Wissenschaft, Kunst und Musik sind seit weit über tausend Jahren ständig im Begriff, das Abendland in ein frühes Grab zu bringen. Spätenstens die Einführung der Buchdruckerkunst mit beweglichen Lettern, der Dampfmaschine, des elektrischen Lichts, des Telefons, des Autos, des Radios, des Fernsehens, des Internets würden, da war man sich jeweils sicher, dem geschundenen Abendland dann wirklich endlich den langherbeigefürchteten Garaus machen. Alternativ müssten Rock’n’Roll und Hip-Hop und ihre vielen Derivate sowie die Fahrstuhl-, Kaufhaus- und Warteschleifenmusik den unvermeidlichen Exitus des Abendlandes endgültig zuwege bringen.

Von der galoppierenden Durchdringung der heiligen deutschen Sprache mit bösen Anglizismen haben wir da noch gar nicht angefangen, ebenso von der schleichenden Analphabetisierung der Jugend durch Fastfood, Zuckerbrause und Twitter. Und dann sind da noch die Zersetzung der Gesellschaft durch Aufhebung der jahrzehntelang stabilen Ladenschlusszeiten, die kürzliche Preissteigerung für den Standardbrief der Post um 5,45%, die neuen europäischen Führerscheinklassen, die Überflutung Nordeuropas mit anatolischen und südeuropäischen Gastarbeitern, Saisonarbeitern aus dem ehemaligen Ostblock und afrikanischen Asylbewerbern sowie die Einführung der Homo-Ehe usw. Das Abendland, liebe Leute, ist so gut wie tot.

Natürlich war es schon immer so, dass die Jungen alles besser wussten, darum alles Mögliche in Frage stellten und es dann schon aus Prinzip anders machten als die Alten. Oft legten sie dabei eine Menge Selbstgerechtigkeit und Aggressivität an den Tag, hielten ihre überwiegend naseweisen Ideen für den wilden Strom der Zeit, dem man sich im eigenen Interesse besser nicht entgegenstemmen sollte. Bob Dylan hat das in The Times They Are a-Changin’ sehr schön auf den Punkt gebracht:

If your time to you
Is worth savin‘
Then you better start swimmin‘
Or you’ll sink like a stone
For the times they are a-changin‘.

Die Neigung, sich für den Nabel der Welt zu halten, das eigene Weltwissen als den Gipfel aller denkbaren Erkenntnis anzusehen, alte Zöpfe alte Zöpfe zu nennen und dann ohne viel Federlesens einfach abzuschneiden, ist in jungen Jahren meistens am Ausgeprägtesten oder tritt jedenfalls am Unverblümtesten zu Tage. Viele werden mit zunehmendem Alter etwas stiller, meistens resignierter, manchmal auch realistischer.

Dabei wechselten sich schon immer Zeiten, in denen sich viele Dinge schnell und tiefgreifend änderten, mit Zeiten ab, in denen sich nicht so viel tat. Aber egal, meistens stellten die jungen Wilden nach zwanzig, dreißig Jahren zu ihrem großen Erstaunen fest, dass die alten Zöpfe entweder gar nicht ab waren oder auf unerklärliche Weise irgendwie unbemerkt wieder nachgewachsen waren. Dass mancher frühere Lockenkopf jetzt glatte Haare hatte oder umgekehrt, spielt da keine große Rolle. Das englische Sprichwort The more things change, the more they stay the same scheint sich hier zu bestätigen. Der Strom der Zeit fließt eher behäbig dahin, reißt mit seinen meistens lokal begrenzten Turbulenzen schon manches mit sich fort, ändert aber insgesamt weniger, als der erste Eindruck vermuten lässt.

Aber zurück zum geschundenen Abendland und seinem von böswilligen Mitmenschen so eifrig betriebenen, unmittelbar bevorstehenden tragischen Ableben. Wenn es all die Tode, die ihm seit Sokrates vorausgesagt wurden, wirklich mal sterben sollte, gäbe es nicht genug Granit für einen Grabstein, auf den das alles draufpasst:

Hier ruht das
Christliche Abendland,
von uns gegangen den x.y.zzzz
als unschuldiges Opfer von
[und jetzt kommt eine Liste
mit mehr Punkten als
Pi Nachkommastellen hat].

Tatsache ist, das Abendland ändert sich, aber es geht nicht unter. Es weigert sich hartnäckig, den Unkereien zu folgen und sich in den Schatten des nächsten Kirchturms zu legen. Die ganzen angekündigten Enden des Abendlandes haben bislang nicht stattgefunden und sind jetzt übrig. Aber was machen wir jetzt mit den ganzen losen Enden? Einfach so lose herumhängen lassen sieht unordentlich aus. Könnte man vielleicht was Hübsches draus flechten, per Makramee vielleicht?

So oder so, der Weltuntergang lässt auf sich warten, ungefähr wie Godot. Man kann sich damit beschäftigen, die Zeit bis zu seinem Kommen irgendwie totzuschlagen, oder man lebt einfach. Wenn Godot vorbeischaut, wird man das ganz bestimmt mitkriegen. Wenn er nicht kommt, hat man sich gefühlte Ewigkeiten voller idiotischer Streitereien und alberner Zeitvertreibereien gespart. Das Leben ist zu kurz um es in der Warteschleife abzusitzen. Die Welt zu schön um die Zeit darin nicht zu genießen, so gut man kann, und gleichzeitig zu verkorkst, als dass man nicht wenigstens ein bisschen Weltverbesserung treiben sollte.

Auch wenn natürlich niemand im Alleingang die ganz großen Probleme lösen kann – hier und da ein kleines Quäntchen Verbesserung kriegt man schon hin. Jede kleine Sauerei, die jemand verhindert, ist eine Sauerei, die die Welt nicht belastet. Jede noch so kleine gute Tat macht die Welt ein winziges bisschen besser. Irgendetwas Machbares dürfte jeder finden können, und wenn genügend Leute das mitmachen, wird das Abendland noch weniger untergehen als ohnehin schon, und die Welt wird ganz nebenbei auch noch ein kleines bisschen lebenswerter. Vielleicht ist das naiv, aber Kleinvieh macht auch Mist…



In den Wald hineinrufen

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