Viel Glück und viel Segen

Neulich ist mir in der Stadt ein Pärchen begegnet, wie aus dem Bilderbuch. Sie gingen Arm in Arm, die Köpfe aneinander gelehnt, praktisch miteinander verschmolzen. Sie waren beide ziemlich jung, vielleicht vierzehn oder fünfzehn, und so wie sie völlig versunken und strahlend durch die Stadt schwebten, waren sie sicher noch nicht lange zusammen. Vielleicht war es der erste gemeinsame Gang als Pärchen. Die beiden waren so offensichtlich so glücklich, es war einfach herzerwärmend.

Als sie an mir vorbei waren, habe ich mich umgedreht und ihnen nachgesehen, und sogar von hinten war offensichtlich, wie glücklich sie waren. Während ich den beiden noch gerührt hinterhersah, schoss mir der Gedanke durch den Kopf, dass ich denen vielleicht in etwas Abstand folgen sollte, damit ihnen nichts passiert. Damit ich eingreifen könnte, wenn jemand sie anmacht oder angreift.

Woher kommt jetzt dieser Gedanke? Gut, ich habe eigene Kinder, und an deren Sicherheit denke ich natürlich auch. Wenn die in dem Alter sind, hoffe ich auch, dass sie nicht angepöbelt werden, weil irgendjemandem ein Detail an ihnen nicht passt. Von da ist der gedankliche Sprung zur Sicherheit anderer junger Leute nicht so groß. Aber Liebespärchen auf offener Straße sind nun wirklich keine Seltenheit, und Zärtlichkeiten in der Öffentlichkeit schon lange kein Tabu mehr. Außerdem waren die beiden, von ihrer beinahe unanständigen Glücklichkeit mal abgesehen, sehr dezent, die sind sich nicht an die Wäsche gegangen oder so. Nichts, über dass sich jemand hätte aufregen müssen.

Warum also Angst haben um die beiden? Nun, auch in Deutschland müssen Schwule damit rechnen, nur deshalb dumm angemacht zu werden, weil sie eben schwul sind und die Dreistigkeit besitzen, das nicht schamhaft zu verstecken. Und so offen, wie die beiden ihre Liebe zeigten, hatte ich Angst, dass sie es ganz bald auf die harte Tour lernen würden. Das haben sie aber nicht verdient, niemand hat das verdient. Überhaupt, etwas so Schönes, wie diese beiden Jungs zusammen darf man nicht einfach kaputtmachen.

** * **

Natürlich kann ich den Leuten nicht nachlaufen, sie nicht wirklich vor allen Widrigkeiten beschützen. Und wenn diese beiden, dann jedenfalls nicht all die anderen, die es genauso verdienen würden, ohne Feindseligkeit öffentlich sie selbst sein zu dürfen. Aber mir hat es schon leid getan bei dem Gedanken, dass irgendein kleingeistiger, hasserfüllter Blockwart oder ein gedankenloser Trampel diesen zwei einzigartigen Leuten einen solchen Tag verderben und ihnen damit wahrscheinlich gleich auch einen zu großen Teil ihres restlichen Lebens vergiften könnte, bloß weil die beiden nicht in irgendein egales Weltbild passen.

Dass sich die Homophobie jemals ganz ausrotten lassen wird, halte ich für sehr unwahrscheinlich. Andere auszugrenzen und sich oder die eigene, wie auch immer definierte Gruppe oder Klasse auf Kosten anderer aufzuwerten, scheint Teil der menschlichen Natur zu sein. Und hat man dieses Unkraut an einem Ende des Gartens halbwegs beseitigt, wächst am anderen Ende schon wieder welches nach.

Aber wenn wir in einer Gesellschaft leben wollen, in der Diskriminierung und Verachtung nicht mehr die Norm sind und ohne weiteres toleriert werden, sondern in der man sich gegenseitig achtet und stehenlässt, müssen wir aufhören, wegzuschauen. Wenn man mit homophoben Verhaltensweisen nicht mehr toll dasteht, sondern sich unmöglich macht, ist das ein starker Anreiz, solches Verhalten abzulegen. Und der erste Schritt dazu ist, dass möglichst viele Leute homophobes Verhalten nicht mehr durch Wegschauen und Ignorieren unterstützen. Dasselbe gilt auch für Sexismus, Rassismus und alle möglichen anderen Spielarten der Ausgrenzung und Diskriminierung. Alles Dinge, wo Wegschauen de facto Zustimmung bedeutet, auch wenn man als stummer Zeuge „eigentlich“ nichts gegen die jeweils Ausgegrenzten hat. Wer bei sowas schweigt, macht sich implizit zum Mittäter.

Ich selbst mag, wie die meisten Zeitgenossen, die meiste Zeit Teil der passiven, schweigenden Mehrheit sein, von der man nicht genau weiß, was sie über ein bestimmtes Thema denkt, und die allzuoft nicht eingreift, wenn wieder mal jemandem in der Öffentlichkeit Unrecht getan wird, manchmal mangels Gelegenheit, manchmal aus Feigheit, manchmal, weil sie es wirklich nicht mitkriegt. Das lässt sich wohl nicht immer vermeiden, aber wo es nötig ist und ich kann, will ich jedenfalls den Mund aufmachen, nicht nur anonym hier im Blog, sondern auch im echten Leben.

Die beiden Jungen kenne ich nicht. Ich würde sie jetzt schon nicht mehr wiedererkennen, und ich weiß natürlich nicht, was aus ihnen geworden ist. Aber ich wünsche ihnen von ganzem Herzen alles Gute und Schöne, oder wie es in dem Geburtstagslied heißt, viel Glück und viel Segen auf all ihren Wegen. Und dass sie sich vom Gegenwind nicht unterkriegen lassen.



In den Wald hineinrufen

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