Nur an einem Wochenende

Es ist mal wieder Zeit für eine kleine Klugscheißerei in Sachen Sprache. Genauer gesagt, in Sachen präziser Ausdruck statt schlampiger Formulierung. Der Anlass: Bei uns in der Nähe werden ein paar Meter Straßenbahngleise erneuert.

In einem freundlichen Schreiben informieren die Verkehrsbetriebe die Anlieger über die zu erwartenden Unannehmlichkeiten: Lärm, Umleitungen, so Sachen. Man müsse die Gleise hier aber nun einmal austauschen, und während die Vorarbeiten wie Pflastersteine zwischen den Schienen wegmachen, Betonplatte herstellen usw. bei laufendem Betrieb möglich seien, könne

der Einbau der Gleise nur an einem Wochenende unter Vollsperrung des Straßenbahnbetriebs erfolgen.

Und das ist, so wie es da steht, natürlich Unsinn mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht ganz richtig. Die technische Voraussetzung für den Einbau der neuen Gleise dürfte eine Vollsperrung sein. Ob die aber nachts an einem Wochenende stattfindet oder an einem Montag im dicksten Berufsverkehr ist technisch gesehen völlig wurscht. Es ist ja nicht so, als käme den einzubauenden Schienen der Biorhythmus durcheinander oder würden die Pressluftschrauber werktags bei Sonnenlicht nicht funktionieren.

Dass man sich die Sache durch ungeschickte Zeitplanung nicht unnötig verkomplizieren will, versteht sich von selbst. Man sucht sich einen einigermaßen verkehrsarmen Zeitraum, damit die Sperrung möglichst wenig stört. Da kommt man fast automatisch auf die Idee, die Sache an einem Wochenende über die Bühne zu bringen und dabei auch die Nächte durchzumachen. Da ist nunmal am wenigsten los, eine vernünftige Entscheidung also.

Aber davon steht nichts in dem Schreiben. Die Formulierung kann nur an einem Wochenende (…) erfolgen spiegelt (bestimmt unbeabsichtigt) eine objektive Unmöglichkeit vor, die Sperrung zu einer anderen Zeit als an einem Wochenende vorzunehmen.

Damit das Geschriebene das Gemeinte ausdrückt, gehört der Passus an einem Wochenende gelöscht oder näher erklärt. Wenn man die organisatorischen Gründe für die Terminwahl sicherheitshalber nochmal extra erwähnen will, kann man das ja tun, aber eben richtig, vielleicht ungefähr so: …kann der Einbau der Gleise nur unter Vollsperrung des Straßenbahnbetriebs erfolgen. Um die Beeinträchtigungen möglichst gering zu halten, ist das Wochenende der beste Zeitraum dafür. Die entsprechenden Arbeiten werden deshalb in der Zeit von Freitag abend bis Sonntag morgen stattfinden.

Ich bin (Achtung: Schamlose Selbstbeweihräucherung) so wahnsinnig gut, es ist kaum auszuhalten. Vielleicht mache ich mich mit sowas mal selbstständig: gnaddrig – wasserdicht formulierte Texte oder so. Andererseits ist es natürlich viel einfacher, Lücken und Macken in vorgegebenen Texten zu finden, als beim Schreiben Lücken und Macken zu vermeiden. Das ist jedenfalls meine Erfahrung mit meinen eigenen Texten und Übersetzungen. Die sind nämlich – horribile dictu – auch bei weitem nicht fehlerfrei, und wenn ich denen nach einem Weilchen wieder begegne, kommt mir gelegentlich das kalte Grausen. Also bleibe ich erstmal doch lieber Hobbyblogger…

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4 Kommentare on “Nur an einem Wochenende”

  1. Nesselsetzer sagt:

    Seit ich hin und wieder mit autistischen Menschen Schriftverkehr pflege fällt mir umso mehr auf, dass in vielen Aussagen es gar nicht um objektive Aussagen geht, sondern um weitreichende emotionale Übermittlungen (es fällt deshalb auf, weil manche Autisten emotionale Aussagen überhaupt nicht aufnehmen können). Insofern verstehe ich den Text als Einleitung zuerst dahingehend, dass die Bauarbeiten unbedingt an den Wochenenden sein müssen – wegen des Verkehrsaufkommens in der Woche sowie wegen der geringsten Störungen im Strassenbahnfahrbetrieb. Aber das ist nur die Einleitung. Die eigentliche Aussage ist die, dass es richtig Baulärm am Wochenende und in der Nacht geben wird. Und da alles zwingend und „alternativlos“ ist, braucht sich auch niemand zu beschweren, weil es (angeblich) keine andere Möglichkeit gibt. Es wird am Wochenende und in der Nacht also höllisch laut. Das Schreiben wurde mit voller Absicht so formuliert. 😉

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  2. gnaddrig sagt:

    Hm, das ist ein interessanter Gedankengang. Wer weiß, vielleicht haben die einen Psychologen da sitzen, den sie bei der Formulierung solcher Schreiben konsultieren. Und was das „zwingend und alternativlos“ angeht, da habe ich sie ja nun durchschaut. Den ausgelutschten Ladenhüter sind sie also auch diesmal nicht losgeworden…

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  3. Nesselsetzer sagt:

    Wieso Psychologen? Manchmal habe ich das Gefühl, dass meine gesamte Umgebung nur aus Spezialisten für emotionale Erpressu… äh … Aussagen besteht. Das merkt man schon daran, wenn jemand einen alternativlosen Satz beginnt mit „Meinst Du nicht, du solltest….“ o.ä. 😉

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  4. gnaddrig sagt:

    Da könnte was dran sein. Andererseits, die Art Experte sind wir doch eigentlich alle, oder? Oft genug nicht einmal aus böser Absicht. Weil: Selber „weiß“ man ja in der Regel, dass man recht hat und die Dinge richtig sieht. Wenn nur die anderen auch so vernünftig sein könnten 😉

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