Auf keinen Fall zu kalt!

Um diese Jahreszeit können die Getränke gar nicht kalt genug sein. So nahe wie möglich am Gefrierpunkt ist gerade so kalt genug, wenn schon der Gang zum Kühlschrank gleich einen Viertelliter Flüssigkeitsverlust durch Schwitzen verursacht. Natürlich ist es nicht so wahnsinnig gesund, große Mengen eiskaltes Zeug in sich hineinzuschütten, aber ein gutgekühlter Viertelliter muss dann und wann schon mal sein. Eiskalt.

Bier auch. Mittlerweile gibt es ja genug alkoholfreies, das man im Prinzip wie Limonade trinken kann. Die Fachwelt empfiehlt für Bier recht einmütig eine Trinktemperatur von 7 – 9°C, damit sich die ganzen feinen Geschmacksnuancen auch ordentlich entfalten können. Zu kalt sei nicht gut, das mache den Geschmack kaputt, und über zu warm müssen wir gar nicht erst reden, denke ich. Zu kalt solle man im Interesse kultivierten Genusses jedenfalls vermeiden.

Bei Außentemperaturen, die altmodische Fieberthermometer (die gläsernen mit Quecksilber drin) an ihre Grenzen bringen, dürfte es den meisten Leuten aber vor allem um Abkühlung gehen, Feinschmeckerpose ist da nicht vorgesehen, und Geschmacksnuancen kommen bei Backofenwetter so oder so nicht recht zur Geltung. Kalt muss es sein, 3 – 4°C, es muss beim Trinken zischen, Temperatur schlägt Geschmack.

Aber eigentlich geht es mir gar nicht um Bier, sondern um Saft, warmen Saft. Meine Großmutter hatte wohl irgendwo gelesen, dass es gar nicht gut sei, allzukalte Getränke zu sich zu nehmen. In der Apothekenrundschau oder so. Und soweit man den Flüssigkeitsbedarf nicht sowieso vorwiegend mit Pfefferminztee oder ähnlichen Scheußlichkeiten deckte (ihre Empfehlung), waren gekühlte Getränke unbedingt zu vermeiden. Des Magens wegen und der Gesundheit.

Nun soll man ja Saft nach Öffnen der Packung im Kühlschrank aufbewahren, damit er nicht so schnell verdirbt. Damit machte man ihn aber in Grußmutters Augen leider akut gesundheitsgefährdend und damit natürlich untrinkbar. Also hat sie jedesmal, wenn ein Enkelkind Saft wollte, selbigen in einen Kochtopf gekippt und warmgemacht. Zieltemperatur war handwarm, aber manchmal war der Herd zu temperamentvoll oder das Telefon klingelte zur Unzeit, und dann kam das Zeug schonmal lauwarm ins Glas. Nur Salzwasser ist schlimmer…

Malzbier durfte man bei ihr interessanterweise direkt aus dem Kühlschrank trinken. Nicht, dass der besonders kalt eingestellt war. Ein Kühlschrankthermometer hatte ich im Grundschulalter natürlich nicht greifbar, aber das wird nicht viel unter 10°C gewesen sein. Immerhin viel besser als lauwarmer Orangensaft, nur leider kann man auch als Kind nicht den gesamten Flüssigkeitsbedarf dauerhaft mit Malzbier decken, und wenn das Zeug alle war, riskierte man gleich wieder angewärmten Saft.

Dass mit „keine kalten Getränke“ sicher eher „nicht unter 8°C“ gemeint war und ganz bestimmt nicht „mindestens 18°C“, war ihr nicht zu vermitteln. Ich habe dann meistens Leitungswasser getrunken, und da hat sie nie was gegen gesagt.

Ich habe seitdem von mehreren Leuten gehört, dass deren Großmütter das mit den kalten Getränken und dem Saftwärmen ähnlich gehandhabt haben. Vielleicht könnte mal jemand diesen Artikel aus dem Verkehr ziehen, der offenbar seit Jahrzehnten im deutschen Sprachraum kursiert und jeden Sommer wieder abgedruckt wird? Denkt denn keiner an die armen Kinder, die die Brühe dann trinken müssen?

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2 Kommentare on “Auf keinen Fall zu kalt!”

  1. Yadgar sagt:

    Man kann es allerdings durchaus auch übertreiben – im September 2015 machte ich auf einer Radtour Richtung Wuppertal in Burg an der Wupper (Bergisch-Swanetien… ;-)) Station, kaufte mir im Kiosk eine Flasche Mineralwasser, die auf gefühlte -20°C heruntergekühlt war – das Wasser ohne Kopfschmerzen zu trinken war nur in Mini-Schlücken möglich!

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  2. gnaddrig sagt:

    Ja, das gibt es auch. Besonders fies, wenn man verschwitzt und durstig ist und das gute Zeug nur tröpfchenweise verinnerlichen kann…

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