Mitreden können

Es passiert immer mal, dass man fremde Gespräche unfreiwillig mithört. Im Bus, im Zug, im Café, auf der Straße. Manchmal nur ein paar Satzfetzen, manchmal längere Passagen, etwa wenn man eine Weile in dieselbe Richtung geht wie die sich Unterhaltenden, oder wenn die im nächsten Abteil sitzen und eher laut sprechen.

Das kann zwar nerven, ist aber meistens nicht weiter schlimm, solange die Leute nicht allzudummes Zeug von sich geben (oder was ich – zu recht oder unrecht – dafür halte). Man unterhält sich eben auch in der Öffentlichkeit, oft zwangsläufig in Hörweite anderer. Wer damit nicht leben kann, muss halt zuhause bleiben.

Manche sprechen aber ungeniert in einer Lautstärke, als ob sie ein Theater ohne Verstärker beschallen wollen. Das kann man dann nicht mehr so einfach ausblenden. Heute ist bei sowas oft ein Telefon im Spiel. Das ist alles nichts Neues, es sind sicher schon hunderte Kolumnen, Blogartikel und Kommentare dazu geschrieben worden. Aber manchmal gibt es auch bei diesem ausgelutschten Thema noch besondere Momente.

Vor ein paar Tagen kommt einer mit dem Handy am Ohr an einem Zwischenhalt in den Zug, setzt sich ins nächste Abteil, sodass er praktisch Rücken an Rücken mit mir sitzt, und telefoniert. Ich bin müde, lese ausnahmsweise mal nicht und hänge stattdessen halbwach meinen Gedanken nach. Er untehält sich unaufgeregt und völlig ungeniert mit angenehm sonorer, weit tragender Stimme und sehr klarer Aussprache. Klingt durchaus sympathisch, der Mann.

Es geht um eine Verabredung mit ein paar Freunden, ob x auch kommen könne, ob y sich schon gemeldet habe und was z meinen werde, wenn man statt ins a ins b ginge, so Sachen, nebst einem Diskurs über ein kleines technisches Problem im Büro. Das ganze ist so alltäglich, dass ich fast die Beiträge des Gesprächspartners am anderen Ende der Leitung improvisieren kann. Sätze wie Nein, x kann nicht, der hat Spätdienst, oder z fand das a sowieso doof, der geht viel lieber ins b kommen mir in den Sinn. Meine Improvisationen hätten als Gegenstück zu seinem Äußerungen, glaube ich, ganz gut ins Gespräch gepasst.

Mein innerer Dialoggenerator läuft also mühelos auf halber Leistung, und unversehens finde ich mich dabei wieder, mir eine ganze Geschichte um die unfreiwillig mitgehörten Gesprächsfetzen zu spinnen. Nicht ganz so virtuos wie Tucholsky in der Hotelhalle, aber immerhin. Bald bin ich kurz davor, mich in völliger Selbstvergessenheit tatsächlich an dem Gespräch zu beteiligen. Bevor soweit kommt, ist das Telefonat zum Glück vorbei.

Ein Schönen Gruß an x und viel Spaß im b kann ich mir gerade noch verkneifen. Ich weiß mich immerhin zu benehmen in der Öffentlichkeit, meistens…


2 Kommentare on “Mitreden können”

  1. tinyentropy sagt:

    sehr schöne geschichte! ich amüsiere mich immer, wenn die leute ihre beziehungsprobleme derart in der öffentlichkeit zur schau stellen. da wird rumgekeift, aufgelegt, auf den fingernägeln gekaut, wieder angerufen, erneut gestritten. unglaublich!

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  2. gnaddrig sagt:

    Danke 🙂 Es ist manchmal, als ob die Leute glauben, in einer Art Privatsphäreblase zu verschwinden, sobald sie sich unterhalten, egal ob mit Anwesenden oder am Telefon, wo keiner das Gespräch mithört.

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In den Wald hineinrufen

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