Wenn einer eine Reise tut…

So, jetzt bin ich wieder zurück, natürlich nicht ohne was zum Erzählen, zum Beispiel von der Bahn.

In den großenteils ziemlich ältlich gewordenen Intercity-Zügen der Deutschen Bahn gibt es zwischen den Waggons diese hübschen Automatiktüren. Wenn man den Türgriff zur Seite drückt, wird eine hydraulischer Apparatur aktiviert, und die Tür gleitet wie von Zauberhand geöffnet auf. Das wirkt nur deshalb nicht elegant, weil in dem kurzen Gang zwischen den beiden Waggons unten nur ein Blech und an den Seiten eine Art Lkw-Plane zwischen dem Fahrgast und der Außenwelt ist und einem beim Öffnen der Türen der harte, alles übertönende Lärm der Stahlräder auf den Schienen entgegenschlägt.

Aber egal. Die Tür wird also maschinell geöffnet, wenn man über den Türgriff die Automatik aktiviert („Automatik“ wahrscheinlich deshalb, weil die Tür nach einer Weile von selbst wieder zugeht; in den 80er Jahren war das in Deutschland neu und ziemlich cool – ich erinnere mich noch an die oft ziemlich nervtötenden, entweder klemmenden oder völlig ungehemmt auf- und zurutschenden Schiebetüren in den alten D-Zügen). Die Schiebetür läuft dabei offen und ungeschützt vor der „Giebelwand“ des Waggons, also zwischen dem Durchgang zum nächsten Waggon und der Tür, durch die man den Zug verlässt. An diese Wand soll man sich deshalb nicht anlehnen.

Logisch, denn wenn die staubige, u.U. ölige Gummidichtung der aufgehenden Schiebetür jemandem den feinen Zwirn verschmutzt oder zerreißt, gibt es für alle Beteiligten nur Ärger. Erst recht natürlich, wenn sich jemand dabei verletzt. Finger oder lange Haare könnten leicht zwischen Schiebetür und Wand geraten, und das kann schmerzhafte bis schlimme Folgen haben – die Gummidichtung ist je nach Alter ziemlich griffig, und die Hydraulik ist sehr robust ausgelegt und duldet keinen Widerstand.

Um diese Art Ärger zu vermeiden, hat die Bahn im Öffnungsbereich der Tür Warnungen platziert, allerdings nicht einheitlich. Nun sind ja Waggons verschiedener Baureihen von verschiedenen Herstellern als Intercity unterwegs, in den letzten 40 Jahren hat sich da einiges an rollendem Gut angesammelt. Auch die ehemaligen Eurocity-Waggons mit ihren Sitzgruppen anstelle strenger Sitzreihen in den Großraumabteilen laufen jetzt als IC. Die einzelnen Züge werden natürlich nicht immer nur aus Waggons derselben Baureihe desselben Herstellers gebildet, sondern sie sind oft bunt zusammengewürfelt, je nachdem, was im Depot gerade verfügbar war, und da hat man manchmal Gelegenheit zu interessanten Beobachtungen.

Ich habe neulich zum Beispiel den folgenden Aufkleber gesehen und mich gewundert:

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Der hängt hier:

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Diese Tür, die genau so wahrscheinlich schon 1882 hätte gebaut werden können, soll sich selbsttätig öffnen? Kaum vorstellbar. Da wird ja wohl kaum wie im Zeichentrickfilm eine Roboterhand aus der Decke kommen, das Schloss mit einem Vierkantschlüssel aufschließen und die Tür öffnen? Man wird allerdings drauf gestoßen, was gemeint ist, wenn die sich öffnende Schiebetür nebendran einem beim genauen Studieren des Aufklebers die Nasenspitze rammt. Da hätte dann die Warnung ihren Zweck gleich schonmal verfehlt.

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Dass es auch anders geht, zeigt die Bahn gleich auf der anderen Seite der Tür im nächsten Waggon:

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Im Zusammenhang sieht das so aus:

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Nicht nur sind hier neben Deutsch die bahnüblichen Sprachen Englisch, Französisch und Italienisch vertreten, sondern der Text ist auch viel verständlicher. Es wird kurz und unkompliziert mitgeteilt, welche Tür gemeint ist: Achtung! Nicht anlehnen – Öffnungsbereich der Schiebetür. Sehr schön, es geht doch!

Nur über die Platzierung des Piktogramms mit dem Koffer könnte man streiten. Dort oben, wo der Aufkleber hängt, stellt man natürlich keinen Koffer hin, aber man sieht das Koffer-nicht-Abstellen-Dings gleichzeitig mit dem Text, das wäre also in einem Aufwasch erledigt.

Bei dem ersten Schild („Achtung! Nicht anlehnen – Tür öffnet selbsttätig“) war das Koffer-Piktogramm dort angebracht, wo man den Koffer im Zweifelsfall hingestellt hätte, nämlich etwa in Kniehöhe. Das sieht man erst, wenn man den Koffer tatsächlich dort abstellt. Wenn der Koffer nicht den Aufkleber verdeckt, bevor man ihn entdeckt hat.

Egal, welche Lösung die sinnvollere ist, die unterschiedliche Handhabung lässt vermuten, dass es zwar Vorschriften gibt, welche Hinweise, Warnungen und Verbote in Text- oder Piktogrammform angebracht werden müssen, aber kein zuendegedachtes Informationsdesign, ode dass dieses Informationsdesign mindestens einmal erheblich geändert wurde.

So oder so ist das eine ungünstige Situation – jedesmal, wenn ein Fahrgast eine solche Warnung gar nicht erst versteht, oder aufgrund kryptischer Formulierung nachdenken muss, erhöht sich das Risiko, dass etwas schiefgeht. Und wenn dieselbe Information in den verschiedenen Waggons auf unterschiedliche Weise dargestellt ist, führt das auch zu Unsicherheit und erhöht das Risiko von Missverständnissen und verursacht unter Umständen ein Gefühl der Unsicherheit. Psychologisch ungünstig, wenn man sich als der kompetente Betreiber eines der sichersten Verkehrsmittel überhaupt darstellen will.

Natürlich kann man nicht jedesmal, wenn der Hier-keine-Koffer-abstellen-Hinweis ein bisschen geändert wurde, in jedem der gut 9.500 Fernverkehrswaggons (Stand 2005) gleich alle Aufkleber austauschen, zumal die neuen nicht in allen Fällen eine Verbesserung gegenüber den alten darstellen dürften. Aber dann könnte man eben behutsamer mit den Änderungen umgehen oder den Herstellern detaillierter vorschreiben, was für Aufkleber wo und wie zu verwenden sind. Allerdings wäre das auch wieder langweilig, ich will mich also nicht beschweren…


4 Kommentare on “Wenn einer eine Reise tut…”

  1. Besser, die Türen öffnen sich selbst- als gewalttätig. Obwohl ich der Bahn in der Tat alles zutraue.

    Bei den gezeigten Türen sowieso.

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  2. gnaddrig sagt:

    Vor allem, wenn die Automatikgriffe mit den Jahren etwas abgenutzt sind und nur noch auf praktisch gewalttätige Impulse reagieren.

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  3. tinyentropy sagt:

    Du hast Themen – unglaublich. Vor allem aber super detailliert erörtert!
    Ich denke es ist schon eine ziemliche Herausforderung für die Bahn alle potentiellen Gefahrenquellen im Betrieb einheitlich, verständlich und immer widerspruchsfrei zu kennzeichnen. Hoffentlich lesen sie hier mit, es könnte ihnen helfen. Mir gefällt auf jeden Fall, wie Du das Thema konsequent beleuchtest.

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  4. gnaddrig sagt:

    Danke 🙂 Es macht mir jedenfalls Spaß, Sachen wörtlich zu nehmen oder entlang gedachter Linien weiterzudenken, die so sicher nicht intendiert waren. Manchmal kriegt man dann herrlich absurde Schlüsse oder Szenarien hin.

    Meistens ist das nicht allzu ernst gemeint – diese Schiebetürwarnung dürfte in 99 von 100 Fällen korrekt verstanden werden, und wenn das mal jemand nicht versteht, dürfte wieder in 99 von 100 Fällen nichts Schlimmes passieren. Aber es könnte was passieren, und das wäre vielleicht vermeidbar, und darum lohnt sich das Beleuchten zumindest im Prinzip. Falls die Bahn hier mitliest und sich daraus eine Verbesserung in den Zügen ergäbe, wäre das natürlich klasse…

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