Muttertag der deutschen Sprache

Gestern war der vom Verein Deutsche Sprache (VDS) ausgerufene Tag der deutschen Sprache. Das ist eine der Maßnahmen, mit denen der VDS den Untergang der doch arg bedrängten deutschen Sprache in letzter Minute abzuwenden versucht.

Anatol Stefanowitsch hat im Sprachlog dazu eine Art Laudatio geschrieben und einen witzigen Vorschlag dafür vorgelegt, wie dieser Tag würdig begangen werden könnte: ungefähr wie der Muttertag. Ein Tag mit Frühstück im Bett und ohne Hausarbeit tut der deutschen Sprache sicher genauso gut wie der sagenumwobenen Deutschen Mutter™ (das ist die, deren Daseinszweck und höchstes Glück die restlose Selbstaufopferung für ihre Familie ist). Dann könnte die geschundene Sprache Goethes, Luthers und von der Vogelweides wenigstens mal einen Tag lang die Beine hochlegen und Luft holen, ohne von zeitgeistgetriebenen Sprachpanschern denglisiert zu werden.

Ach und weh!

So eine Verschnaufpause ist sicher wohltuend, löst aber keines der dringenden Probleme, vor denen Sprachschützer die deutsche Sprache sehen, etwa den als schmerzhaft empfundenen Bedeutungsverlust des Deutschen als Wissenschaftssprache. Früher wurden wegweisende Theorien in Deutschland entwickelt, bahnbrechende Entdeckungen in Deutschland gemacht und die zugehörigen Texte ganz selbstverständlich auf Deutsch geschrieben. Gut, Leibniz und Gauß haben noch auf Latein publiziert, aber von Clausewitz, Marx, Röntgen, Einstein und viele andere große Köpfe schrieben Bedeutendes auf Deutsch, und die Welt las mit.

Heutzutage findet zwar immer noch eine Menge Wissenschaft von Weltrang in Deutschland statt, nur publizieren deutsche Wissenschaftler mittlerweile überwiegend auf Englisch, weil sie auch außerhalb des deutschen Sprachraums gelesen werden wollen. Würden sie auf Deutsch publizieren, würde das außerhalb des deutschen Sprachraums praktisch niemand lesen. Die Ergebnisse fänden international kaum Beachtung. Deutschland wäre dann so etwas wie das Nordkorea der Wissenschaft – weitgehend abgeschnitten und ignoriert vom Rest der Welt. Das nützt niemandem, kann also kein sinnvolles Ziel sein.

Jetzt hat meine Frau einen Vorschlag, wie der VDS wesentlich dazu beitragen könnte, das Deutsche als Wissenschaftssprache wieder ein wenig aufzupäppeln. Der VDS möchte ja, dass wieder mehr Wissenschaftler auf Deutsch publizieren, um der in Deutschland betriebenen Wissenschaft international wieder mehr Sichtbarkeit und Geltung zu verschaffen.

Damit schön viel auf Deutsch publiziert werden kann, muss man dafür sorgen, dass deutsche Publikationen auch im Ausland gelesen werden können. Da kaum jemand extra dafür Deutsch lernen wird (die Leute haben sicher genug anderes zu tun), muss man eben den Propheten zum Berg tragen. Und da kommt der Vorschlag ins Spiel.

Und noch zehn Minuten bis Buffalo

Der VDS könnte ein Programm auflegen, das die professionelle Übersetzung auf Deutsch publizierter wissenschaftlicher Texte in die internationale Sprache der Wissenschaft, also ins Englische, organisiert und finanziert. Gefördert würden deutsche und ausländische (gern auch an ausländischen Universitäten tätige) Wissenschaftler, die ihre Erkenntnisse auf Deutsch pulizieren.

Nun habe ich als Übersetzer ein, sagen wir, eher lockeres Verhältnis zum wissenschaftlichen Arbeiten. Ich bin nicht wissenschaftlich tätig, produziere also keine Ergebnisse, die in Fachzeitschriften publiziert werden könnten, und ich habe auch nur sehr selten Anlass, wissenschaftliche Publikationen zu lesen. Darum kenne ich den wissenschaftlichen Betrieb nicht von innen und weiß auch nicht im Detail, wie solche Zeitschriften arbeiten. Aber vielleicht könnte man den auf Deutsch publizierten Texten die englische Übersetzung gleich mitgeben, oder parallel auf Deutsch und Englisch publizieren. Dann gäbe es all diese großartigen wissenschaftlichen Publikationen aus Deutschland auf Deutsch, und die internationale Wissenschaft könnte sie trotzdem problemlos verwursten, weil sie auch auf Englisch zugänglich wären.

Bis zum nächsten Tag der deutschen Sprache dauert es noch ein paar Monate, da wäre ausreichend Gelegenheit, so ein Projekt auf den Weg zu bringen. Dann hätten die Leute vom VDS was zu tun, die Wissenschaftler könnten ihre Ergebnisse in ihrer Muttersprache besser und müheloser aufschreiben, die zusätzlichen Aufträge für Übersetzer würden die Wirtschaft ankurbeln, es wäre eigentlich eine klassische Win-Win-Situation. Also los!

Alternativ könnte man einfach mal den Sprachgeist baumeln lassen.

Sprachlog: Ruhetag der deutschen Sprache - Einfach mal den Sprachgeist baumeln lassen


4 Kommentare on “Muttertag der deutschen Sprache”

  1. Tantal sagt:

    „Parallel auf Deutsch und Englisch publizieren“, das gibt es tatsächlich. Die Angewandte Chemie, eine der angesehensten Zeitschriften für die chemische Forschung, publiziert tatsächlich alle Artikel in beiden Sprachen.

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  2. gnaddrig sagt:

    Das müsste ja ganz im Sinne des VDS sein 🙂

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  3. Tantal sagt:

    Was der VDS denkt weiss ich nicht, aber ich finds herrlich ab und zu mal was auf deutsch zu lesen. Ausserdem haben die immer alberne Wortspiele in den Teasern (wie sagt man dass eigentlich VDS-konform?).

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  4. gnaddrig sagt:

    Teaser? Keine Ahnung.

    Ich finde es meistens anstrengend, Texte zu lesen, die jemand in einer Fremdsprache geschrieben hat, weil die allermeisten Leute sich in der jeweiligen Fremdsprache nicht so gewandt ausdrücken können wie in ihrer Muttersprache. Weil sie oft Konstruktionen und Redewendungen ihrer Muttersprache in die Fremdsprache übernehmen, grammatisch ins Schlingern kommen und auch bei Wortbedeutungen nicht immer ganz firm sind. Das führt dann zu oftmals anstrengend bis kaum lesbarem Kauderwelsch.

    Da ist es natürlich eine Wohltat, stattdessen muttersprachliche Texte zu lesen. Das halte ich auch für ein legitimes Argument für das Publizieren in Muttersprache. Besser geschriebene Texte ermöglichen gute Übersetzungen, und die machen die Texte dann auch im Englischen lesbarer. Aber Übersetzungen sind eben nicht ganz billig, vor allem wenn man Qualität benötigt. Und das Geld hat keiner übrig.

    Ansonsten finde ich es ziemlich wurscht, in welcher Sprache wissenschaftliche Texte veröffentlicht werden. Die deutsche Sprache wird nicht davon untergehen, dass wissenschaftliche Texte eher nicht auf Deutsch geschrieben werden (man könnte mal bei den Niederländern nachfragen, wie das mit deren Sprache ist – viel weniger Sprecher, mehr Lehre auf Englisch, und die Sprache ist trotzdem nicht totzukriegen).

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In den Wald hineinrufen

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