Schusters Leisten

Sport gehört heutzutage zu den wichtigeren Dingen des Alltags. Viele Leute betreiben selbst aktiv Sport, Fußball, Joggen, was auch immer, und noch mehr interessieren sich als Zuschauer für die eine oder andere Sportart. Sport ist immer und überall, fast wie eine neue Weltreligion.

Großereignisse wie Weltmeisterschaften oder die Olympischen Spiele werden immer aggressiver vermarktet. Die FIFA und das IOC übernehmen für die Zeit der von ihnen ausgerichteten Veranstaltungen die Austragungsorte fast vollständig. Was nicht passt, machen sie passend. Etwa indem sie die genutzten Stadien vorübergehend umbenennen oder Bannmeilen um diese Stadien einrichten, innerhalb derer keine Werbung für Mitbewerber von Sponsorenfirmen sichtbar sein darf, nur Sponsorenbier verkauft werden darf usw.

Das nimmt stellenweise lächerliche Züge an, wenn etwa in den Fenstern von Privatwohnungen in Sichtweite der Stadien keine Logos von Nichtsponsorenfirmen (oder von Mitbewerbern der Sponsoren, so genau weiß ich das nicht mehr, da war jedenfalls was in der Richtung bei der letzten Männerfußball-WM) hängen dürfen. Auch die Summen, die in manchen Sportarten und bei manchen Sportereignissen umgesetzt werden, sind grotesk. Man schaue sich nur an, was führende Profifußballspieler so verdienen, oder welche Beträge als Ablöse für solche Leute fließen. Das ist genauso schwindelerregend wie der Unterschied zwischen dem Einkommen einfacher Angestellter und der Vorstandsmitglieder derselben Firmen.

* *** *

Weil der Sport aber so viel Geld bringt und Vermarktbarkeit und Lukrativität mehr und mehr in den Mittelpunkt rücken, steigen entsprechend auch die Erwartungen, die an Sportler gestellt werden. Schnell rennen oder weit springen zu können reicht da nicht mehr, der Sportler wird zu einer Art Heilsbringer für alle Lebenslagen.

Aufgefallen ist mir das im Zusammenhang mit der Leichtathletikweltmeisterschaft. Thomas Hahn hat damals in der Süddeutschen ausgiebig darüber nachgedacht, ob es denn ausreiche, dass Usain Bolt recht zuverlässig sportliche Höchstleistungen abliefert. Immerhin betrachteten ihn seine Fans „mit einer Begeisterung, die längst unabhängig ist von Zeiten und Taten.“ Manche fänden die verlässliche Rekordmacherei langweilig, anderen reiche das aus.

Dabei, und jetzt wird es schräg, hätte Bolt „es selbst im Griff, mehr zu sein als nur der Rekord-Lieferant und Show-Sportler, wenn er seine Auftritte mit etwas mehr Inhalt versehen würde. Aber das gelingt ihm nicht. Was darf man von einem sogenannten Sportstar erwarten? Macht er seinen Job schon gut, wenn er im Stadion seine Meisterleistungen abruft und dazu Stehsätze zitiert?“ Im Anschluss stellt Hahn (bedauernd?) fest, dass Bolt über Smalltalk nicht hinauskommt, und sinniert, ob er zu sportpolitischen und ähnlichen Fragen überhaupt eine Meinung hat.

Bolt ist Leichtathlet, sein Job ist es, möglichst schnell zu rennen. Für Meinungen (oder was sich so als Meinung verkaufen lässt) ist er zunächst nicht zuständig. Wenn ein Sportler wie Bolt sich öffentlich äußern will,  darf er das natürlich, bitteschön, aber er muss nicht. Er ist von Beruf eben nicht Dampfplauderer, Feuilletonist oder sonstwas, sondern Leichtathlet. Und als solcher muss er doch der Presse keinen Feuilletonartikel über sportpolitische Grundsatzfragen in die Feder diktieren können. Er muss das auch nicht wollen. Was passiert, wenn man Sportler über alles Mögliche reden lässt, haben uns Beckenbauer, Becker, Matthäus, Baumgartner und andere zur Genüge vorgeführt.

Aber ganz abgesehen von Fragen der Berufswahl – wie soll denn das aussehen, wenn man Auftritte bei Leichtathletiktournieren „mit Inhalt füllt“? Politische oder religiöse Öffentlichkeitsarbeit wird da in der Regel nicht geduldet. (Das IOC kürzlich sehr deutlich gemacht, dass OIympioniken, die in Sotschi die – freundlich gesagt – umstrittene aktuelle Fassung des russischen Kinderschutzgesetzes und die darauf gründende Diskriminierung Nichtheterosexueller in Russland öffentlich kritisieren, werden „zu ihrem eigenen Schutz“ nach Hause geschickt.) Werbung ist nur im Rahmen der üblichen Sponsorenverträge gestattet. Für Vorträge oder Kleinkunst ist bei solchen Veranstaltungen auch keine Gelegenheit. Außer Widmungen („Diesen Sprung widme ich der Ortsgruppe Homberg/Ohm der Deutschen Krebshilfe“) fällt mir da wenig ein.

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Wie gesagt, der Mann ist Leichtathlet, vermutlich weil er gut laufen kann. Bei anderen Begabungen und Interessen wäre er vielleicht Radio- oder Fernsehjournalist geworden, Politiker, Philosoph, Leitartikler, Prediger, Musiker oder sonstwas. Ist er aber nicht. Er ist Leichtathlet, und da braucht niemand irgendwelches medientaugliche verbale Bonusmaterial von ihm zu verlangen.

Von den Sportreportern und Feuilletonisten, die sich über Sportliches auslassen, verlangt ja auch niemand, dass selbst auf der Aschenbahn Leistung zeigen. Und wenn man es täte, würden die meisten allenfalls das sportliche Äquivalent zu dem atemlosen Gestammel liefern, das immer wieder nach Fußballspielen zu hören ist, wenn irgendwelche armen abgekämpften Kerle beim Verlassen des Spielfeldes abgefangen und nicht in die Dusche gelassen werden, bevor sie nicht einen fernsehverwertbaren Text ins Mikro gesprochen hatten. Bringt es das wirklich?

Da soll man doch einfach alle Schuster bei ihren jeweiligen Leisten lassen und der Welt das dumme Gerede ersparen.


2 Kommentare on “Schusters Leisten”

  1. Nesselsetzer sagt:

    Als ich das erste Wort des Beitrags, nämlich „Sport“ las, wollte ich das Fenster gleich wieder schliessen. Da ich aber ein treuer Leser von gnaddrig bin, habe ich den Beitrag tapfer zu Ende gelesen.

    Das mit der Bannmeile und den Privatfenstern ohne Werbung finde ich lustig, wie wollen die das denn unterbinden, wenn der Wohnungsinhaber sich geweigert hätte, die zu entfernen? Hätten sie mit einer Horde Polizisten mit richterlichem Beschluss die Wohnung gestürmt und die Werbung beschlagnahmt?

    Wie dem auch sei. Mir geht jeglicher Sport sonstwo vorbei, auch die Olympischen Spiele. In den letzten 30 Jahren habe ich die nicht einmal ansatzweise wahrgenommen. Wenn im Radio Fussball dran ist schalte ich sofort ab. Und das schreckliche Gestammel der Fussballer, dass ich dennoch hier und da versehntlich mitbekomme, ist ja kaum zu ertragen.

    An mir verdienen die jedenfalls keinen Cent.

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  2. gnaddrig sagt:

    Da habe ich ja Glück gehabt, dass das nicht der erste Text ist, den Du von mir gesehen hast 🙂

    Wie das mit dem Fenster genau war, weiß ich nicht mehr, habe auch nichts dazu gefunden. Ich erinnere mich nur noch, dass es ziemlich absurd war. Und das Gestammel – das soll nicht gegen die Fußballer gehen. Wenn ich mir vorstelle, nach anderthalb Stunden Gerenne ein komplexes Geschehen in drei Sätzen zusammenfassen zu sollen, während ich noch nach Luft schnappe und kaum noch weiß, wo oben und unten ist, würde ich sicher auch nichts Druckreifes zustandebringen. Ich finde dabei eher die Reporter unangenehm, die die Balltreter einfach nicht in Ruhe lassen, egal wieviel die verdienen.

    Fußball kucken tu ich gelegentlich ganz gern, WM und EM verfolge ich meistens, Bundesliga und europaweite Vereinsmeisterschaften und der ganze Kleinkram ist mir aber zuviel. Olympia ist reine Geldmacherei, und die allermeisten Sportarten sind auch eher langweilig zum Zuschauen (Turmspringen, Mittel- und Langstreckenlauf, Hammerwerfen sind schlimmer als dem Gras beim Wachsen zuzuschauen). Das ist mir zu blöd. Bei Fußball tut sich wenigstens was, und man kann dem auch als Laie halbwegs folgen.

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