Fernweh

Fernweh ist eine weit verbreitete Zivilisationskrankheit. Jede Zeitung, die auf sich hält, hat deshalb ein Reise-Ressort. Dort schwärmen sie dem Leser von fernen Welten vor. Sie stellen exotische Lokalitäten vor, besprechen Reiserouten, empfehlen Urlaubsziele, rezensieren Reiseanbieter und Hotels, analysieren alles mögliche und zeigen im Wesentlichen, wie man der Unberührtheit und Ursprünglichkeit der besprochenen Gegenden möglichst bequem und billig den Garaus machen kann.

Ich muss zugeben, dass ich es vor längerer Zeit aufgegeben habe, diese Artikel zu lesen. So ganz genau weiß ich also nicht, was da heutzutage geschrieben wird. Aber in den Überschriften und Untertiteln begegnen mir immer wieder dieselben Vokabeln und Konzepte: Unberührt. Unverfälscht. Einzigartig. Exotisch. Ganz anders als bei uns. Noch nicht vom Massentourismus verdorben. Nicht so überlaufen wie xy. Eines der letzten yz. Geheimtipp.

Da schwingt meistens eine Mischung aus Bewunderung, Staunen und Sehnsucht mit, und es stellt gleichzeitig immer eine mindestens implizite Empfehlung dar, dieses unberührte Stückchen Erde endlich auch zu zertrampeln. Man beschreibt sehnsüchtig menschenleere Strände, einsame Berglandschaften, fremde Völker und wirkt gleichzeitig mit teils erheblichem Eifer daran mit, diese letzten verbliebenen Fleckchen auch in Beschlag zu nehmen und plattzuwalzen.

Bei jedem malerischen Strand, mit dessen Foto so ein Artikel illustriert ist, sehe ich schon die Coladosen und Zigarettenschachteln der Ballermanklientel vor den sicher demnächst entstehenden neuen Hoteltürmen verrotten. An jedem atemberaubenden Berghang sehe ich schon zurückgelassene Mülltüten und Ausrüstungsgegenstände zahlungskräftiger Extremsporturlauber für Abwechslung sorgen. Und die bewunderten „edlen Wilden“ aus der Fotostrecke sind infolge der Tourismuswelle von ihrem Land verjagt worden und vegetieren mit Alkohol und Klebstoff in irgendwelchen Slums dahin. Und alles bloß, damit der westliche Zeitungsleser jede Woche eine neue unberührte Welt vorgestellt bekommen und im nächsten Urlaub bereisen kann.

Natürlich ist es spannend, von fremden Ländern, Völkern, Sitten zu lesen, neue Landschaften und Naturwunder zu entdecken. Gute Foto- oder Filmreportagen über ferne Orte sind etwas Tolles, gut geschriebene Artikel ebenfalls. Im Idealfall kann man so Orte sehen, die man im Leben nicht bereisen könnte (oder wollte). Der eine Autor oder Fotograf oder Dokumentarfilmer hätte dann stellvertretend für alle Leser bzw. Zuschauer die Reise gemacht und dem Ort, über den berichtet wird, nicht geschadet.

Aber seit man problemlos noch in die entlegensten Ecken reisen kann und immer mehr Leute das auch ständig tun, riskiert man durch das Anpreisen eines idyllischen Fleckens immer auch dessen Zerstörung, und das finde ich schade. Wäre es nicht besser, die Autoren würde auch mal einfach wieder ins Boot/Auto/Flugzeug steigen und das gerade entdeckte unberührte Stück Natur unberührt lassen? Keinen Artikel drüber schreiben, in dessen Kielwasser dann zunächst Backpacker-Gruppen, später Exklusivtouristen und zuletzt All-Inclusive-Horden alles niedertrampeln?

Oder vielleicht muss die Leserschaft lernen, dass man nicht auf jeden schönen Strand persönlich ein Handtuch gelegt haben muss, dass die bekannten (und sowieso schon hinreichend verdorbenen) Strände dafür mehr als ausreichen.

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One Comment on “Fernweh”

  1. Yadgar sagt:

    …und genau deswegen wird und muss es irgendwann den Khyberspace geben! Das virtuelle Afghanistan, so programmiert, dass selbst Millionenheere von Ballermännern es nicht kaputtbereisen können!

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In den Wald hineinrufen

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