Die Banalitätsfalle

Dank Internet haben heute praktisch alle die Möglichkeit, ohne große Probleme eine breite Öffentlichkeit zu erreichen. Kommentarfunktionen und Diskussionsforen bieten Plattformen für öffentliche Äußerungen. Man kann mit ein paar Klicks ein kostenloses Blog einrichten, Facebook buhlt um Onlinezeit, Twitter lädt zur Mitteilsamkeit ein. Und wer nicht schreiben kann oder will, kann stattdessen Fotos bloggen, Videos auf Youtube hochladen oder Podcasts in die Welt setzen.

Seit dem Siegeszug der internetfähigen Smartphones können alle praktisch immer online sein und sich auf den verschiedensten Kanälen jederzeit online äußern. Man kann sich ohne viel Mühe online vollständig gläsern machen. Die Technik bietet faszinierende Möglichkeiten, man kann damit jede Menge Spaß haben und auf bisher nicht mögliche Arten mit Bekannten und Fremden interagieren. Im Überschwang dieser Möglichkeiten schlagen manche über die Stränge und stoßen einen ununterbrochenen Strom von Mitteilungen aus: Wo sie grad sind, was sie machen, was sie gut, doof, komisch oder sonstwie finden. Text, Fotos, Videoclips, alles was die Technik hergibt.

Alle diese Möglichkeiten zu nutzen ist natürlich recht aufwändig und auf Dauer ermüdend. Auch wenn man verschiedene Kanäle miteinander verbindet (etwa indem man Blogartikel automatisch auch per Twitter und auf Facebook veröffentlichen lässt), muss man doch ziemlich viele Kanäle bedienen und Präsenz zeigen, also Kommentare und Tweets beantworten, chatten, was auch immer. Da bleibt, wenn man das ernsthaft betreibt, für kaum was anderes Zeit. Darum liegt es nahe, sich für dieses Problem eine technische Lösung zu bauen. Das automatische Weiterveröffentlichen (WordPress kann meine Blogposts automatisch an Twitter, Facebook und andere Dienste schicken, das muss ich also nicht mehr jedesmal selbst anleiern) geht in die richtige Richtung, greift aber noch zu kurz.

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Konsequent weitergedacht kommt eine App dabei heraus, die – einmal auf dem Smartphone installiert – sich selbständig in allen internetfähigen Geräten des Besitzers einnistet und de facto nicht mehr zu entfernen ist (wie Quecke im Garten, die wird man auch nicht los). Diese App hat den einzigen Zweck, alle erkennbaren Aktivitäten des Besitzers an alle Kontakte in allen sozialen Netzwerken, Telefonbüchern usw. zu verbreiten, mit denen der Besitzer je zu tun hatte. Wenn die Kamera ein Restaurant in die Optik kriegt, erfahren sofort alle, dass der Besitzer an diesem Restaurant vorbeigekommen ist. Wenn er in der Drogerie mit dem Smartphone bezahlt, kriegen alle die Liste der eingekauften Artikel in die Inboxen.

Diese App heißt Phluttr. Es gibt sie glücklicherweise nur in Rob Reids 2012 erschienenem Roman „Year Zero“ (sehr lesenswert, ein bisschen ähnlich wie Douglas Adams‘ „Per Anhalter durch die Galaxie“, nur etwas ruhiger im Tonfall). Die App kommt also nur in einem Buch vor. Und der dabei karikierte überbegeisterte Dampfkommunizierer, der sich bemüht, das Verhalten von Phluttr händisch nachzumachen, ist sicher mehr Klischee als Wirklichkeit (obwohl es durchaus Leute geben dürfte, die dem recht nahe kommen).

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Das Problem an der ganzen Sache ist: Wer will das alles wissen? Nicht einmal von den mir am Nächsten Stehenden möchte ich über jeden Schritt informiert werden (und die sollen auch nicht jeden Schluckauf von mir mitkriegen). Wenn ständig allzuviel Allzubeliebiges mitgeteilt wird, kann der Rezipient mit dem Strom der Banalitäten nichts mehr anfangen. Die möglicherweise enthaltenen wichtigen oder interessanten Informationen gehen dann unter. Der Dampfkommunikator stellt sich damit selbst de facto incommunicado, seine Mitteilungsflut verkommt zum irrelevanten Hintergrundrauschen.

Da wäre, um diesen zugegebenermaßen schon arg plattgeklopften Spruch nochmal zu bemühen, weniger tatsächlich mehr.

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6 Kommentare on “Die Banalitätsfalle”

  1. tinyentropy sagt:

    Danke für den Buchtipp! Hmm, wir sitzen aber auch schon ohne Phluttr in der Banalitätsfalle, oder!? Du meinst doch nicht etwa, dass in diesem Artikel eine Information steckt, die noch weiter verbreitet werden musste! 😉 Das Buch bekomme ich wahrscheinlich bei Amazon empfohlen, wenn mir ähnliche Bücher wie „Per Anhalter durch die Galaxis“ gefallen haben. Dass wir uns alle gerne einer Totalüberwachung ausliefern würden, weil wir nur so mit unseren Daten um uns schmeißen ist ja nun auch keine Neuigkeit. 😉 Was bleibt also!? Deine Lust am Schreiben und das ist gut so. So wie man noch immer Leute persönlich etwas fragen sollte, auch wenn man es stattdessen schneller auf im Internet über das Smartphone suchen könnte. Banalität ist etwas, dass wir inzwischen sogar schätzen lernen sollten. LG

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  2. gnaddrig sagt:

    Also, erstmal ist jeder meiner Gedanken unbedingt verbreitenswert. Mein Blog sollte deshalb für Schüler ab der 10. Klasse Pflichtlektüre und Prüfungsinhalt sein 😉

    Aber hast recht, oft genug hat man gar keine wichtigen Informationen oder originellen Gedanken, oft ist es einfach nur die Lust am Schreiben. Ob das dann jemandem gefällt oder irgendetwas gibt, weiß man vorher natürlich nicht. Ich frage mich auch regelmäßig, ob ich einen fertigen Text veröffentlichen oder nicht doch lieber wegen Banalität in die Tonne treten soll. Ich will ja nicht mit wichtiger Miene den Leuten die Taschen vollsabbeln mit Zeugs, das sich jeder so oder so schon tausendmal selbst gedacht hat. Andererseits wird es ja dann doch zumindest von ein paar Leuten ganz gern gelesen, und dafür lohnt es sich schon (zumal das Schreiben an sich schon Spaß macht).

    Banalität an sich ist auch nicht mal so schlimm. Solange man sich selbst und den eigenen Output nicht allzuernst nimmt, stört sie auch nicht weiter.

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  3. gnaddrig sagt:

    Wg. Amazon, mit „rob reid year zero“ kriegst Du es direkt. Wann die deutsche Übersetzung rauskommt, weiß ich aber nicht.

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  4. ebversumeb sagt:

    Bezüglich der Pflichtlektüre für die 10te Klasse könnte ich zustimmen, wenn du die Quecke im Garten leben lässt und damit diesem banalen Pflanzenwuchs seine Lebensberechtigung zurück gibst. (Sorry, – aber ich als Rasenmäherhasser muss das einfach schreiben, – ansonsten- nicht banale Zustimmung)

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  5. gnaddrig sagt:

    Ich habe eh keinen Garten, da ist mir die Quecke ziemlich wurscht, wir könnten also durchaus ins Geschäft kommen. Danke für die Zustimmung, ich habe gern recht 😉

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  6. Yadgar sagt:

    Ich kann mir vorstellen, dass Alleinlebende für diesen „Social Media Overkill“ anfälliger sind als Zweierkisten-, Familien- oder Kommunenmenschen…

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