Lücken

Die neue Rechtslage in Russland könnte dazu führen, dass viele Schwule versuchen werden, Russland zu verlassen. Ob ihnen das gelingt, hängt nicht zuletzt davon ab, ob die EU-Länder ihnen Asyl als politisch Verfolgte gewähren. Ich bin kein Jurist, aber ich könnte mir vorstellen, dass durch das Gesetz die Voraussetzungen dafür gegeben sind.

Ich könnte jedenfalls jeden Schwulen verstehen, der Russland verlassen will, um den ständigen Anfeindungen zu entgehen und nicht ständig Angst um Leib und Leben haben zu müssen. Die Heimat zu verlassen muss schlimm sein – ich selbst etwa würde Deutschland nur sehr ungern dauerhaft verlassen – aber in der Heimat nicht in Frieden und Freiheit leben zu können, ist auch nicht besser. Man wählt das kleinere Übel, und diese Wahl ist für die meisten herzzerreißend.

Die Schwulen, die in Russland bleiben, werden durch das neue Gesetz praktisch in den Untergrund gezwungen. Wer sich nicht der „Propagande für nichttraditionelle sexuelle Beziehungen“ schuldig machen will, kann in Russland heute nicht offen schwul leben. Wer es trotzdem versucht, lebt mit einem Bein im Gefängnis und mit dem anderen im Krankenhaus.

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Egal ob Schwule nun Russland in großer Zahl verlassen werden oder ob sie dort bleiben und abtauchen, beides wirft Probleme in Russland auf, bzw. es verschärft ein bestehendes Problem, das direkt aus der von allen möglichen Nationalisten und der orthodoxen Kirche nach Kräften angeheizten homophoben Stimmung in Russland entspringt und das von diesem unwürdigen und menschenverachtenden Gesetz weiter befeuert wird: Heranwachsende Schwule sind mehr als ohnehin schon auf sich gestellt. Dieses Problem ist nicht, wie man denken könnte, allein das Problem der unmittelbar betroffenen Schwulen, das zieht Kreise in die ganze Gesellschaft.

John Corvino hat in seinem Vortrag What’s Morally Wrong with Homosexuality [via] ausgeführt, dass Schwule, anders als andere Minderheiten, fast nie bei Eltern aufwachsen, die ebenfalls schwul sind. Kinder von Schwarzen etwa sind in der Regel auch schwarz, Kinder von Türken in Deutschland sind Türken in Deutschland usw. Eltern können ihre Kinder auf die typischen Schwierigkeiten vorbereiten, die die betreffende Minderheit in der Gesellschaft hat, können sie in gewissem Maß beschützen und ihnen helfen, mit dem allen umzugehen und irgendwann auch in einer mehr oder weniger feindseligen Umgebung auf eigenen Beinen zu stehen (in dem verlinkten Vortrag ab 52:20; Transskript und Übersetzung der Passage am Ende dieses Artikels)*.

Schwule werden dagegen quer durch die Gesellschaft in allen Schichten, Gruppen, Klassen usw. geboren, manche haben ahnungslose, desinteressierte, überforderte oder sogar stramm homophobe Eltern. Sie müssen zunächst allein in einer mehr oder minder feindseligen Umwelt zurechtkommen, ohne dass jemand von vornherein weiß, was los ist, und oft genug ohne dass sich jemand auf ihre Seite stellt. Die selbstverständliche Unterstützung, die Kinder anderer Minderheiten durch ihre Eltern erfahren, fehlt heranwachsenden Schwulen sehr oft.

Deshalb, so Corvino, sei es sehr wichtig, dass Schwule offen leben, damit sie Vorbilder und in gewissem Umfang „Ersatzeltern“ für heranwachsende Schwule sein und diesen das Entdecken und Akzeptieren der eigenen Orientierung erleichtern können. Wenn aufgrund der aktuellen Gesetzeslage viele Schwule notgedrungen abtauchen oder Russland verlassen, fehlen den in Russland Nachwachsenden diese Vorbilder und ihre Unterstützung. Und diese Unterstützung ist in einer extrem feindseligen Umgebung wie Russland ohne Frage noch viel wichtiger als in vergleichsweise offenen Gesellschaften (in denen Schwule es erfahrungsgemäß immer noch schwer genug haben).

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Es bleibt abzuwarten, wie das Gesetz tatsächlich angewendet wird, und wie die gesellschaftliche Stimmung in Russland sich entwickelt. So wie es aussieht, wird es für „nicht traditionell Heterosexuelle“ (also vor allem für Schwule) in Russland sehr schwer. Schon jetzt scheinen die Übergriffe häufiger und schwerer zu werden. Wenn die derzeitige Tendenz so weitergeht, dürfte die Selbsttötungsrate unter Schwulen, und hier besonders unter Heranwachsenden, drastisch in die Höhe schnellen, weil diese Leute zunehmend keine Perspektive, keinen Ausweg sehen und niemanden haben, an den sie sich um Hilfe wenden können.

Gerade Heranwachsende, die nicht nur mit den üblichen Unwägbarkeiten der Pubertät fertigwerden müssen, sondern sich überhaupt erst einmal darüber klar werden müssen, dass sie in einem wichtigen Punkt anders sind als die meisten anderen und die dann herausfinden müssen, wie sie damit zuwege kommen, dürften es ohne Zugang zu vernünftiger Information und zu Leuten, die diese Phase schon erfolgreich hinter sich gebracht haben, sehr schwer haben.

In so einer schwierigen Lebensphase ganz auf sich gestellt zu sein und – oft genug auf die harte Tour – lernen zu müssen, dass ein zentrales Element des eigenen Wesens geächtet ist und man dafür de facto als vogelfrei gilt, muss furchtbar sein. So mancher dürfte das nicht überleben, auch ohne dass er seinem Leben selbst ein Ende setzt – unter Umständen reicht ein falsches Wort in das falsche Ohr, und man hat einen Pulk homophober Schläger unter sachkundiger Leitung eines Sadisten auf dem Hals, und das war’s dann.

Was bleibt sind ein paar Fotos oder ein furchtbares Video im Netz.

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Ich finde es immer wieder bedrückend, wie viel Mühe Menschen darauf verwenden, anderen Menschen das Leben so schwer wie möglich zu machen. Wozu verursacht man ohne Not so viel Leid bei Leuten, die niemandem etwas tun? Und warum nehmen so viele das teilnahmslos in Kauf? Jedenfalls reißt dieses neue Gesetz Lücken in die russische Gesellschaft. Die, die notgedrungen auswandern, werden natürlich fehlen. Die, die notgedrungen abtauchen, werden ebenfalls an wichtigen Stellen und in wichtigen Funktionen fehlen. Die, die sich aus Verzweiflung und Perspektivlosigkeit oder als Mobbingopfer das Leben nehmen, hinterlassen ebenfalls Lücken, ebenso wie die, die totgeschlagen werden. Die, die ihre ganze Energie auf das Überleben und auf das Verstecken der eigenen Sexualität aufwenden müssen, werden kaum Kraft für andere Dinge übrig haben. Ihr deshalb weitgehend ausfallendes Engagement in der Gesellschaft wird auch fehlen.

Die homophobe Haltung weiter Teile der russischen Gesellschaft, das willkürliche Verhalten der Behörden, vor allem der Justiz und der Polizei, in Hinblick auf Straftaten gegen Schwule, und die jetzt geschaffene Rechtslage werden der sowieso schon fadenscheinigen Zivilgesellschaft Russlands unnötige weitere Lücken reißen. Und die meisten Bürger Russlands werden diese Lücken nicht einmal als solche wahrnehmen. Es ist ein Trauerspiel…

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* John Corvino, in dem oben verlinkten Vortrag ab 52:20:

It’s also important for those who come after us. You know, one of the interesting things about gay and lesbian people as a minority group is that, in a sense, our children are not born unto us, and what I mean is this: Black people generally have black children, Jewish people generally have Jewish children. Any kind of people can have gay or lesbian children. Sometimes, rabidly anti-gay people have gay children. We can’t protect them from a hostile world the way other minority groups can. We cant necessarily give them the benefit of our experience the way other groups can. And I feel for these kids. Partly because I was there and I know what it’s like, and partly they are, in a sense, our kids.

So what do we do for them? One thing we can do is to educate their parents.

Es [Anm. d. Übers.: offen schwul zu sein, das Schwulsein nicht zu verstecken] ist auch wichtig für die, die nach uns kommen. Wissen Sie, eine interessante Sache im Zusammenhang mit Schwulen und Lesben als Minderheit ist, dass wir unsere Kinder gewissermaßen nicht selbst bekommen. Was ich meine ist dies: Schwarze haben normalerweise schwarze Kinder, Juden haben normalerweise jüdische Kinder. Aber Menschen aller Art können schwule oder lesbische Kinder haben. Manchmal haben stramm homophobe Leute schwule Kinder. Wir können sie nicht gegen eine feindselige Welt in Schutz nehmen, wie andere Minderheiten das können. Wir können sie nicht unbedingt an unserer Lebenserfahrung teilhaben lassen, wie andere Minderheiten das können. Und ich habe Mitgefühl mit diesen Kindern. Teils weil ich selbst so ein Kind war und weiß, wie das ist, und teils weil sie, in gewissem Sinn, unsere Kinder sind.

Also, was tun wir für sie? Ein Ding, das wir tun können, ist, ihre Eltern aufzuklären. [Meine Übersetzung]

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7 Kommentare on “Lücken”

  1. eb sagt:

    Wirklich Super-Beitrag zu einem üblicherweise auch hier noch vermiedenem „no-go“-Thema. Und dies, – während sich neue russische Rückwärtsgewandheiten auch über Grenzen hinaus bemerkbar machen. Wenn man z.B. alleine als Träger von längeren Haartrachten, hierzulande von einem eingewanderten Russen darauf hin gewiesen wird, dass er einem nur die Hand gibt, wenn man sagt das man nicht schwul ist, dann könnte man dies vielleicht noch unter die Sparte mitgebrachter Ressentiements oder anderer Klischeereaktionen behandeln. Wäre da nicht auch die Reaktion der umliegenden auch deutschen Thekenbevölkerung, welche sich gar nicht schnell genug beeilen kann, unbedingt ihre Heterosexualität deutlich zu machen. Und auf unsereins Gegenfrage, was dies denn bitte schön für eine Rolle spielen soll, dann auf Unverständnis und Klärungsbedarf stößt. Hier steht eine recht jungfräuliche Weiterentwicklung auf wirklich tönernen Füßen, bei der sich verdammt viele fragen müssen, wie tief denn die eigene Konditionierung bereits reflektiert wurde.

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  2. gnaddrig sagt:

    Danke für die Blumen! Du hast recht, Trotz ganz anderer Rechtslage ist Homophobie auch bei uns noch lange nicht vom Teller, nicht nur bei der Thekenbevölkerung. Und seit die Leichtathletik-WM vorbei ist, hört man nicht mehr viel zum Thema.

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  3. […] Rebloggt von gnaddrig ad libitum: […]

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  4. Pfeffermatz sagt:

    Super geschrieben und danke dafür, dass du die wirklich ernste Lage der Homosexuellen (insbesondere der Heranwachsenden) in Russland so treffend darstellst. Es ist wahr: eine solch menschenfeindliche Gesetzgebung ist Gift für jede Gesellschaft,

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  5. gnaddrig sagt:

    Danke! Auch wenn es mich nicht direkt betrifft und eigentlich auch nicht viel angeht, beschäftigt mich das Thema in letzter Zeit sehr.

    Das aktuelle Gesetz ist anscheinend auf Betreiben einer kleinen Gruppe entstanden, die vielleicht extremer ist als die meisten Russen, aber die Grundhaltung eines großen Teils der Bevölkerung gegenüber Homosexuellen im Prinzip getroffen hat. Die krankhaften Schwulenhasser, die Schläger und Mobber haben deswegen jetzt weitgehend freie Bahn, und damit schaden sie der ganzen Gesellschaft, auch sich selbst.

    Als bräuchte Russland noch mehr Traumatisierte – die Nachwehen der Oktoberrevolution, des 2. Weltkriegs, der Stalinschen Säuberungen sind bis heute spürbar, und vor allem der Afghanistankrieg hat jede Menge kaputte Exsoldaten ins Land gespült, der in Russland schon immer virulente Alkoholismus kommt noch dazu. Das alles belastet die Gesellschaft auch so schon bis zum Anschlag, da muss man nicht noch eine ganze Bevölkerungsgruppe zum Prügelknaben machen.

    Wenn man mal ganz zwanglos davon ausgeht, dass 3% der Bevölkerung homosexuell sind, geht es hier immerhin um über 4 Millionen Individuen. Ob die in Frieden leben (und arbeiten und zum Wohlstand des Landes beitragen) können oder entweder durch Mord und Totschlag ausfallen oder als Opfer von Gewalt und Mobbing nicht mehr für sich sorgen können (weil ihnen z.B. niemand Arbeit gibt) und dann ihren Familien oder dem Staat auf der Tasche liegen, macht einen ganz großen Unterschied für alle.

    Mal ganz abgesehen von dem Leid, dass dieser Hass bei der Zielgruppe verursacht, das ganze ist für die Gesamtgesellschaft ein klassischer Schuss ins eigene Knie. Rundherum tragisch, das.

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  6. aebby sagt:

    Zuerst einmal Hallo. Ich habe über Elmars Blog hierher gefunden.

    Danke für diesen guten Text, der vieles auf den Punkt bringt was mir bisher ungeordnet durch den Kopf ging. Einen wichtigen neuen Gedanken nehme ich auch mit …

    „In so einer schwierigen Lebensphase ganz auf sich gestellt zu sein und – oft genug auf die harte Tour – lernen zu müssen, dass ein zentrales Element des eigenen Wesens geächtet ist und man dafür de facto als vogelfrei gilt, muss furchtbar sein.“

    … das hatte ich bisher nicht auf dem Schirm.

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  7. gnaddrig sagt:

    Herzlich willkommen! Freut mich, dass Dir mein Text gefällt und sogar noch was Neues drinsteht 🙂 Nur schade, dass es um ein so trauriges Thema geht.

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