Heimatliches

In unserer letzten Ferienwohnung stand ein halber Regalmeter Bücher, großenteils Heimatromane. Auf den meisten Titelbildern war eine Frau im Dirndl (oder in echter Tracht, was weiß ich) und dazu oft ein Kerl in Lederhosen zu sehen. Die Bücher scheinen allesamt in den Alpen gespielt zu haben.

Eine oberflächliche Recherche in der Bahnhofsbuchhandlung scheint diesen Eindruck zu bestätigen: Heimatromane spielen wenn nicht ausschließlich so doch ganz überwiegend im bayerisch-österreichisch-tirolerischen Kulturkreis, mit ein paar Streubelegen im Schwarzwald. Dagegen ist an sich nichts zu haben. Wer Kropfbänder und Gamsbärte mag und Geschichten über Liebschaften in Alpendörfern lesen will, soll das gern tun. Problematisch finde ich nur die implizierte Gleichsetzung von Heimat und Bayern/Österreich/Tirol.

Meine Heimat ist beispielsweise ganz woanders. In den dortigen Breiten spielt aber seit den Tagen der Theodore (Storm und Fontane) kaum je ein Heimatroman. Dabei lassen sich dort ganz bestimmt auch tränentaugliche Schicksale vorstellen, Verwicklungen Zugezogener und Weggegangener, unglückliche Lieben, verlorene Schäfchen, Erdverbundenheit, eingeschworene Dorfgemeinschaften, den ganzen menschlichen Zinnober eben, aus dem der Heimatroman seine Stoffe destilliert.

Warum also wird also der Harz in der modernen Heimatliteratur ignoriert? Warum schreibt niemand über die Seelenqualen einer Leuchtturmwärterstochter auf Langeneß? Über die Schwierigkeiten eines aufstrebenden Imbissbudenbesitzers am Vogelsberg? Gibt es in der Uckermark keinen einzigen schneidigen Jägersburschen auf der Suche nach weiblichem Anschluss, und in der Sächsischen Schweiz keinen Tierarzt, der sich nicht zwischen der jungen Apothekerwitwe und dem aufblühenden Töchterchen des Reitstallbesitzers entscheiden kann? Keinen fiesen Grundbesitzer im Bergischen Land, der ein armes Mütterchen und ihre schöne Enkelin aus der bescheidenen Hütte werfen will, um dort eine Pferdewurstfabrik zu errichten, wo dann zwecks Verhinderung desselben ein jugendlicher Held zu Hochform auflaufen kann?

Warum diese unnötige Diskriminierung? Ich gönne es den Leuten ja, sich per Groschenroman in eine künstliche Alpenheimat zu träumen. All die anderen denkbaren Heimaten des deutschen Sprachraums will ich deshalb aber nicht einfach unterschlagen sehen. Alle diese Landstriche sind in der Trivialliteratur sträflich unterrepräsentiert. Nicht, dass ich einen Heimatroman aus der Holsteinischen Schweiz, Bielefeld, dem Eichsfeld oder der Rheinpfalz unbedingt würde lesen wollen. Wirklich nicht, aber mein Gerechtigkeitsempfinden ist trotzdem irgendwie gekränkt.

** * **

Andererseits müssen die armen Bayern, Österreicher und Südtiroler sich ihre schöne Heimat ständig von solchen fließbandgefertigten Trivialromanen zerkitschen lassen. Es wäre mal interessant, wieviele der Autoren überhaupt je die Orte gesehen haben, an denen sie ihre Geschichten spielen lassen, oder ob die nur eine sterile Standardumgebung aus dem Labor benutzen und mit dem standardisierten Lokalkolorit auskleiden, das man sich aus dem Internet zusammenklauben kann. Ein Bayern das so bayerisch ist wie der Bausatz „Irish Pub“ aus dem Gastronomiebedarfshandel irisch. Keine Heimat also, sondern nur eine Art Heimatsurrogatextrakt.

So oder so, es wird gekitscht und mit Klischees jongliert, bis die Tränen fließen, zumindest auf Titelbildern und in Klappentexten. Köhlerliesel, blond, räkelt sich auf taubeglänzten Edelweißwiesen, während im Hintergrund die Alphörner heiser muhen und so.

Da wäre es nur fair, wenn der restliche deutsche Sprachraum einen Teil dieser Last mittragen würde. Der Schwarzwald ist, wie oben erwähnt, schon halbwegs präsent (gerade auch im Fernsehen, man denke nur an die Die Schwarzwaldklinik und Die Fallers). Aber die Oberpfalz, der Spessart, das Tal der Ahnungslosen, die mecklenburgische Seenplatte und all die anderen heimatlichen Landschaften dürfen sich nicht aus der Verantwortung stehlen! Das ist ein Gebot der Fairness. Man könnte eine Quote einführen, nach der die Handlungsorte der Trivialliteratur auf den deutschen Sprachraum zu verteilen sind.

** * **

Oder – wir leben immerhin im Zeitalter der E-Books und nie dagewesener technischer Möglichkeiten computergestützter Textmanipulation – ein Roman wird in verschiedenen Lokalisierungsversionen verkauft, ähnlich wie Software. Das Grundgerüst ist identisch, und man kauft dazu dann ein Lokalisierungskit für einen bestimmten Ort. Je nach Fleiß und Geschäftstüchtigkeit der Autoren bzw. der Lokalisierungsexperten der Verlage könnte der Leser den Roman dann an den verschiedensten Orten spielen lassen. Man könnte sogar denselben Roman mehrmals wie neu lesen.

Oder jemand bietet eine Lokalisierungssoftware an, und man kann sich die Heimatromane dann an einen beliebigen Wunschort umschreiben lassen. Die Premiumversion böte dann auch die Möglichkeit, Wunschnamen für die Personen des Buchs vergeben zu können. Product Placement im Buch könnte auf der Grundlage der bei Google, Amazon usw. vorhandenen  Vorlieben maßgeschneidert werden.

In einem nächsten Schritt könnten solche Bücher dann auch vollautomatisch verfilmt werden. Die Technik zur Umwandlung von Plotelementen in bewegte Bilder dürfte in Grundzügen schon vorhanden sein – Steam ist da gut im Geschäft, oder Rockstar North mit Grand Theft Auto, die neueste Folge soll ja wahnsinnig realistisch sein. Die Dialoge würden natürlich nicht von echten Menschen gesprochen werden. Die Sprachsynthese hat ja seit Kratzenstein erhebliche Fortschritte gemacht, sodass man auf menschliche Sprecher genau wie auf Schauspieler im Prinzip schon heute verzichten kann.

Aber ich glaube, bevor die Computer hier ganz übernehmen und wir denen nur noch als Energielieferanten für ihre Simulationen dienen, höre ich mal auf…

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5 Kommentare on “Heimatliches”

  1. danawahr sagt:

    Es lebe die Heimat-Quote für Liebesromane!
    Lokalisierungssoftware für Geschichten – Ich könnte mich kringelig lachen, Du bist Deiner Zeit wirklich voraus.
    Ein genialer, innovativer Artikel. Vielen Dank dafür.
    Ich plotte gerade an einer Geschichte herum, die in meiner Heimatstadt ihren Anfang nimmt und die liegt nicht im Süden Deutschlands, sondern im Norden. Ganz allgemein finde ich es wesentlich charmanter, wenn sich beispielsweise ein Horrorthriller nicht in New York, Maine, London oder Madrid abspielen würde, sondern vielleicht in Köln, Dresden, Hamburg, oder in irgendeinem Dorf in der deutschsprachigen Provinz.

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  2. gnaddrig sagt:

    Danke 🙂

    Ein bisschen voraus vielleicht schon, aber nicht allzuweit, glaube ich. Immerhin gibt es schon vollautomatischen Journalismus, wo für Standardmeldungen über Sportereignisse Textgerüste mit technisch passend aufbereiteten Ergebnissen aufgefüllt und dann veröffentlicht werden. Kann sein, dass das noch ein paar Schritte von meiner Vision entfernt ist, aber wir sind fast schon in Sichtweite, und zwar höchstens halb gekaspert (dazu passen der Kommentarwechsel und die Wette zwischen Alexander Lasch und Muriel hier).

    Was die Austragungsorte von Romanen angeht, da gibt es ja auch eine Tendenz dazu, Krimis näher an zuhause spielen zu lassen. Viele Buchhandlungen haben immer mal Aktionstische oder eigene Bücherregale für Fiktion aus der jeweiligen Gegend. Offenbar gibt es dafür einen Markt. Und warum auch nicht – was interessieren mich New York, London oder Paris? Es kann ja auch in Jockgrim, Buxtehude oder Braunlage was Spannendes passieren.

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  3. gnaddrig sagt:

    Ich merke gerade, dass wir hier Heimat- und Liebesroman praktisch gleichsetzen. Ist das wirklich das gleiche Genre? Ich würde denken, dass der Heimatroman ein Untergenre des Liebesromans ist, oder dass Heimatromane nur ganz selten nicht auch Liebesromane sind. Da müsste mal ein Literaturwissenschaftler beigehen und sich das anschauen.

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  4. Yadgar sagt:

    Na ja, Berge machen einfach optisch mehr her als die platte Waterkant (das mal als Extrem-Gegenbeispiel)… es kann natürlich auch daran liegen, dass der Trivialgeschmack in der Nazizeit von einem Regime beeinflusst wurde, dessen Führungsfiguren mehrheitlich aus Bayern und Österreich stammten – Hitlers Lieblingsautobahn war bekanntlich die Strecke München-Salzburg, die so angelegt wurde, dass der größtmögliche Teil von ihr direkt am Fuß der Alpen entlangführt! Und diese per Propaganda installierte Gleichsetzung Heimat = Berge wirkte dann durch die Nachkriegsjahrzehnte bis heute weiter…

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  5. gnaddrig sagt:

    Stimmt schon, schneebedeckte Gipfel im Abendlicht machen auf einem Bucheinband mehr her als der Deich bei Büsum. Andererseits könnte man da andere Dinge kitschig-romantisch in Szene setzen, Windmühlen etwa oder Wasserschlösser oder reetgedeckte Häuser. Man müsste sich halt was einfallen lassen…

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