Kindermund

Kinder wissen oft noch nicht so genau, wie schlecht die Welt ist. Kinder, die in einigermaßen behüteten Verhältnissen aufwachsen, jedenfalls. Sie haben deshalb oft einen frischen, unverbrauchten Blick auf die Welt. Sie sehen Dinge nicht aus den uns gewohnten Blickwinkeln, nicht mit dem Hintergrundwissen und den ganzen Assioziationen, die bei Erwachsenen eigentlich immer mitschwingen. Sie sehen, wenn der Kaiser mit den neuen Kleidern in Wirklichkeit nackt ist.

Immer wieder rechnet man als Erwachsener nicht damit und kann unter Umständen ganz ordentlich aus der Spur gehoben werden, wenn die gewohnte Deutung eines Sachverhalts von einer Dreijährigen hartnäckig in Frage gestellt oder von einer Sechsjährigen in ein paar Sätzen zerlegt wird.

Meine Älteste kam jetzt mit der Frage: „Warum geht es den Kindern in Afrika so schlecht?“

Ups, hmja. Ohne da jetzt Spezialist für zu sein erklärt man dann eben die Geschichte Afrikas und die unrühmliche Rolle Europas: Kolonialherrschaft, Ausbeutung, Sklavenhandel, Zerstörung gewachsener Kulturen und Lebensweisen, Diebstahl erheblicher Reichtümer (man denke nur an das südamerikanische Gold und Silber oder südafrikanische Diamanten), später dann Entlassung der Kolonien in die Unabhängigkeit, in vielen Fällen abrupt und schlecht vorbereitet, anschließender Mangel an Fachkräften und Knowhow, unorganische Landesgrenzen als Folge der kolonialen Aufteilung des Kontinents, Benachteiligung afrikanischer Länder im internationalen Handel usw.

Man erwähnt, dass es Afrika ohne die europäischen Interventionen der letzten fünf- oder sechshundert Jahre wahrscheinlich besser ginge, vielleicht auch nur anders schlecht, das kann man ja nicht wissen. Aber es gibt keinen Zweifel, dass Europa einen erheblichen Anteil am Zustandekommen der aktuell zu beobachtenden Misere hat.

Und das Kind nickt nicht einfach wissend und bedeutungsschwer, sagt mit besorgter Stimme „Jajaja, so ist das wohl“ und verdrängt das Thema sofort wieder, wie das unter Erwachsenen weithin zum guten Ton gehört. Das Kind versinkt in Trauer und Wut. Völlig zu recht.

Man steht dann etwas beschämt dabei, weil man sich diese Wut und Trauer selbst nur viel zu selten erlaubt. Wut über den ganzen Scheiß, der im Namen von Göttern, Königen, Völkern oder Ideen gebaut wurde und wird. Trauer über die ganzen versauten Leben, die dabei herauskommen. Scham über die Rolle der eigenen Leute in dem ganzen Trauerspiel. Scham auch über die eigene Untätigkeit angesichts himmelschreiender Ungerechtigkeiten.

** * **

Und man fragt sich manchmal, ob Kinder nicht besser geeignet wären, die Geschicke der Welt zu lenken. Aufgeweckte, unschuldige, noch von keiner Ideologie verdorbene, integre Kinder. Und dann kriegt sich das Kind von eben mit der Schwester wegen irgendeinem egalen Mist in die Wolle, in der Grundschule wird schon gemobbt, was das Zeug hält, und auf die Vorteile der kleinen bis mittleren Notlüge kommen sie auch meist noch im Kindergartenalter.

Die würden als Weltenlenker zwar manches anders machen (vor allem in Sachen Süßigkeitenversorgung und Hausaufgabenlast), vielleicht auch einiges besser, aber per Saldo würde sich nichts Wesentliches ändern. Die Fronten wären andere, aber es ginge wahrscheinlich weder grundsätzlich friedlicher noch gerechter zu. So einfach kommen wir da nicht aus der Verantwortung. Wir müssen also weitermachen. Versuchen, mit möglichst viel Anstand durch’s Leben zu kommen. Uns für Schwächere einzusetzen, von unserem Reichtum abzugeben, nicht jedes Rad nochmal selbst erfinden zu wollen und vielleicht, vielleicht ein ganz winzig kleines bisschen aus der Vergangenheit zu lernen. Wäre ja denkbar.

Und irgendwann – ich weiß, das ist utopische Träumerei – irgendwann können dann vielleicht alle Kinder in halbwegs gesicherten Verhältnissen aufwachsen, mit menschenwürdigem Wohnraum, medizinischer Versorgung, angemessenen Bildungsmöglichkeiten, erträglichen Berufsaussichten und so weiter. Auch in Afrika. Dann bräuchte sich niemand von zwielichtigen Gestalten in überfüllten Seelenverkäufern über das Mittelmeer ins Ungewisse verschiffen zu lassen, in der Hoffnung auf wenigstens eine Chance auf ein Auskommen in Frieden und Freiheit und mit dem nur zu realen Risiko, anonym in einer schwarzen Plastiktüte am Strand von Lampedusa zu enden.

Natürlich kann der Einzelne nicht viel tun. Jede Spende, jede Aktivität ist immer nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Aber was dem einen sein Tropfen ist dem anderen sein Ozean – schon ein freundliches Wort in feindseliger Umgebung kann einen Unterschied machen. Eine einfache Einladung zum Essen kann für eine Flüchtlingsfamilie wenigstens einen Lichtblick darstellen. Solche kleinen Gesten können den Unterschied zwischen Überleben und Untergehen machen. Es gibt viele kleine Dinge, die jedes für sich keine große Änderung bewirken, keine Probleme grundsätzlich lösen, aber wenigstens Einzelnen das Leben erleichtern. Steter Tropfen höhlt den Stein, und den einen oder anderen Tropfen dürfte fast jeder übrig haben.

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3 Kommentare on “Kindermund”

  1. Manuel Pape sagt:

    Ich würde gerne einen Satz in Frage stellen: „Man steht dann etwas beschämt dabei, weil man sich diese Wut und Trauer selbst nur viel zu selten erlaubt.“ Das empfinde ich nicht. Es mag so wirken, als würden priviligierte Menschen sich lieber pfeifend umdrehen, als noch einen weiteren Gedanken zum Thema Ungerechtigkeit zu „verschwenden“. Dabei denken wir doch sehr wohl darüber nach. Wann immer uns Ungerechtigkeit begegnet, also im Durchschnitt täglich. Und wir drehen uns trotzdem pfeifend um, jedoch weil wir uns schämen und die Wut auf uns selbst projezieren. Machtlosigkeit bedingt Verzweiflung. Ich kann mich empören, beben, fluchen und wettern und der Mensch kann die mitreißensten Artikel und Bücher verfassen. Guter Wille nennt sich das. Aber höhlt ein Tropfen auch dann noch den Stein, wenn er im Moment des Aufpralls verdunstet, weil der Stein kochendheiß ist? Gibt es Naturwissenschaftler hier im Blog, die diese Metapher auflösen könnten? Das könnte schließlich die Welt verändern…

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  2. gnaddrig sagt:

    @ Manuel Pape: Herzlich willkommen, und vielen Dank für den Kommentar.

    Natürlich gibt es tausend Arten, wie Leute mit unangenehmen Dingen umgehen. Ob eine Ungerechtigkeit, die sie nicht selbst betrifft, Leuten nahegeht oder egal ist, sieht man von außen meistens nicht. Aber mir ging es nicht darum, ob wir mit Ungerechtigkeiten wie den Folgen des Kolonialismus angemessen umgehen, oder wie ein angemessener Umgang aussehen könnte oder sollte.

    Ich wollte mit dem Satz darauf hinaus, dass Erwachsene die Welt typischerweise viel gefilterter wahrnehmen als Kinder das tun. Dass sie viele Standardsituationen für sich schon durchgedacht und abgehakt haben. Deshalb sind Erwachsene oft nicht mehr so direkt emotional betroffen, wenn sie mit Unrecht konfrontiert werden – sie wissen schon, wie sie das Ereignis einordnen. Kinder haben viel weniger Weltwissen im Hintergrund und treffen deshalb öfter auf ganz neue Situationen und Eindrücke, die sie erst verarbeiten müssen. Etwa das mit dem Kolonialismus.

    Die Beschämung, die ich erwähnt habe, kommt meiner Meinung nach so zustande: Wir wissen, dass eine große Sauerei stattgefunden hat, die Wut, Scham, Trauer usw. verdient. Diese unmittelbaren Emotionen kommen uns aber meistens gar nicht mehr, weil wir das Thema schon durch haben, s.o. Gleichzeitig wissen wir, dass die unmittelbare Betroffenheit unserer Kinder, die direkte Wut, Trauer usw. durchaus angemessen sind, und dass man u.U. etwas unternehmen könnte/sollte/müsste. Aber wir unternehmen nichts.

    Gut, der eine spendet Geld an NGOs, hat „Patenkinder“ in Entwicklungsländern o.ä., mancher engagiert sich in der Flüchtlingshilfe oder so. Aber neben der unmittelbaren Reaktion meiner Kinder und ihrer Gewissheit, dass das doch ganz schlimm ist und man sofort was tun müsste, wirkt dieses Engagement oft blass, wie ein bloßes Übertünchen eines resigniert akzeptierten Misstandes.

    Dabei weiß ich genau, dass ich mit blindem Aktionismus wenig bewirken würde, außer mich aufzureiben. Das hält mich nicht davon ab, den einen oder anderen Tropfen auf den heißen Stein zu tröpfeln.

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  3. Yadgar sagt:

    Der typische AfD-Fanboy würde es seinen Kindern so erklären:

    „Den Niggern geht es schlecht, weil sie im Durchschnitt sehr dumm sind. Der typische Nigger hat einen Intelligenzquotienten oder abgekürzt IQ (das ist eine Zahl, mit der man messen kann, wie schlau ein Mensch ist) von gerade einmal 65, damit dürfte man bei uns nicht einmal den Führerschein machen. Wir Deutschen haben übrigens im Durchschnitt einen IQ von 105, der läge sogar noch höher, wenn nicht seit vielen Jahren böse, verblendete Menschen (man nennt sie „Achtundsechziger“) unsere Schulen verderben würden und dafür sorgten, dass dort nichts Ordentliches mehr gelernt wird.

    Den Niggern kann man hingegen mit besseren Schulen überhaupt nicht helfen, da sie von Natur aus dumm sind. Außerdem liegen Nigger am liebsten von früh bis spät faul herum, anstatt wie wir hart zu arbeiten und so den Standort Deutschland zu sichern. Ganz schlimm ist übrigens auch, dass Nigger sehr gerne… wie sage ich das jetzt? Jedenfalls sind die Niggerfrauen ununterbrochen schwanger, und weil die dummen Nigger ihre vielen Kinder nicht selbst satt bekommen, schicken sie sie zu uns! Hier fressen sie dann unser hart erarbeitetes Geld weg, und die Achtundsechziger finden das auch noch gut! Deshalb, Junge: sobald du 25 wirst und wählen darfst, wähle die AfD! Das ist die einzige Partei, die unser schönes Deutschland wieder deutsch machen kann!“

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