Duftkeule

Eines Abends im Oktober will ich eine frisch gewaschene Bettdecke auf dem Balkon aufhängen. Ich trete also frischfrommfröhllichfrei und vor allem nichtsahnend auf den Balkon und werde sofort unruhig. Da riecht es doch irgendwie komisch. Leicht rauchig und nach irgendetwas Merkwürdigem.

Nun ist es ein typischer nasskalter Herbstabend. Alle Holzöfen und Kamine der Nachbarschaft sind in Betrieb, es hatte schon den ganzen Tag diesen charakteristischen Geruch nach Rauch und Nebel gehabt, den es so nur an nebligkalten Herbsttagen gibt. Aber das hier ist anders, so riecht Herbst nicht.

Der Duft ist ziemlich kräftig, und nach ein paar Augenblicken fällt der Groschen: Patschuli. Als ob jemand nebenan eine Flasche Patschuli-Öl auf dem Boden zerschmissen hätte. Oder vielleicht raucht da jemand patschuligetränkte Seegrasmatratze? Egal, ich bringe schnell die Decke wieder nach drinnen und hole auch die andere Decke herein, die draußen zum Lüften hängt, ich will mir damit ja nicht das Schlafzimmer parfümieren.

Heutzutage duftet ja alles irgendwie. Wer sich normaldurchschnittlich körperpflegt, kann an einem Morgen ohne Probleme ein Dutzend Düfte aufsammeln: Shampoo, Duschgel, Spülung, Rasierschaum, After Shave, Deo, Körperlotion, Gesichtscreme, vielleicht auch noch Haarwasser und Eau de Cologne. Die Wäsche ist sicher per Waschmittel duftig gemacht worden, die frischgeputzten Schuhe riechen vielleicht noch nach Schuhcreme, der Anzug nach Mottenkugeln oder Lavendel. Dann kommen Zahnpasta und eventuell Mundwasser dazu.

Beherrschend dürfte bei den meisten Männern die Trias Duschgel, After Shave, Deo sein, bei Frauen Parfüm statt After Shave. So oder so kann das als Duftkeule schon einige Durchschlagskraft entwickeln. Kennt jeder, so duften immer nur die anderen, und die kriegen mit wenig Aufwand ganz anständige olfaktorische Kakophonien komponiert, die sie dann den ganzen Tag vor sich hertragen wie eine Kollisionswarnung für den Fußgängerverkehr, eine Art mobile Privatsphärewolke.

Auch sonst gibt es viel Duft. Manche Läden verströmen einen speziell auf alles mögliche abgestimmten Duft, andere riechen einfach so, Drogerien etwa oder Obst- und Gemüseläden. Autos riechen eigen, Friseursalons erst recht. Bäckereien auch. Mancher beduftet die eigenen vier Wände dauerhaft mit irgendwelchen Raumluftauffrischern, Kräuterpotpourris auf der Fensterbank oder Räucherstäbchen. Die Toilette ist natürlich separat beduftet, es nimmt kein Ende.

Überallher duftet es nach immer den gleichen Dingen – Chemiezitrone, Plastiklavendel, die Herren nach Moschusochse, die Damen blumig, Kindersachen nach grellbuntem Kaugummi. Man hat sich ja eigentlich schon dran gewöhnt, es stört meistens nicht einmal mehr.

Aber Patschuli? War das jetzt nötig? Wer braucht überhaupt Patschuli-Öl, und warum in Riechweite meines Balkons? Als Komponente in Mischungen mag es noch hingehen, aber für sich genommen ist das eine furchtbare Brühe. Völlig überflüssig, genauso wie der Rauch gewisser Hanfprodukte. Immerhin riecht die gelüftete Decke jetzt nicht nach dem Zeug…


One Comment on “Duftkeule”

  1. […] Da ist man kaum ein paar Jahre im Ausland, und wenn man sich zurückmeldet, kommen die ganzen alten Bekannten als bionadebiedermeiernde Spießer daher. Ich hoffe, ich bin nicht auch so. Man merkt sowas ja selbst oft gar nicht, genauso wie die eigene Duftwolke… […]

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