Piktogramme

Asterix & Obelix haben sich jahrzehntelang auf Talfahrt befunden, zuletzt eigentlich schon im freien Fall. Seit René Goscinnys Tod 1977 hatte Albert Uderzo die Geschichten entworfen, getextet und gezeichnet, und die Geschichten waren immer grottenschlechter geworden. Gut, Der große Graben ist noch akzeptabel, aber danach wurde es ziemlich schnell ziemlich finster. Spätestens seit die letzten Ideen, Notizen und Schnipsel aus Goscinnys Hinterlassenschaft aufgebraucht waren, war es in Sachen Niveau zappenduster im kleinen gallischen Dorf.

Jetzt aber hat Uderzo sich aus dem Geschäft zurückgezogen und Asterix & Obelix an Autor Jean-Yves Ferri und Zeichner Didier Conrad weitergegeben. Deren erstes Werk liegt nun vor: Asterix bei den Pikten. Der Band wird als Hoffnungsschimmer nach der langen Dürrezeit der von Uderzo allein produzierten Asterixe gesehen und ist recht positiv aufgenommen worden (hier etwa, und hier).

Ich selbst bin nicht so richtig begeistert. Allerdings hatte ich nach Asterix und Maestria die Nase voll und habe aufgehört, Asterix & Obelix zu lesen. Das heißt, zu Obelix auf Kreuzfahrt habe ich mich noch breitschlagen lassen und das hinterher aber bereut und endgültig Schluss gemacht. Die ganz üblen Klötze (Asterix und Latraviata und Gallien in Gefahr) sowie die augenscheinlich als reine Geldbeschaffungsmaßnahmen angelegten Wie Obelix als kleines Kind in den Zaubertrank geplumpst ist [s.u.], Asterix plaudert aus der Schule und Asterix & Obelix feiern Geburtstag habe ich nie gelesen. Darum vergleiche ich eher mit den Gemeinschaftswerken von Goscinny und Uderzo, und der Vergleich ist für den neuen Band natürlich weniger schmeichelhaft als der mit Uderzos letzten Machwerken.

Erfreulicherweise fehlt dem Piktenabenteuer die Uderzos letzten Bänden nachgesagte Verbissenheit, es gibt wieder eine Menge Witz. Anders als Comickunst sehe ich den Text auf einer imaginären Goscinnyhaftigkeitsskala aber ganz sicher nicht bei 80 bis 90 von 100, sondern vielleicht bei 60 bis 70. Wortwitz und Situationskomik sind durchaus vorhanden, mir fehlt aber der große Bogen. Es wirkt auf mich streckenweise wie aneinandergereihte Einzelwitze. Auch die teilweise gelungenen neuen Running Gags (der römische Volkszähler, der nicht zum Zählen kommt, Fafnie der „Otter“, Obelix‘ Erkennungsruf „Kroka!“ und die immer wieder gebrachten Piktogramme) reißen das nicht wirklich raus. Das mit den Piktogrammen (Pikten – Piktogramme, verstanden? Schenkelklopfen!) finde ich auf Dauer auch etwas penetrant. Außerdem bleiben die Pikten recht blass, eher eine Sammlung schräger Einzelmerkmale als ein erkennbarer Haufen Leute.

Die Geschichte selbst ist ganz nett, aber zu konfus. Wieso der Pikte in einem Eisblock tiefgefroren in Aremorica an Land gespült wird, erschließt sich mir nicht völlig. Wieso er dann stumm ist und später unmotiviert Schlagertitel in die Welt kräht, als hätte er eine Art Tourette-Syndrom, bleibt auch unklar. Witzig wirkt es auf mich nicht. Man driftet so durch die Seiten und fragt sich, was das alles soll. Das traditionelle Bankett auf dem Dorfplatz hängt am Ende etwas unmotiviert in der Luft. Der Text ist zwar deutlich besser als die letzten Bände von Uderzo, reicht aber längst nicht an Goscinnys Zeilen heran.

Die Zeichnungen sind nicht schlecht, aber deutlich schwächer als die von Uderzo. Sie wirken, wie Comickunst auch schreibt, etwas leerer, erreichen nicht die Dichte von Uderzos Zeichnungen. Es gibt weniger Details im Hintergrund, das ganze wirkt stellenweise etwas blass (was nicht an der Kolorierung liegt). Nun hat Uderzo als Zeichner natürlich ziemlich große Stiefel hinterlassen, die nicht jedem auf Anhieb passen. Didier Conrad könnte es schaffen, da hineinzuwachsen. Solide Ansätze sind immerhin erkennbar.

Insgesamt ist Asterix bei den Pikten zwar ein halbwegs lesbarer Comic, aber er reicht bei weitem nicht an die gemeinsamen Meisterwerke von Goscinny und Uderzo heran. Obwohl die beiden neuen Macher sicher Potenzial haben, bin ich erstmal skeptisch. Und auch wenn die Piktengeschichte so schlecht nicht ist, fürchte ich, dass die Serie ziemlich ausgereizt ist.

Falls Ferri und Conrad mich eines besseren belehren, freue ich mich. Bis dahin halte ich mich an meine Lieblingsbände (in der Reihenfolge ihres Erscheinens, nicht nach Gefallen sortiert):

  • Asterix der Gallier
  • Die goldene Sichel (v.a. in der englischen Übersetzung)
  • Asterix und die Goten
  • Tour de France
  • Asterix bei den Briten (v.a. in der englischen Übersetzung)
  • Asterix und die Normannen (gibt’s auch auf plattdeutsch, sehr lesenswert)
  • Asterix als Legionär
  • Asterix und der Avernerschild
  • Asterix und der Kupferkessel (auch in der englischen Übersetzung)
  • Streit um Asterix
  • Asterix bei den Schweizern (v.a. in der englischen Übersetzung)
  • Die Trabantenstadt (gibt’s auch auf alemannisch, lesenswert)
  • Die Lorbeeren des Cäsar
  • Der Seher
  • Asterix auf Korsika (v.a. in der englischen Übersetzung)

Nachtrag (17.12.2013): In Sachen Wie Obelix als kleines Kind in den Zaubertrank geplumpst ist habe ich gründlich danebengelangt. Der Band ist mir jetzt in der Bibliothek in die Hände gefallen und hat mich sehr überrascht. Dabei handelt es sich nämlich um eine Geschichte, die René Goscinny 1965 für die Zeitschrift Pilote geschrieben hat. Albert Uderzo hat die Geschichte dann später illustriert und herausgegeben. Vom Stil her ist es ein Bilderbuch mit Textblöcken und doppelseitigen Illustrationen.

Die Bilder sind liebevoll gezeichnet, enthalten viele kleine Details, wie die Comics auch. Die Atmosphäre ist wie bei den klassischen Asterix-Bänden: Augenzwinkernder Humor, kleine Schrulligkeiten, ausgesprochen liebenswert.

Advertisements


In den Wald hineinrufen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s