Nie wieder!

Der offizielle Einstieg in die nationalsozialistische Blutorgie ist heute 75 Jahre her. Die Folgen des Wahnsinns sind noch lange nicht verwunden. Allerdings scheint antisemitisches Gedankengut in Deutschland wieder mehr und mehr gesellschaftsfähig zu werden.

Auch wenn, wie in den Zeitungsartikeln zum Thema gelegentlich angemerkt wird, die Zahl der (als solche erkannten und erfassten) antisemitisch motivierten Straftaten über die Jahre schwankt aber nicht wächst – die Hemmungen, antisemitische Positionen offen zu vertreten, scheinen zu schwinden. Man finde, habe ich gelesen, offen antisemitische Positionen zunehmend auch in der sogenannten Mitte der Gesellschaft. Das heißt, man muss nicht mehr an die Stammtische oder nach rechts- und linksaußen gehen, um Antisemitisches zu hören, auch bei „ganz normalen“ Leuten kriegt man sowas mittlerweile vorgesetzt.

Man findet beispielsweise in den Top 100 auf wordpress.com zunehmend mehr Artikel mit mehr oder weniger unverblümt rechtsradikalen, revisionistischen oder antisemitischen Tendenzen. Manche verherrlichen offen Adolf Hitler und seine Ideologie. Es gibt da eine gewisse weltanschauliche Überschneidung mit esoterisch oder verschwörungstheoretisch orientierten Blogs, die auch oft nationalistissche und antisemitische Neigungen zeigen. Die Tendenz ist jedenfalls eindeutig: Die haben weniger Hemmungen, ihr Weltbild offen zu vertreten. Fast jeden Tag sind dort mehrere offen fremdenfeindliche Blogs vertreten, die oft auch politisch rechtsaußen und antisemitisch orientiert sind.

Jetzt frage ich mich, ob der Antisemitismus in der Gesellschaft zunimmt, oder ob sowieso vorhandene antisemitische Überzeugungen jetzt nur offen zu Tage treten und nicht mehr so sorgfältig versteckt werden wir noch vor ein paar Jahren. Wahrscheinlich ist es eine Mischung aus beidem, und beides finde ich schlimm.

Antisemitismus als Weltbild, als Methode zur Erklärung der Welt, ist unmenschlich und durch nichts zu rechtfertigen. Das war schon vor dem ersten Pogrom in einem osteuropäischen Schtetl so, aber spätestens seit dem Holocaust dürfte es über die Natur dieser Denkart keine Zweifel mehr geben. Auch die, sagen wir, zivilisierten Antisemiten, die niemals selbst jemanden misshandeln oder anpöbeln würden, tragen zu einem gesellschaftlichen Klima bei, in dem so etwas als nicht mehr so schlimm gilt, in dem entsprechend Interessierte ihren Neigungen ungehemmter nachgeben können als das sonst der Fall wäre.

Dass diese Haltung – „Wir tun niemandem was, aber die Juden/Israel [gängige Klischees und Anwürfe hier einfügen]!“ – anscheinend stark um sich greift, ist beunruhigend. Staatlich gesteuerten Terror jegen Juden sehe ich in Deutschland zwar so bald nicht wieder passieren, aber für privat organisierte Ausschreitungen wird gerade der Boden bereitet. (Am Rande bemerkt: In Russland scheint sich derzeit eine Radikalisierung breiter Schichten der Gesellschaft zu vollziehen, mit rechtsextremistischen, homophoben, antisemitischen und fremdenfeindlichen Tendenzen und hoher Gewaltbereitschaft. Aus Ungarn hört man ähnliche Geschichten. Eine Umfrage hat ergeben, dass sich Juden in allen EU-Ländern zunehmendem Antisemitismus ausgesetzt sehen. Vielleicht ist das derzeit eine länderübergreifende Tendenz?) Die Antisemiten in Deutschland werden jedenfalls lautstärker und ungenierter, teilweise sind sie sehr gewaltbereit, und ich hoffe, dass das nicht anfängt zu gären und irgendwann wieder in Gewaltorgien ausufert wie vor 75 Jahren.

Die Behörden sollten genauer hinschauen, vor allem das rechte Auge (anders als bisher) schön weit aufmachen, und nicht (wie bisher so oft) gerade den Leuten das Leben schwer machen, die versuchen, die Ausbreitung rechtsextremen Gedankenguts einzudämmen, den Opfern rechter Gewalt zu helfen oder Gewaltprävention zu betreiben. Und alle anderen Bürger sind auch gefragt. Wir sollten nicht bequem „Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen“, sondern Stellung beziehen.

Eine Pogromnacht wie am 9. November 1938 darf sich nicht wiederholen, auch nicht in klein, auch nicht in den Köpfen. Ich möchte jedenfalls weiterhin in einem freiheitlichen Rechtsstaat leben (oder doch wenigstens in einem Staat, der dem Ideal so nahe wie möglich kommt, wirklich erreichbar ist es wahrscheinlich nicht), in dem niemand wegen der Hautfarbe, Volkszugehörigkeit, Religion oder sexuellen Orientierung Angst haben muss, sich auf der Straße zu zeigen. Und dazu passt kein Wegsehen der Allgemeinheit. Und keine Diskriminierung, keine Lynchjustiz, keine Hetze, keine Gewalt. Gegen niemanden, und gerade in Deutschland ausdrücklich auch nicht gegen Juden.


3 Kommentare on “Nie wieder!”

  1. Schuld und Verantwortung.

    Fünfundsiebzig Jahre ist die Reichspogromnacht(( Als ich zur Schule ging nannte man das übrigens noch Reichskristallnacht.)) nun her. Und das Dritte Reich ist zum Glück auch schon seit 68 Jahren…

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  2. altautonomer sagt:

    1. Zum linken Antisemitismus und Antisemitismus dere Intellektuellen, getarnt als Israelkritik und dem entlastenden „Opa war kein Nazi“: http://www.publikative.org/2013/11/09/akademisches-karussell-die-verstoerung-ertragen/

    2. Für Ulf: http://jungle-world.com/artikel/2013/45/48794.html
    Kein Vergeben, kein Vergessen. Kein fussbreit den Faschisten!

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  3. […] Dass ausgerechnet in Deutschland kaum eine Reaktion zu sehen ist, wenn auf den Straßen wieder gegen Juden gehetzt wird, wenn Mitbürger oder Gäste angepöbelt oder tätlich angegriffen werden, […]

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In den Wald hineinrufen

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