Von wegen Weissagung

Bei Umweltschützern ist die sogenannte Weissagung der Cree recht beliebt. Die geht in der gängigen deutschen Fassung so:

Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet ihr merken, dass man Geld nicht essen kann.

Dass dieser schöne Spruch, wie es in der Wikipedia heißt, in dieser Form wohl nicht indianischen Ursprungs ist, hatte ich selbst auch schon vermutet. Sicher haben sich das amerikanische Umweltschützer mit überwiegend unindianischen Wurzeln ausgedacht oder aus verschiedenen, teilweise vielleicht sogar tatsächlich indianischen Versatzstücken zusammengebastelt.

Warum sie den Ausspruch „den Indianern“ und da konkret dem Volk der Cree zuschreiben, bleibt ihr Geheimnis. Gut, „die Indianer“ waren bekanntlichangeblich besonders naturverbunden (klar, je einfacher die verfügbaren technischen Mittel, desto mehr friert man bei Kälte mit,desto weniger kann man sich Verschwendung erlauben und desto mehr Grund hat man, hungrige Bären nicht zu ärgern usw.), lebten im Gegensatz zu „den Weißen“ möglichst im Einklang mit der Natur und schonten ihre Ressourcen (außer natürlich, wenn sie keine andere Methode der Büffeljagd kannten, als eine ganze Herde über eine Klippe zu treiben und von den 300 verendeten Tieren vielleicht fünf oder höchstens zehn wenigstens teilweise verwerten zu können und den Rest mangels Verarbeitungskapazität verrotten lassen zu müssen). Sie besaßen jede Menge altes Wissen (unschlagbar!) und nährten sich direkt an Mutter Naturs unerschöpflichem Busen. Da boten sie sich natürlich als Warner und Mahner wider die kapitalistische Maßlosigkeit an (gegen die man ansonsten durchaus mal das eine oder andere böse Wort verlieren darf).

Und es war natürlich zweckmäßig, sich aus den vielen uramerikanischen Völkern einen als einigermaßen friedlich geltenden Stamm auszusuchen. Die als kriegerisch bekannten Sioux (Sitting Bull, kennt man), die trügerischen Nez Percé (erst friedlich tun, dann heimlich Richtung Kanada abhauen und auf einmal zielgenau militärisch losschlagen, Guerillataktiken der ersten Güte anwenden und sich überhaupt benehmen, als habe man bei Clausewitz persönlich studiert; hat ihnen aber nichts geholfen) oder die von Karl May her bekannten Komantschen (allesamt Schurken und Halsabschneider, ganz üble Schufte, gut dass Herr Shatterhand uns da gewarnt hat) und Apatschen (soweit ganz anständige Leute, aber bei Bedarf eben auch nicht zimperlich) hätten sich da nicht so gut gemacht.

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Laut Wikipedia kursierte eine Version dieser Weisheit in den 60er Jahren als angebliche Weissagung der Hopi. Aber egal wo der Spruch wirklich herkommt, er hat genug moralisches hohes Ross unter sich, um verkleidet im Indianerkostüm in westlichen Ohren hinreichend authentisch und damit beachtenswert zu klingen. Wenn es klingt wie altes Wissen, muss es ja auch stimmen.

Die Aussage selbst ist dabei zunächst mal Unsinn. Noch der geldgeilste Wallstreetkrieger wird auf Nachfrage gern bestätigen, dass man Geld selbstverständlich nicht essen kann, das muss man also niemandem mehr sagen. Allerdings wird er sofort hinzufügen, dass man sich für Geld aber alles Essen kaufen kann, das man braucht oder will.

Eine Schicht tiefer gegraben kommt dann aber doch ein kleines bisschen denkbare Sinnhaftigkeit zum Vorschein. Wenn nämlich der letzte Baum gefällt und zu ökologisch korrektem Kinderspielzeug verarbeitet, der letzte Fisch zu Leim verkocht, das letzte Tier zu Tierfutter vermahlen ist, die Felder vergiftet brachliegen usw. gibt es irgendwann womöglich kein Essen mehr, das man sich für das schöne Geld kaufen könnte.

Auch das wird der oben befragte Wallstreetmensch sicher grundsätzlich anerkennen, aber dabei abstreiten, dass es für ihn oder sein Verhalten irgendwelche Relevanz hat. Er sägt ja nicht den letzten Baum um oder kippt Fässer mit Dioxinbrühe in den letzten sauberen Fluss oder so. Er schiebt letztlich bloß Zahlen in Excel-Tabellen hin und her und verdient damit mehr oder weniger Geld. Und die paar Kröten fallen, global gesehen, sowieso nicht ins Gewicht.

Aber da der Regen bekanntlich aus vielen einzelnen Tropfen besteht und dennoch gewaltige Überschwemmungen verursachen kann, hat der Zahlenschieber genau wie wir alle trotzdem eine Mitschuld an der Zerstörung unserer Lebensgrundlage, wenn die Menschheit es denn tatsächlich soweit bringen sollte (ob es dazu kommen wird ist weiterhin hochstrittig). Kleinvieh macht auch Mist, sogar wir Kirchenmäuse mit unseren lächerlichen Durchschnittseinkommen und unserem kleinbürgerlichen Winzkonsum. Wenn lang genug geschissen und nie gemistet wird, dürfte der Stall eben irgendwann bis zum Dachstuhl voll Mist sein, und nur darauf weist der Spruch hin.

** * **

Das ändert nichts daran, dass das keine Weissagung ist. Weissagungen gehen anders, schon vom Tonfall.

Siehe, es werden keine Bäume mehr sein auf den Höhen, nicht Büsche noch Gräser in der Weite des Landes. Die Flüsse werden kein Wasser mehr führen sondern giftige Brühe und werden keine Fische mehr darin schwimmen sondern Ölkanister, leere Getränkedosen und gebrauchte Kondome. Und siehe, ihr werdet nicht haben, damit euren Hunger zu stillen, noch euren Durst. Denn wahrlich, ich sage euch, nicht Gold noch Edelsteine noch Geschmeide noch Bankguthaben könnt ihr essen, kein Cent kann eurem Hunger beikommen, keine liquiden Mittel eurem Durst. Und so ihr dieses gewahr werdet wird Heulen und Zähneklappern sein in eurer Mitte und werdet ihr Hungers sterben mit all euren Frauen, Kindern, Gesinde und Vieh.

So ungefähr klingen Weissagungen. Außerdem ist es ein zentrales Merkmal von Weissagungen, dass sie etwas voraussagen, das in der Gegenwart noch nicht bekannt oder absehbar ist.

Der angebliche Cree-Spruch dagegen, der ist im wesentlichen die schlechtgelaunte Feststellung einer eigentlich trivialen Tatsache: Geld kann man nicht essen, und so wie Ihr Idioten euch benehmt, werdet ihr das erst merken, wenn es sonst nichts mehr zu fressen gibt. Ok, formal ist da ein winziges Quäntchen Weissagung enthalten: Erst wenn das Essen alle ist, werdet ihr merken, dass man Geld nicht essen kann. Wie wir oben gezeigt haben, kann die Nichtessbarkeit von Geld aber als allgemein bekannt vorausgesetzt werden, und damit entfällt für den Spruch jeglicher Weissagungscharakter.

Für sowas muss man jedenfalls nicht solch ein Buhei veranstalten. Findet euch einfach damit ab, dass die Welt schlecht ist und die Leute mehrheitlich komisch sind, dann passt wieder alles.

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3 Kommentare on “Von wegen Weissagung”

  1. […] im sich klimakatastrophenbedingt immer weiter aufheizenden Meerwasser gar gekocht und wir alle, mangels Lebensmitteln an Münzgeld nagend, […]

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  2. betty berger (@betty_2910) sagt:

    „Findet Euch damit ab, daß die Welt schlecht ist … “ ist jetzt nicht grad so mein Lieblingspeptalk :-/

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  3. gnaddrig sagt:

    Man kann ja immer noch was gegen die Schlechtigkeit der Welt und die Folgen menschlicher Durchgeknalltheit tun, oder? Erstmal Bestandsaufnahme („Welt – schlecht; Leute – durchgeknallt/egoistisch/verpeilt“), dann ggf. über Maßnahmen nachdenken 🙂

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