Kurzsichtigkeit am Steuer

Dass viele Leute nicht besonders geschickt im Ein- und Ausparken sind, ist wohl keine Neuigkeit. Natürlich ist jeder, mit dem man drüber spricht, der beste Autofahrer des Landes (ich eingeschlossen!). Handwerklich schlecht fahren immer nur die anderen, das ist allgemein bekannt.

Manche können also nicht so gut ein- und ausparken. Enge, unübersichtliche und überfüllte Parkplätze machen es nicht eben besser. Wenn dann noch Dunkelheit, schlechtes Wetter und krakeelende Suffköppe dazukommen, die zwischen den Autos herumkaspern, kann das schonmal zu erheblichem Stress führen, und Stress macht Leute oftmals ungeschickt und fahrig. Wenn mehrere dieser Umstände zusammentreffen, sind das keine guten Voraussetzungen für filigranes Parkplatzmenuett.

Dass nicht wenige beim Autofahren jeden Zentimeter Platz ausnutzen, um vorwärts zu kommen, ist auch kein Geheimnis. Zwar geht es auf Deutschlands Straßen meistens deutlich ordentlicher zu als etwa im russischen Straßenverkehr. Dort benimmt sich meiner Erfahrung nach die Gesamtheit der Autos wie eine Flüssigkeit – jedes bisschen Platz wird bis zum letzten Zentimeter ausgefüllt, einschließlich der Gehwege; die dunkelgelbe Phase an den Ampeln ist sehr lang und wird gnadenlos ausgenutzt, um noch auf die Kreuzung zu kommen; entsprechend verkeilt sich auf großen Kreuzungen oft alles kreuz und quer, denn nachgeben oder gar jemanden vorlassen ist undenkbar, und wenn es der Rettungswagen mit der eigenen Großmutter hinten drin ist. Aber die Neigung, keinen Fingerbreit zu verschenken, ist hier auch zu beobachten, und sie verstärkt sich zu Stoßzeiten oder auch beim Kampf um zuwenige Parkplätze.

Ein hübsches Beispiel habe ich neulich auf dem Parkplatz eines Supermarktes vorgeführt bekommen. Der Parkplatz ist eher klein und gerade abends notorisch überfüllt. Deshalb stehen da immer mal zwei, drei Autos mit laufendem Motor in der Einfahrt und warten, bis ein Parkplatz frei wird.

Während ich an dem betreffenden Abend dabei bin, meinen Wocheneinkauf im Fahrradanhänger zu verstauen, fährt ein 7er BMW aus seiner Parklücke. Sobald es geht, witscht ein vorher gewartet habender Kleinwagen in dessen Parklücke. Völlig legitim, da gib es nichts zu meckern. Ein urbaner Dreitagebartträger, Typ Mens‘-Health-Titelmodel, steigt aus und schlendert in den Laden. Gleichzeitig kommt ein älterer Stammkunde bruddelnd und kopfschüttelnd über den Parkplatz geschlappt. Alles Idioten. Völlig durchgeknallt, denen sollte man allen den Führerschein abnehmen, das ist doch lächerlich, wie blöd kann man denn sein geht es in einem fort, bis er im Laden verschwindet.

Dummerweise ist schräg gegenüber dem BMW, drei Parkplätze versetzt, eine junge Frau mit ihrem vorwärts eingeparkten Punto dabei, ihre Parklücke rückwärts zu verlassen. Im Ergebnis stehen BMW und Punto Stoßstange an Stoßstange und blicken ratlos.

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Punto versucht, nach vorne wegzufahren, kommt aber nicht an dem ungeschickt eingeparkten Auto auf dem nächsten Parkplatz vorbei, das ragt deutlich über den weißen Strich hinaus. Zurück kann sie nicht, weil BMW ihr den Weg versperrt. Vorwärts in ihre eigene Parklücke schafft sie es auch nicht mehr, weil sie ja schon einmal in die andere Richtung eingeschlagen bis direkt an den Parknachbarn vorwärts gefahren ist und jetzt ziemlich schräg dasteht. BMW kann auch nicht weiter zurück, weil in seiner Parklücke ja Mens‘ Health steht. Der ist auch nicht so weit vorgefahren, wie er gekonnt hätte. Es ist dort also enger als nötig.

Punto fängt jetzt an, vor- und zurückzurangieren, immer eine Handbreit vor, eine Handbreit zurück. Neben dem Hüpfer von Mens‘ Health steht der Sprinter eines Kurierdienstes, der weit über die weiße Linie in die Parkgasse hinausragt und so nicht gerade das Gefühl von Weite vermittelt.

Zwei wartende Automobilisten sind unterdessen zu BMW aufgeschlossen. Sicherheitshalber hupen sie einfach mal ein bisschen. Nicht einmal kurz, um BMW auf den eigenen Parkwunsch hinzuweisen, sondern schön saftig und mehrmals hintereinander. Es ist zwar offensichtlich, dass da nichts geht und keiner vor oder zurück kann, aber hupen hilft bekanntlich immer. Weil, das weiß ja jeder, wenn man Leuten, die eh schon im Stress sind, noch ein bisschen mehr Stress macht, geht alles besser von der Hand.

Punto ist also tapfer am Rangieren, BMW ist bis an die Stoßstange von Mens‘ Health zurückgewichen, um Punto möglichst viel Platz zu geben. Der Bruddler kommt gerade wieder mit seinen drei eingekauften Sächelchen nach draußen, als Punto nach mehreren hektischen Vor-und-zurück-Zügen endlich an ihrem Parknachbarn vorbeikommt und den Parkplatz verlassen kann. Innerhalb weniger Sekunden löst sich das ganze Stillleben auf.

Dass BMW und Punto gleichzeitig ausparken wollten und sich dann gegenseitig blockierten, war einfach dumm gelaufen. Aber dass dann alle sofort bis auf Tuchfühlung nachgerückt sind, war  kurzsichtig und leider typisch und hat alle Beteiligten mehrere Minuten Zeit und einiges an Nerven gekostet. Völlig unnötig und ärgerlich, aber für den Außenstehenden durchaus unterhaltsam.

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2 Kommentare on “Kurzsichtigkeit am Steuer”

  1. […] Vielleicht ist das Ding nicht gut sichtbar – der graue Stein hebt sich gegen das grauee Pflaster nicht gut ab. Die Reflektorstreifen sollte man natürlich sehen, aber wer weiß, wo die Leute hinschauen. Wahrscheinlich hat das Infotainmentsystem gerade wieder eine kryptische Meldung gebracht oder die Einparkhilfe hat sich wieder abgeschaltet oder die SMS ging ein wenig länger zu tippen oder was weiß ich. […]

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  2. […] vorbeizudrängeln. Das ist nicht ständig so, aber immer wieder mal geht da minutenlang nichts. Kennt man, die Sorte Situation. Kein Wunder – wenn man hinterm Steuer sitzt, fehlt gelegentlich der […]

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