Verzögerungen

Neulich komme ich recht zeitig auf den Bahnsteig. Mein Regionalzug steht schon bereit, ich habe aber noch ein paar Minuten bis zur Abfahrt. Auf dem Bahnsteig gegenüber steht ein Intercity, der hier eingesetzt wird. Die Zugchefin steht in einer Tür etwa in der Mitte des Zuges, im ersten und im letzten Waggon des Zuges steht jeweils eine weitere Bahnbedienstete ebenfalls in einer offenen Tür.

verzoegerungen

Die fahrplanmäßige Abfahrtzeit ist erreicht, die Türen klappen zu. Die Zugchefin pfeift zur Abfahrt. Als sie eben ihre Tür hinter sich schließen will, kommen zwei Reisende mit Koffern die Treppe (auf der Abbildung links) heraufgehastet, versuchen vergeblich, die bereits geschlossenen Türen des Waggons direkt neben der Treppe zu öffnen. Sie werden von der Zugbegleiterin 1 am hinteren Ende des Zuges per Zuruf zu der offenen Tür dort gelotst.

Die beiden sind noch nicht fertig eingestiegen, da kommen am anderen Ende des Bahnsteigs zwei oder drei Leute die Treppe hoch und versuchen, die Türen zu öffnen. Sie werden vom Zugbegleiter 2 am vorderen Ende des Zuges zur offenen Tür gerufen und steigen dort ein. Während die noch ihre Koffer in den Zug wuchten, kommen am anderen Ende wieder drei oder vier Leute mit Koffern nach, die in bewährter Manier von der Zugbegleiterin 1 in den Zug geholt werden.

Ich bin mitten auf dem Bahnsteig ugnefähr gegenüber der Zugchefin stehengeblieben und schaue mir das Schauspiel an. Die Zugchefin fängt langsam an zu dampfen vor Ungeduld. Sie kriegt den Zug einfach nicht aus dem Bahnhof, wenn ständig Leute angekleckert kommen und schnell noch einsteigen. Sie nimmt es aber mit Humor. Unsere Blicke treffen sich, wir lachen uns schulterzuckend an, während sie zum zweitenmal nach ihrer Pfeife greift. Aus dem Augenwinkel sehe ich Bewegung am vorderen Ende des Zuges. Ich drehe mich dorthin, sie folgt meinem Blick.

Da kommen tatsächlich wieder welche die Treppe hoch, drei oder vier Leute, wieder mit schwerem Gepäck. Dann noch eine Gruppe von fünf, sechs Leuten, dann noch welche. Es nimmt kein Ende, sie kommen in Massen aus dem Treppenschacht, als ob ein Topf Milch überkocht. In wenigen Sekunden hängen an mehreren Zugtüren im Bereich der Treppe Trauben von Reisenden mit Koffern, die vergeblich versuchen, die Türen zu öffnen. Das sind bestimmt dreßig, vierzig Leute. Die alle durch die eine Tür am vorderen Ende in den Zug zu kriegen, würde ewig dauern. Die Leute müssten ja nicht nur schnell einsteigen, sondern auch zügig den Eingangsbereich freimachen, dass die nächsten nachrücken können, und das funktioniert in den engen Waggons erfahrungsgemäß nie. Schon gar nicht, wenn Massen schweren Gepäcks im Spiel sind. Ein Großteil der Leute würde direkt nach dem Einsteigen stehenbleiben und auf ihrer Sitzplatzreservierung nachschauen, wo sie hinmüssen. Ich bezweifle, dass man die Leute in unter zwanzig Minuten in den Zug gekriegt hätte.

Mit einer gewissen Schicksalsergebenheit gibt die Zugchefin darum alle Türen frei. Die Leute steigen erstaunlich zügig ein, und der Zug rollt dann mit ca. 6 Minuten Verspätung aus dem Bahnhof. Wenn das nächste Mal eine Verspätung mit Verzögerungen beim Ein- und Ausstieg begründet wird, habe ich jetzt ein schönes Bild dazu im Kopf.


3 Kommentare on “Verzögerungen”

  1. bertrandolf sagt:

    Kam dann noch die Durchsage: „Aufgrund eines verspätetens IC`s, der Vorrang hat, verspätet sich unsere Abfahrt um mehrere Minuten“ ? 😀

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  2. gnaddrig sagt:

    In diesem Fall nicht, da waren wohl genug freie Gleise vorhanden. Hätte aber natürlich gepasst…

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