Antipoden: Die Wahrheit

Es ist noch nicht allzulange her, dass sich namhafte Gelehrte erhitzte Debatten darum lieferten, ob auf der anderen Seite der Erde überhaupt Menschen leben können. Die Antipoden würden ja, glaubte man, mit dem Kopf nach unten da herumlaufen müssen und würden natürlich in den Himmel fallen. Das musste so sein, weil wir hier ja nachweislich mit den Füßen nach unten und dem Kopf nach oben herumlaufen und immer in Richtung Erde fallen.

Mit zunehmendem Weltwissen llöste sich der strittige Punkt weitgehend in Wohlgefallen auf. Spätestens seit Abel Tasman Neuseeland und Tasmanien besuchte, konnte kaum mehr bestritten werden, dass die Gegenseite der Erde von ganz normalen Menschen bewohnt ist und die Schwerkraft auch dort in Richtung Erdmittelpunkt wirkt. Da gab es einfach nichts mehr zu diskutieren, und die Antipoden, wie man sie sich ausgemalt hatte, existierten einfach nicht, genau wie die auch mal für unverzichtbar gehaltene Nordwestpassage.

Das macht die Sache mit den Antipoden geheimisvoll, denn natürlich muss es welche geben, und wenn nicht in Australien Hals über Kopf, dann eben anderswo anderswie. Jede Aktion hat ihre Reaktion, zur Materie gibt es Antimaterie, zum Töpfchen das Deckelchen usw. Irgendwo müssen sie also stecken, unsere Antipoden.

Nun hat unser Blogfotograf holzauge (die Kleinschreibung von Nicks ist so eine Macke von mir, hauptsächlich der Bequemlichkeit entsprungen und ein bisschen auch dem Wunsch, außergewöhnlich zu erscheinen, das muss man nicht zu ernst nehmen) das Glück gehabt, kürzlich in der Stadt einen Antipoden zu sichten, und er hat ihn reaktionsschnell auch gleich fotografiert.

antipoden

Dieses eine Bild ist ein großer Glücksfall, der Antipode hat sofort danach eine vielbefahrene Straße unterquert und war danach nicht mehr zu finden.

Nun ist es mit den Antipoden so, dass sie hier unter uns leben. Sie laufen unter denselben Straßen umher, auf denen wir uns bewegen, nur eben ragen sie nicht vom Erdmittelpunkt weg in die Luft, sondern gen Erdmittelpunkt in die Erde. Sie bewegen sich durch das Erdreich wie wir durch die Luft und laufen auf der Luft wie wir auf dem Boden. Meere und Seen sind ihre Berge. Normalerweise werden ihre Fußsohlen gar nicht sichtbar, aber manchmal sinken sie in die Luft ein wie wir in eine matschige Pfütze, und dann sieht man ihre Fußsohlen für einen Augenblick. (Die Idee, möchte ich noch erwähnen, stammt von meiner Frau. Ich habe das hier nur ein bisschen ausgeschmückt.)

Da sie wie Antimaterie nur sehr kurzlebig sind, kann man sie kaum je beobachten. Bei Kontakt mit einem Menschen vernichten sich beide in einer Annihilations-Reaktion unter Freigabe von Menschlichkeit (dadurch erklären sich übrigens auch diverse Mythen wie der von der spontanen menschlichen Selbstentzündung, Entführungen durch Aliens u.ä.).

Ich stelle mein Material hiermit der Fachwelt zur Verfügung und hoffe, damit einen kleinen Beitrag zur Erforschung dieses faszinierenden Phänomens geleistet zu haben.

Sicherheitshinweis: Wenn Sie Antipoden beobachten, halten Sie mindestens 5 m Abstand. Warnen Sie andere Passanten in der Nähe. Versuchen Sie nicht, die Antipoden zu berühren oder mit ihnen Kontakt aufzunehmen. Sollten mehrere Antipoden gemeinsam gesichtet werden, verständigen Sie die Feuerwehr.

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5 Kommentare on “Antipoden: Die Wahrheit”

  1. Nesselsetzer sagt:

    Ah, jetzt verstehe ich, warum es hier „Poden“ heisst!

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  2. gnaddrig sagt:

    Du meinst, man hätte statt Antipoden besser eingedeutscht Gegenboden schreiben sollen?

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  3. Nesselsetzer sagt:

    Nein, dann würde der Witz ja wegfallen. Wie hört sich das denn an: „Werft den Antipurchen zu Gegenpoden!“?

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  4. gnaddrig sagt:

    Ah, den Poden meinst Du…

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  5. […] Gnaddrigs erstaunliche Betrachtungsweise und die Entwicklung einer Theorie zu einer offensichtlich aus dem Nichts aufgetauchten Schuhsohle soll heute als lehrreiches Stück und Vorbild für die Entwicklung intelligenter Verschwörungstheorien herhalten. Daran sollten sich Verschwörungstheoretiker, die sich bspw. mit Ufos, Reptilidioten und Chemtrails beschäftigen (letzteres hatte ich hier schon einmal als die “dümmste aller Verschwörungstheorien” bezeichnet), in Sachen Logik und argumentativer Festigkeit ein echtes Beispiel nehmen. […]

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In den Wald hineinrufen

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