Zebrastreifen 2.0

Fußgängerampeln sind eigentlich eine ganz feine Sache. Man muss nicht bis zur nächsten Kreuzung laufen, um einigermaßen sicher über vielbefahrene Straßen zu kommen. Und wenn man mit kleinen Kindern unterwegs ist, ist es gut, einen Weg über die Straße zu haben, der auch für Kinder eindeutig als erlaubt erkennbar ist.

Ganz wichtig ist bei Fußgängerampeln aber, dass sie einigermaßen schnell reagieren. Wenn man nach Knopfdruck so lange an der Ampel warten muss, dass man in der Zeit auch bis zur nächsten Kreuzung und zurück laufen oder sich mit dem Spaten unter der Straße durchgraben könnte, gehen die meisten Leute eben ohne Ampel bzw. bei rot über die Straße, sind damit ein schlechtes Beispiel für Kinder und machen dadurch dem Rettungsdienst direkt oder indirekt unnötige Arbeit.

Das Problem

Schnell sollten sie also reagieren, die Fußgängerampeln. Am Schulweg meiner Tochter steht eine Fußgängerampel, die in traumhaften sechs bis acht Sekunden grün gibt. So gehört das! An anderen Stellen in der Nähe haben wir Ampeln, die ohne ersichtlichen Grund 20 bis 30 Sekunden für dieselbe Aufgabe brauchen. Aber gut, das geht noch. Man weiß immerhin, dass es nach dem Knopfdruck in absehbarer Zeit gün gibt.

An manchen Stellen ist es aber kaum möglich, die Ampeln zeitnah für Fußgänger grün geben zu lassen. Ich komme auf dem Weg zur Arbeit beispielsweise an einer Ampel vorbei, wo 250m weiter eine Kreuzung ist, an der sich jeden Morgen der Berufsverkehr bis zurück auf die vierspurig ausgebaute Bundesstraße staut. Wenn die Fußgängerampel die Straße für Autos sperrt während an der Kreuzung in Berufsverkehrsrichtug grün ist, staut sich der Berufsverkehr bis zurück zur Kreuzung und in Spitzenzeiten fast bis auf die Ausfahrt der Bundesstraße. Die Grünphasen an der Kreuzung werden ja schon so gestaltet, um diesen Rückstau möglichst gering zu halten, da will man sich das sorgsam austarierte Gleichgewicht nicht von einer unberechenbaren Fußgängerampel zerschießen lassen.

Also hängt (vermute ich) die Fußgängerampel an der Schaltung für die Ampelanlage der Kreuzung und gibt nur grün, wenn an der Kreuzung der in der Regel sehr spärlich fließende Querverkehr grün hat, der überwiegend in die andere Richtung abfließt und sich sowieso allenfalls ins Parkhaus zurückstaut. Man weiß zwar, dass es ohne Knopfdruck gar kein grün für Fußgänger gibt, aber der unmittelbare Zusammenhang zwischen Knopf drücken und grün kriegen ist intuitiv nicht mehr wahrnehmbar. Das Knopfdrücken und Auf-grün-Warten wird einem dadurch schnell und gründlich aberzogen.

Was also tun?

Um so etwas zu vermeiden, könnte man einen Tunnel oder eine Brücke bauen. Das kostet aber viel Geld, ist meistens nicht schön und wird oft auch nicht gut angenommen. Tunnel sind fast immer eng und unübersichtlich, viele Leute haben Angst oder doch wenigstens ein Gefühl der Unsicherheit, wenn sie über enge Treppen in so ein trübes Loch steigen sollen, in dem alles mögliche warten könnte, mit dem man lieber nichts zu tun hätte. Außerdem werden Tunnel immer sehr schnell vollgesaut und längst nicht oft und gut genug gesäubert und stinken dann dauerhaft wie eine Feldlatrine nach zwei Wochen ohne Chlorkalk.

Brücken sind zu beschwerlich. Wieder die Treppensteigerei, und dann sind da noch Wind und Regen, Glatteis und wer weiß was. Fahrstühle machen solche Über- oder Unterführungen barrierefrei und vielleicht benutzbarer, kosten aber auch in Anschaffung und Unterhalt viel Geld, ohne letztendlich eine wirklich befriedigende Lösung darzustellen.

Wenn man aber schon Geld in die Hand nehmen muss, könnte man doch mal etwas richtig Cooles bauen, wo man außerdem noch mit der berühmten einheimischen Ingenieurskunst angeben könnte. Als Nebenwirkung könnte sich das gleich noch zum Touristenmagneten mausern und wäre vielleicht auch steuerlich absetzbar.

Die Lösung

Mein Vorschlag für einen coolen, außergewöhnlichen, dabei natürlich barrierefreien Hightech-Fußgängerüberweg mit extrem hoher Konsumierbarkeit und beträchtlichem PR-Potenzial: Ein „Riesenrad“ um die Straße.

Das Ganze läuft natürlich nicht an Speichen um eine Achse, weil die Achse genau da sein müsste, wo der Mittelstrich der Straße ist, (oder, wenn man sich typische Querschnitte von Straßentunneln anschaut, wahrscheinlich etwas höher). Das Rad wäre stattdessen wie ein selbsttragendes Riesenrad ohne Speichen gebaut, das auf Rädern oder Walzen läuft, die in einem halbrunden Tunnel unter der Straße eingebaut sind. Das Rad läuft langsam und stetig um die Straße, ähnlich wie ein Paternosteraufzug. Die Kabinen sind offen, man steigt ein, wenn eine Kabine vorbeikommt, und wird über bzw. unter der Straße hindurch auf die andere Seite gefahren.

Ich habe das mal schnell skizziert, die fotorealistische Architektenzeichnung geht über meine Fähigkeiten, die muss man sich dazudenken. Die Kabinen würden zwischen zwei Räder hängen, die ungefähr im Bereich des hellgrauen Rings anzuordnen wären:

zebrastreifen

So ein Straßenüberquerungs-Port würde sich vor dem Campus einer technischen Universität mit Eliteanspruch oder -wirklichkeit sehr gut machen, oder vor dem Hauptquartier einer Hi-Tech-Firma. Oder natürlich dort, wo ich fast jeden Tag zwei gefühlte Ewigkeiten an einer roten Fußgängerampel damit verbringe, einer Blechlawine beim Vorbeirollen zuzuschauen.

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11 Kommentare on “Zebrastreifen 2.0”

  1. Nesselsetzer sagt:

    Dieses System gab es schon, war als Paternosteraufzug bekannt und wurde wegen erhöhter Unfallgefahr schon vor vielen Jahren verboten. Im Prinzip ist Dein Vorschlag das gleiche, nur dass der Abstand zwischen den hinauffahrenden zu den hinunterfahrenden Kanzeln erweitert wurde. Übrigens bin ich als Kind immer gerne in den damals zumeist in behördlichen Gebäuden vorhandenen Paternosteraufzügen auch immer durch die Kehrschleifen gefahren, bis der Pförtner gemeckert hat…

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  2. Nesselsetzer sagt:

    Huch, das steht ja schon da „…ähnlich wie ein Paternosteraufzug“ – hatte ich irgendwie überlesen, wie peinlich 😉

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  3. gnaddrig sagt:

    Richtig, der Paternoster war auch Vorbild. Ich bin mal mit einem gefahren und fand das witzig. Und mit der modernen Technik ließe sich eine Menge Unfallgefahr beseitigen: Fotozellen, Bewegungsmelder, Gewichtssensoren im Einstiegsbereich und in den Kabinen usw. Da sollte sich sowas halbwegs sicher betreiben lassen. Zumal wenn Geld kein Thema ist bei so einem Aushängeschild und Prestigeobjekt…

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  4. gnaddrig sagt:

    Kein Problem, ist nicht prüfungsrelevant 🙂

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  5. Nesselsetzer sagt:

    Danke für das Verständnis für meine Tüdeligkeit 😉

    Die elektronischen Absicherungen gibt es ja, aber selbst mit den ganzen Sicherheitsvorkehrungen wurde ja bisher nur ein Aufzug zugelassen, und das auch nur aufgrund des schwachen Publikumverkehrs.

    Öffentlich könnte so ein Ding kaum ohne Bewachung laufen. Was wäre, wenn irgendwer einfach die Lichtschranken zuklebt? Dann steht der Aufzug und die Menschen sitzen in den Kanzeln fest. Ich denke, dass ein solches Prestigeobjekt schon alleine an den zahlreichen Vandalismusmöglichkeiten scheitern würde.

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  6. gnaddrig sagt:

    Wahrscheinlich hast Du recht. Nein, natürlich hast Du recht. Man sollte auch nicht auf die Architektenzeichnungen der fertigen Anlagen hereinfallen. Die U-Bahnstationen sind nie so hell und weitläufig, wie sie da aussehen. Wenn man hinterher in der Haltestelle stehen überhaupt erkennen kann, dass die Zeichnung sich auf dasselbe Objekt bezieht, ist die Diskrepanz trotzdem jedesmal wieder erstaunlich. Also komme ich mal von meiner lichtdurchfluteten grünen Wiese wieder in die Realität, in der die Lowtech-Ampeln ewig brauchen, um eine Lücke in den Verkehrsstrom zu hacken.

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  7. Wäre nicht billiger, zu beiden Seiten der Straße Katapulte zu installieren?

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  8. gnaddrig sagt:

    Auch keine schlechte Idee. Da müsste man sich über das automatische Verabreichen von automatisch öffenden Fallschirmen Gedanken machen. Oder, um von einem Jackie-Chan-Film abzukupfern, man steckt die Leute in aufblasbare Riesenkugeln, schießt sie über die Straße, und das Luftpolster federt den Aufprall ab. Sicherheitstechnisch sicher auch nicht unbedenklich, aber bestimmt spaßig…

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  9. Nesselsetzer sagt:

    @gnaddrig

    Die Realität ist nun mal grausam. Solche Ampeln kenne ich zu Genüge, und man hat das Gefühl, die Ampelprogrammierer tun alles Menschenmögliche, damit weder der Verkehr vernünftig fließt noch Fussgänger über die Ampel kommen. Es gibt hier Ampeln, deren Grünphase für Fussgänger so kurz sind, dass ältere Leute es nicht einmal schaffen, mit dem Stock die Fahrbahn zu berühren, bevor die Ampel wieder auf Rot springt. Dafür musst man aber auf diese Grünphase rd. 2min. warten. Das erinnert mich stets an einen alten Jetzt-Stop-Schade-Ottowitz. Verkehrsplaner scheinen ausschliesslich nach dem Gesetz der konstanten Boshaftigkeit zu arbeiten, wusstest Du das noch nicht. 😉

    @Ulf

    Sehr gute Idee, vor allem in Verbindung mit gnaddrigs herumspringenden Kabinenbällen 😀

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  10. […] Vorschlag, eine technisch anspruchsvolle, dafür aber auch spektakuläre Anlage zum Überqueren […]

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