Nun weihnachtet’s wieder

Man kann ja zum Advent stehen, wie man will. Man kann sich als Atheist daran stören, dass der Advent und sein Höhepunkt, Weihnachten, überhaupt gefeiert werden. Man kann sich als Christ daran stören, dass die Geburt Jesu derart kommerziell ausgeschlachtet wird. Man kann sich als Muslim, Hindu, Buddhist, Heide oder Spagettimonsterianer wünschen, dass statt Advent andere Feierlichkeiten im öffentlichen Bewusstsein präsenter werden.

Als Anbeter des freien Marktes kann man sich ärgern, dass im Weihnachtsgeschäft jedes Jahr so viel Geldmachpotenzial ungenutzt bleibt, weil die Werber zu ungeschickt, die Gewerbetreibenden zu zaghaft und die potenziellen Kunden zu kaufunlustig, anreizresistent oder werbeverdrossen sind.

Aber egal, was man nun vom Advent hält, es dürfte weltanschauungsübergreifend weitgehend Einigkeit darüber herrschen, dass die allgegenwärtige Weihnachtsmusik zu den Geißeln der Menschheit zählt und dass die Durchseuchung des öffentlichen Raums mit kitschiger Weihnachtsmusik die Erträglichkeitsgrenzen Jahr um Jahr überschreitet. Jedenfalls hört man alle Jahre wieder Klagen eben darüber. Die Musik ist zu seifig und ab Oktober, spätestens November zu überall.

(Das „weltanschauungsübergreifend“ muss ich allerdings geringfügig einschränken: Hartgesottenen Kapitalisten dürfte die Musik am wenigsten ausmachen. Als anständiger Kapitalist hat man natürlich keinen Kunstsinn und kein ästhetisches Empfinden, das über die Wertschätzung des Geräuschs von Goldmünzen hinausgeht, oder man hat sich das aberzogen, weil es nicht ertragsrelevant ist. Kunstwerke sind Investitionsobjekte, also zinsertrags- und wertsteigerungspflichtige Geldanlage und sonst nichts. Und wenn doch ein Rest von Menschlichkeit zwischen den Ohren friert, muss der eben einfach die Klappe halten. Die Musik ist ein verkaufspsychologisch gebotenes Gestaltungsmerkmal, das ist alternativlos, und die nebenan spielen auch ständig Jingle Bells, da müssen wir auch und so.)

Zu der Musik kommen noch außermusikalische weihnachtlich geprägte Belästigungen. Wollen Sie sich mit dem [grellgelb gewandeten!] Weihnachtsmann fotografieren und die Bilder gleich umsonst ausdrucken lassen? (Angebot in der Fußgängerzone im Namen eines großen Handyherstellers.) Hätten Sie Interesse an Weihnachtsgewürzen? (Flugblattverteilerin eines neuen Ladens in der Fußgängerzone.) Daneben stehen Zeugen Jehovas mit russischsprachigem Wachturm.

Ein Stück weiter eine von einem mikrofonbewehrten Einpeitscher betriebene Sonderverkaufsaktion irgendwelcher wahnsinnig nützlichen Dinge, die man schon immer haben wollte, die der Hersteller in seiner grenzenlosen Weisheit aber nicht über den Einzelhandel anbietet, sondern von Dampfsabblern in Fußgängerzonen oder an Haustüren verticken lässt (ein bisschen wie Vorwerk, Tupper, AMC u.ä. das auch machen, nur ohne den vertrauensbildenden guten Ruf dieser bekannten Marken). Beim Modeladen daneben verteilt eine jahreszeitlich passend verkleidete Hostess Rabattgutscheine.

Überhaupt die Verkleiderei. Nikoläuse streifen in Rudeln durch die Kaufhäuser und Fußgängerzonen, um Schokolade und Werbegeschenke an den Konsumentennachwuchs abzugeben. In gefühlt vier von fünf Läden trägt das Personal den ganzen Dezember über Nikolausmützen. Kein Schaufenster kommt ohne Weihnachtliches aus, in den Autohäusern findet man vor lauter Weihnachtlichkeit die Autos nicht. Ein Wunder, dass die Ergebnisse der Koalitionsverhandlungen nicht in rotem Loden und hinter angeklebtem weißen Rauschebart verkündet werden. Immerhin stand ein Weihnachtsbaum auf einer der Bühnen.

Und bei alledem läuft immer, immer die Musik mit. Kitschige, seifige Vergewaltigungen zumindest teilweise eigentlich schöner Lieder. Dazu kitschige, seifige extra zu dem Anlass geschriebene Angriffe auf Sinn und Verstand. Und immer wieder noch kitschigere, seifigere Coverversionen der vorgenannten Scheußlichkeiten. Es ist das reinste Grauen, ein musikalischer Friedhof der Kuscheltiere. Jedes Lied, egal wie nett, kommt als Monster wieder, und man wird es nicht mehr los.

Nun gibt es verschiedene Möglichkeiten, mit dem Geleiere und Geschmalze umzugehen. Entkommen kann man ihm kaum, außer man verbringt die Zeit zwischen Herbstferien und Mitte Januar in der Gartenlaube ohne Strom mit Gehörschutz. Aktiv mitgestalten kann man das Musikprogramm nur insofern, als man dauerhaft Kopfhörer in geschlossener Bauweise trägt und sich die eigene Musik auf die Ohren gibt. Manche machen das sowieso, ich fände das auf Dauer aber unangenehm.

Bleiben das Lästern und das gemeinsame Augenrollen zusammen mit Leidensgenossen. Dieser Text ist eine Art schriftlicher Umsetzung davon. Eine Andere Möglichkeit hat sich John Scalzi ausgedacht. Er bittet in seinem Blog Whatever um Vorschläge, welche Band welches Weihnachtslied covern sollte. Meine Idee dort war, das Ukulele Orchestra of Great Britain eine Coverversion des musikalisch unsäglichen und inhaltlich bräsigen Do they know it’s Christmas spielen zu lassen.

Die Welt wäre ein besserer Ort, und ich könnte die konstante vorweihnachtliche Hirn-zu-Brei-Dudelei dieses Jahr besser wegstecken.

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