Stinkesocke

In den Straßenbahnen bei uns hängen neben den Türen an den gläsernen Trennwänden meistens Bekanntmachungen, Baustellenfahrpläne oder Eigenwerbung der Verkehrsbetriebe. Die Eigenwerbung ist meist ziemlich dämlich. Etwa das beliebte „Online-Abo schafft Platz im Terminkalender“. Da ist eine manisch-begeistert dreinschauende Frau in Lockenwicklern drauf zu sehen. Der Zusammenhang zwischen der Frau und dem Online-Abo erschließt sich mir ebensowenig wie der Zusammenhang zwischen Online-Abo und Platz im Terminkalender. Aber gut, man hat das Stichwort Online-Abo untergebracht, der Fahrgast weiß jetzt bescheid. Alles bestens.

Seit kurzem hängen dort nun Plakätchen mit zwei Sockenpuppen, eine davon mit Kippe im Gesicht, und diesem hübschen Text:

Die Stinkesocke

Soccus foetidus. Eine Stinkesocke kann man nur schwer erkennen, weil sie fast immer in grauen, manchmal undurchsichtigen, übel riechenden Nebel gehüllt ist. Wenn man ihr aber gut zuredet, verzieht sie sich von unseren Haltestellen und mit ihr auch der Qualm und der üble Gestank. Wegen ihrer Einsicht ist uns die Stinkesocke auch so sympathisch. Danke, liebe Stinkesocke.

Diesen Text empfinde ich als groben Fehlgriff. Dabei rauche ich nicht einmal und bin daher gar nicht gemeint. Aber so redet man einfach nicht mit der Kundschaft. Ich versuche mal aufzuzählen, was mich daran alles stört.

Wer an Haltestellen raucht, wird pauschal als Stinkesocke bezeichnet. Auch wenn der Text betulich-verspielt-augenzwinkernd daherkommt, ist das eine ziemliche Unverschämtheit. Der Raucher, wird unterstellt, ist fast immer in übel riechenden und manchmal undurchsichtigen Nebel gehüllt.

Was denn, grauer, manchmal undurchsichtiger, übel riechender Nebel, und zwar fast immer? Das ist ja furchtbar! Zum Glück verzieht sich die Stinkesocke aber, wenn man ihr gut zuredet. Dann sind der Qualm und der üble Gestank auch weg. Und weil die Stinkesocke dankenswerterweise so einsichtig ist, auf Ansprache das Feld zu räumen, finden wir sie dann sogar sympathisch. Aber alle Sympathie nützt nichts, wenn es stinkt. Nur eine abwesende Stinkesocke ist eine gute Stinkesocke, weil sie dann woanders stinkt und nicht bei uns. Darum verjagen wir sie am liebsten pauschal von unseren Haltestellen. Weil das nun aber zu unfreundlich klingt, tun wir lieber ganz ganz nett. Die Qualmköppe merken das sicher sowieso nicht.

Dass die wenigsten Raucher dauernd die ganzen Haltestellen vollräuchern, ignorieren wir mal, das verwirrt die sonst Leute nur. Wir wenden uns hier ja nur an die Stinkesocken, diese zwanghaft unser aller Atemluft verpestenden Sondersäue. Wir könnten natürlich auch diese Leute bitten, doch an den Haltestellen nicht zu rauchen, aber wir schicken sie lieber gleich ganz weg. Weil, Hardcore-Raucher stinken auch, wenn sie gerade nicht qualmen. Kennt man ja. Wir bitten sie also, sich zu verziehen. Das ist ein lustiges Wortspiel, weil Rauch sich ja auch verzieht, hihi. Was da aber beim Leser ankommt ist haut (bitte) ab, nur eine Stufe weniger grob als verpisst euch (bitte).

Weil die Schlote sich bei ausreichend gutem Zureden immerhin artig trollen, lassen wir uns jedenfalls noch zu einem freundlichen Danke, liebe Stinkesocke herab. Da wird den Leuten noch der verbale Stinkefinger hinterhergeschickt, natürlich in aller Freundlichkeit. Dabei sind wir uns sicher, dass sie die Beleidigung gar nicht mitkriegen und das ganze für Nettigkeit halten.

** * **

Fassen wir kurz zusammen: Wir (die Verkehrsbetriebe) wollen nicht, dass an unseren Haltestellen geraucht wird. Darum reden wir alle Raucher als Stinkesocke an und bitten sie, sich von unseren Haltestellen zu verziehen und ihren üblen Gestank mitzunehmen. Weil die Raucher so nett sind, dem Folge zu leisten, tun wir so, als fänden wir sie wahnsinnig sympathisch, und bedanken uns recht herzlich für die Kooperation.

Das ist doch ein Meisterstück an giftiger Spitze durch die Blume. Das Bemühen, eine unbequeme Wahrheit (es stinkt, wenn Ihr raucht) und die daraus resultierende Bitte (macht das woanders) freundlich und verständnisvoll zu äußern, ohne die Adressaten bloßzustellen, nehme ich den Leuten dabei gerne ab. Das ganze Thema ist etwas unangenehm, da kann es schnell ziemlich peinlich werden. Aber in der Form ist das als Kommunikation an Kunden eine Katastrophe.

Natürlich wird an Haltestellen geraucht, solange es nicht verboten ist, auch unter den Dächern der Wartehäuschen. Dass man das als Nichtraucher unangenehm findet, kann ich verstehen. Ich finde auch, dass man als Nichtraucher nicht darum bitten müssen sollte, nicht vollgequalmt zu werden. Spätestens wenn man mit kleinen Kindern unterwegs ist, kann man oft nicht so einfach zwei Meter weitergehen. Wer rauchen will, soll zusehen, dass er damit niemanden belästigt. Die meisten Raucher haben aber auch soviel Benimm, dass sie das sowieso machen.

Für die anderen hätte man einen Aushang an den Haltestellen anbringen können mit der einfachen, klar formulierten Bitte, unter den Haltestellendächern oder überhaupt an den Haltestellen doch bitte nicht zu rauchen. Geht bei der Bahn ja auch. (An den Haltestellen selbst, wo die Verkehrsbetriebe sich dem Text zufolge an dem üblen Gestank stören, habe ich diese Stinkesockegeschichte paradoxerweise noch nicht gesehen. Vielleicht sollte sich mal jemand ein paar Gedanken zur sinnvollen Platzierung der Plakate machen.)

** * **

Ein klar formuliertes Verbot kann man im Zweifelsfall durchsetzen, wenn man sich die Mühe machen will. So eine pauschale Stänkerei ist dagegen völlig wirkungslos – die Aussage muss man sich zwischen den Zeilen herausknübeln, eventuell vorhandenen guten Willen der Adressaten dürfte der Text bei genauem Hinsehen zunichtemachen, und ob das überhaupt jemals wer liest, ist fraglich (ich zähle nicht, Lesen ist eines meiner wichtigsten Hobbys). Von Angestellten der Verkehrsbetriebe auf das Rauchen an der Haltestelle angesprochen könnte man problemlos argumentieren, dass man sich von sowas nicht angesprochen fühlt und da ja letztlich auch gar kein Verbot formuliert ist. Das ganze Ding ist ein Schuss in den Ofen.

Ich bin gespannt, wann die sympathietrunkene Kampagne gegen die verständnisvollen Haltestellenvollkotzer kommt…

Nachtrag (8. Januar 2014): An mindestens einer Haltestelle hängt ein großes Stinkesockenposter. Den Vorwurf, man habe sich nicht einmal überlegt, wo man die Zielgruppe am Sinnvollsten ansprechen sollte, kann ich in der Form also nicht aufrechterhalten.

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4 Kommentare on “Stinkesocke”

  1. Pfeffermatz sagt:

    Ich finde den Text (des Plakates!) sehr „von oben herab“, als würde man mit den Rauchern wie mit einem Kind reden müssen. Warum nicht gleich: „Lieber Raucher! Ich habe dich wirklich gerne. Du bist ganz toll! Nur dass du rauchst, das finde ich ganz nicht so dolle…“ Das Plakat wirkt zwar auf dem ersten Blick in der Tat sympathisch lustig, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass es seinen Zweck erreicht, da sich kein Raucher davon angesprochen fühlen wird.

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  2. gnaddrig sagt:

    Stimmt, von oben herab. Das ist es, was in meinem Text fehlt, die Herablassung. Danke für’s Buchstabieren 🙂

    Jedenfalls finde ich es erstaunlich, zu welchen kommunikativen Entgleisungen PR-Profis fähig sind. Ich unterstelle einfach mal, dass der Stinkesocke-Text aus professioneller Feder stammt, obwohl ich natürlich nicht ausschließen kann, dass hier wie bei Seitenbacher oder Jägermeister der Chef selbst getextet hat…

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  3. Yadgar sagt:

    KIPPE AUS, DU EINZELLER! ODER ES KNALLT!!!

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  4. gnaddrig sagt:

    Besser als das Gedruckse wäre es allemal 😀

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