Räuberspiele

Wenn ich meine Töchter abends ins Bett bringe, folgt das fast immer einem weitgehend geregelten Ablauf, der sich im Lauf der Zeit entwickelt hat. Diese Rituale sind aber nicht notwendigerweise statisch und langfristig stabil. Bei uns entwickeln sie sich kontinuierlich weiter, und manchmal kommt es zu recht plötzlichen Änderungen. Vorlieben und Interessen ändern sich und entwickeln sich weiter. Etwas, das monatelang unverzichtbar war, ist auf einmal passé, dafür wird anderes gefragt. Oder das ganze ufert aus und verbraucht soviel Zeit, dass wir den Ablauf umbauen und straffen, nach Möglichkeit halbwegs einvernehmlich, manchmal aber auch par ordre du mufti.

Jedes Kind hat bei uns sein eigenes Ritual, oder besser gesagt, wir haben ein komplexes Geflecht aus Elementen, das beide Kinder und beide Elternteile involviert, und die Parts der Kinder greifen dabei ineinander.

Ein Ding, das meine Älteste immer wieder gern hat, sind Räuberspiele. Entwickelt haben sich die aus dem alten Kommt ein Mann die Treppe hoch, klingelingeling, klopfklopf, Guten Tag Herr Nasemann (verschiedene Versionen gibt es hier). Als sie ungefähr drei war, fing das an, ihr langweilig zu werden, und so haben wir daraus das Genre Räuberspiel entwickelt. Das ist jetzt, fünf, sechs Jahre später, immer noch aktuell und sieht ungefähr so aus:

Der Räuber (oder manchmal auch eine Hexe, in beiden Fällen von mir dargestellt durch Zeige- und Mittelfinger, genau wie bei Kommt ein Mann die Treppe hoch) schleicht ein töchterliches Bein von den Zehen bis zur Hüfte hoch, ganz langsam und leise, muss dabei die Kellertür aufmachen (manchmal knarzt und quietscht die), stolpert gelegentlich über Sachen, die auf der Treppe liegen (da hat wohl wieder jemand die Rollschuhe nicht weggeräumt oder den Wäschekorb). Versucht, in die Wohnung (Oberarm oder Schulter) zu gelangen und dort Sachen zu klauen.

Dabei ist er immer auffallend leise und vorsichtig (kann man sehr schön durch lautes Flüstern zum Ausdruck bringen), und es gehen ihm immer Dinge schief. Da klappen Türen, er stolpert über die Katze, macht versehentlich das Licht an oder lehnt sich gegen den Klingelknopf und muss dann schnellstens die Treppe wieder hinunter und abhauen.

Die Geschichten folgen alle demselben Grundmuster und ähneln sich deshalb ziemlich, aber man kann die Handlung trotzdem ganz gut abwandeln und neue Wendungen improvisieren. Wenn es gut läuft, ergibt das eine gespielte Gutenachtgeschichte mit einer Mischung aus Witz und wohligem Schauder, verbunden mit zärtlichem Körperkontakt. Das tut nicht nur den Kindern gut.

Die Geschichten vom Tortendieb sind beispielsweise als Räuberspiele entstanden. Eine andere Serie sind die Vertreterspiele. Da kommt ein Handelsvertreter ins Haus (den Arm hoch), klingelt an der Wohnungstür (Schulter) und versucht, den Leuten Sachen zu verkaufen. Das sind oft schräge, witzige, absurde Dinge. Spielzeuge, die es nicht gibt, kaum je geben wird und meistens wohl auch nicht wirklich geben kann, die man aber sicher gern hätte.

Meistens sind die Leute im Haus sehr interessiert, nehmen das Ding zur Probe („Eine Woche, das Ausprobieren kostet 10 Euro, und wenn Sie’s am Ende nehmen, werden die 10 Euro angerechnet“). Elternteil bringt das zur Probe Erworbene dann den Kindern. Die sind meistens begeistert und spielen sofort los. Ende der Gutenachtgeschichte.

Das Problem ist nur, wenn man sich so ziemlich alles ausgedacht hat, was einem so einfällt, und man anfängt, sich massiv zu wiederholen. Irgendwann ist einfach die Luft raus. Das ist wie Langeweile bei Kindern – nervig und scheinbar unheilbar. Und irgendwann hat dann doch jemand eine neue Idee.

In diesem Sinne wünsche ich allen ein erfolgreiches neues Jahr!

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2 Kommentare on “Räuberspiele”

  1. Pfeffermatz sagt:

    Sehr schön! Das Räuberspiel teste ich mal aus, meine Kinder lieben so was. Was ich auch gerne mache:Laut sagen „Mama Tiger sagt…“ und dann kitzeln und halbwegs leise „Gute Nacht, mein Schatz“, und dann eher leise „Mama Katze sagt…“ und dann kraulen oder küssen und leiser als vorhin „Gute Nacht, Kätzchen“ sagen, und dann ganz leise „… und Mama Mäuschen sagt …“ flüstern, und dann brüllen „GUTE NACHT!!!“
    Meine Frau findet das nicht so toll, aber die Kinder stehen drauf 🙂

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  2. gnaddrig sagt:

    Das klingt auch nicht schlecht, muss ich meiner Bande mal vorschlagen 🙂

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