Schöner Tag

Bei uns in der Gegend gibt es mindestens eine Optimistin bzw. einen Optimisten. Die Person hatte vor einer Weile mit Kreide sorgfältig und schön folgende Texte an eine Hauswand geschrieben: Heute wird ein schöner Tag! und Ich freue mich auf Dich!

Meine erste Reaktion war: Gibt es schöne Tage? Gut, ja, gibt es, aber viel zu wenig. Woher wollen die wissen, ob heute ein schöner Tag wird? Verträumte Spinner. Positivdenker. Potenzielle Nervensägen. Außerdem: Vorfreude ist riskant, sie wird allzuoft enttäuscht.

Dem Optimisten braucht bloß ein Dachziegel auf den Kopf zu fallen, dann war’s das mit dem schönen Tag. Oder man verliert den Geldbeutel, das Schlüsselbund, wird angefahren, von einem Choleriker angeschissen. Oder der Rechner beißt ins Gras, das Back-up ist nicht lesbar. Die Band sagt ab, die Bahn fährt wegen vereister Weichen nicht. Der oder die Liebste ist verkatert oder verschnupft, die Möglichkeiten sind endlos.

Es ist deshalb normalerweise grob fahrlässig, sich im voraus zu freuen. Man kann sich ja, wenn das schöne Ereignis tatsächlich eintritt, immer noch freuen. Wer ohne allzugroße Erwartungen an die Dinge herangeht, muss weniger Enttäuschungen verkraften. Gut, das ganze Leben ist dann eher Enttäuschung und weniger schöner Tag. Aber kraft Vorfreude kann man ein durchschnittlich tristes Leben auch nicht wirklich schön machen, man malt sich das Elend nur bunt an und lügt sich selbst vor, es sei schön.

Wer nicht so viel Gutes erwartet, kann dafür aber öfter als notorische Rosarotseher und Vorfreuer unerwartete schöne Erlebnisse mitnehmen oder wird überhaupt mal angenehm überrascht. Natürlich bei weitem nicht oft genug, aber immerhin. Wer dagegen ständig alles mit überhöhten Erwartungen betrachtet, dem wird die Realität kaum je eine schöne Überraschung auftischen. Im Gegenteil, die Realität wird den zusammengeträumten Standards natürlich fast nie gerecht.

Zusammenfassend stelle ich fest, dass die Welt ein Jammertal ist und das Leben ziemlich oft ein Arschloch. Allerdings mit – je nach Einzelschicksal mehr oder weniger – vielen hübschen Ecken, Blumen am Wegrand und so.

Die Einschätzung des Enttäuschungsrisikos und der möglichen Glücksausbeute ist natürlich vom Persönlichkeitstyp des Einzelnen abhängig. Man könnte hier eine ausführliche Diskussion einfügen, ob das Glas halb voll oder halb leer sei und wie man herausfindet, welches davon der Fall ist, aber das spare ich mir mal. Das muss jede für sich selbst durchdenken und dann die eigene Erwartungshaltung entsprechend einrichten.

Jedenfalls wünsche ich der Verfasserin, dass sie recht behalten hat mit ihrem schönen Tag und dem Adressaten.

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One Comment on “Schöner Tag”

  1. fraubeh sagt:

    Hat dies auf vom Loslassen und Festhalten rebloggt und kommentierte:
    ja genauso ist es

    Gefällt mir


In den Wald hineinrufen

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