Erste Hilfe im Alltag

Neulich habe ich wieder einen zweitägigen Erste-Hilfe-Lehrgang besucht. Diese Kurse werden von den Berufsgenossenschaften angeboten und bezahlt, dem Teilnehmer entstehen keine Kosten. Soweit ich weiß, müssen Firmen dafür sorgen, dass ein bestimmter Anteil der Belegschaft eine solche Erste-Hilfe-Ausbildung hat.

Es wird empfohlen, alle zwei Jahre so einen Kurs zu besuchen, oder wenigstens den eintägigen Auffrischkurs. Auch wenn man so natürlich nicht zum Notarzt mutiert und sich ganz sicher nicht mit links quer durch das Spektrum medizinischer Notfälle macgyvern können wird, hilft es doch, im Ernstfall nicht ganz unvorbereitet dazustehen. Man hat dann wenigstens ein paar grundlegende Kenntnisse, die man abrufen kann, und das kann so manches Leben retten.

Wer also seit der Fahrschule vor 20 Jahren keinen Erste-Hilfe-Kurs mehr gemacht hat, sollte sich überlegen, das damals Gelernte wieder aufzufrischen. Auch die Tatsache, dass viele Notfälle im Familienkreis vorkommen – Herzinfarkte, Küchenunfälle mit  Verbrühungen oder Schnittverletzungen, Kinder beim Toben vom Hochbett gefallen – spricht dafür, sich aktuelle Erste-Hilfe-Kenntnisse zuzulegen und frisch zu halten. So ein Kurs mit 8 Doppelstunden ist da das perfekte Format. Vertiefen kann man das bei Interesse immer noch.

Was in diesen Kursen abgehandelt wird, sind die allergrundlegendsten Grundlagen: Stabile Seitenlage, Herz-Lungen-Massage mit Atemspende, Benutzung eines AED (Automatischer Externer Defilbrillator), Versorgung von Wunden und Brüchen, Erkennen von Herzinfarkten und Schlaganfällen, und dann noch ein bisschen was zu Vergiftungen, Ertrinken und so. Diesen Stoff kann man mit überschaubarem Aufwand verinnerlichen, und damit kann man dann in vielen Situationen die dringend benötigte Hilfe leisten und sogar Leben retten. Retten, habe ich mal gelesen, ist geil, und zumindest in Ansätzen kann das jede.

Die Referentin in meinem Kurs hat die Themen alle ganz gut durchgekriegt, aber irgendwie wirkte das wie eine Aneinanderreihung technischer Details. Wir haben alles mögliche durchexerziert, und für eine vertiefende Behandlung ist natürlich auch keine Zeit in so einem Kurs. Aber was mir etwas gefehlt hat, ist die psychologische Seite. Erste Hilfe ist nicht einfach stabile Seitenlage herstellen, Pflaster draufkleben und Notruf absetzen, dazu gehört mehr.

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Oft muss man sich die Situationen suchen, in denen Hilfe nötig oder möglich ist. Klar, wenn einem jemand vor die Füße kippt oder man einen Verkehrsunfall miterlebt, sieht man sofort, wo Hilfe nötig ist. Aber einen Schlaganfall oder Herzinfarkt erkennt man unter Umständen schon nicht mehr so leicht.

Wenn also der Kumpel sich komisch benimmt, betrunkener wirkt als er eigentlich sein sollte oder merkwürdig schief grinst, könnte es sich lohnen, mal nachzuhaken. Nicht einfach nach Hause ins Bett schicken, sondern klären, ob alles ok ist. Notfalls auch gegen seinen Willen den Rettungsdienst alarmieren. (Wenn man im guten Glauben, einen Notfall zu haben, den Rettungsdienst alarmiert und es sich als Irrtum herausstellt, ist das für den Anrufer trotzdem kostenlos!)

Wenn die alte Dame von nebenan, die immer morgens das Küchenfenster auf- und mittags wieder zumacht, das Fenster im Herbst seit zwei Tagen offen stehen hat, sollte man vielleicht mal klingeln und nachfragen. Vielleicht ist sie gestürzt und hilflos. Wenn ein Kind an der Bundesstraße entlangläuft, hält man an und fragt, was los ist. Vielleicht ist Vater oder Mutter im Auto bewusstlos geworden. (Das ist übrigens wirklich mal passiert, das Mädchen ist mehrere Stunden an der Autobahn entlanggelaufen, bevor endlich jemand angehalten hat!)

Wenn im Winter auf einer verschneiten Straße eine Fahrradspur im Gebüsch verschwindet, schaut man nach, ob jemand dort gestürzt ist. Eine Bekannte von mir ist nach reichlich Alkoholgenuss bei Minusgraden ohne Jacke heimlich auf dem Fahrrad ab und wäre in dem Straßengraben erfroren, wenn wir ihr nicht nachgefahren wären und nachgeschaut hätten.

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Worauf ich hinauswill: Es ist oft nicht so sehr technisches Wissen gefragt, sondern Wachheit und innere Anwesenheit. Dass man die Augen offenhält, um Situationen zu erkennen, in denen Hilfe nötig ist. Die schönsten Ersthelferkenntnisse nützen nichts, wenn man die Gelegenheiten zur Hilfeleistung gar nicht erst bemerkt.

Und genauso wichtig wie, sagen wir, technische Erste-Hilfe-Maßnahmen ist das Trösten und Begleiten von Patienten. Alles was Angst lindert, Panik verhindert, den empfundenen oder realen Kontrollverlust mindert, ist gut und nötig. Je weniger Sorgen sich ein Patient um andere Sachen machen muss, desto besser kann er sich auf die Bewältigung der akuten Situation konzentrieren. Angst und Sorge helfen jemandem nach einem Unfall nicht, je weniger davon nötig ist, desto besser.

Es lohnt sich also, der gestürzten Nachbarin mitzuteilen, dass man die Fenster geschlossen, die Heizkörper heruntergedreht, den Herd ausgeschaltet hat. Dass man die Katze versorgen, den Briefkasten leeren und den Wohnungsschlüssel bereithalten wird. Oder dem Kumpel vor dem Abtransport zu sagen, dass man seine Sachen (Jacke, Handy, Fahrrad, was auch immer) mitnehmen und die Freundin/Frau/Eltern verständigen wird.

Kleinkram, eigentlich Selbstverständlichkeiten, die für die Betroffenen aber einen erheblichen Unterschied machen können. Man muss nur auf die Idee kommen. Wenn sie diese Dinge in guten Händen wissen, nimmt das einer schwierigen Situation wenigstens ein kleines bisschen an Unannehmlichkeit. Ich habe das selbst erlebt, und es macht einen Unterschied.

Also Augen auf, Verstand an, und im Zweifelsfall keine falsche Schüchternheit!


One Comment on “Erste Hilfe im Alltag”

  1. […] dem Erste-Hilfe-Kurs von neulich hat die Referentin nebenbei das Buch Erste Hilfe für Kinder von Franz Keggenhoff vorgestellt. Das […]

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