Toleranz in Baden-Württemberg

Baden-Württemberg ist dabei, einen neuen Bildungsplan zu schreiben. Der sieht vor, dass die Schule in allen Schulformen über die ganze Schulzeit von der ersten bis zur letzten Klasse versuchen soll, den Schülerinnen und Schülern Toleranz gegenüber sexueller Vielfalt fächerübergreifend zu vermitteln. Das beschränkt sich nicht auf die sexuelle Orientierung, sondern ist viel weiter gefasst. Die offiziellen Texte zur Bildungsplanreform 2015 findet man auf dem Kultusportal Baden-Württemberg. Besonders interessant ist das Arbeitspapier zur Verankerung der Leitprinzipien (dort ist vor allem die Vorbemerkung als Zusammenfassung interessant).

Gegen diesen neuen Bildungsplan hat es nach Bekanntwerden heftigen Widerstand gegeben. Unter Zeitungsartikeln zum Thema hat es zahlreiche Kommentare gegeben, die sich gegen eine Umerziehung der Schulkinder verwahren, gegen die Einrichtung einer Regenbogendenkpolizei. Der Tonfall geht von irritiert bis hasserfüllt, es geht hoch her. Auf Zeit Online ist der entsprechende Artikel der mit Abstand meistkommentierte Text zur Zeit, ein zweiter Artikel hat ebenfalls sehr viele Kommentare, und viele der Kommentare finde ich ausgesprochen verstörend.

Die Petition

Ein Lehrer aus Nagold hat eine Online-Petition gegen diesen Bildungsplan eingerichtet. Darin stellt er die folgenden Forderungen:

…ein klares Zeichen […] zu einer verantwortungsbewussten Sexualpädagogik und ein „Nein“ zur Überbetonung einzelner Gruppen und ihrer Interessen.

Diese Forderung wird meiner Meinung nach in dem Bildungsplan gerade umgesetzt, der Petent versucht das jedoch zu verhindern.

…den Erhalt des vertrauensvollen Verhältnisses von Schule und Elternhaus und den sofortigen Stopp einer propagierenden neuen Sexualmoral.

…ein uneingeschränktes „Ja“ zum Wissenschaftsprinzip in Schule, Unterricht und Lehrerbildung und lehnen ideologische Kampfbegriffe und Theoriekonstrukte ab.

Diese beiden Forderungen sind mir unverständlich, ich kann nicht erkennen, inwiefern das vertrauensvolle Verhältnis zwischen Schule und Elternhaus oder das „Ja“ zum Wissenschaftsprinzip durch den Bildungsplan beeinträchtigt werden.

…die Orientierung an den Werten unseres Grundgesetzes, das den Schutz von Ehe und Familie als demokratische Errungenschaft verteidigt (GG Art. 3 – Gleichheit vor dem Gesetz; Art. 6 – Ehe und Familie).

Diese Forderung geht am Problem vorbei, weil der Bildungsplan nicht gegen Ehe und Familie oder deren Schutz gerichtet ist. Vor allem sieht der Bildungsplan nicht vor, alternative Lebensformen zu propagieren oder als besser darzustellen. Es soll den Schulkindern nur vermittelt werden, dass es verschiedene Lebensentwürfe gibt. Kein Mensch wird eine Regenfamilie gründen, bloß weil er in der Schule erfahren hat, dass es sowas gibt, wenn er nicht sowieso schwul oder lesbisch ist.

…die Suizidgefährdung bei homosexuellen Jugendlichen nicht nur als Problemanzeige zu benennen, sondern deren Ursachen zu erforschen und Präventionen aufzuzeigen, um diese zu reduzieren, was nur sehr begrenzt schulisches Thema sein kann. Die Stigmatisierung von Lehrkräften mit Slogans wie „Schule als homophober Ort“ (3) fördert die Vertiefung und nicht die Überwindung dieses Problems. Dagegen müssen die Landesregierung und der Landtag ein Zeichen setzen.

Die fünfte Forderung ignoriert die Wirklichkeit auf verstörende Art. Der Initiator will nicht, dass der oft homophobe Ort Schule tatsächlich homophob genannt wird. Dabei ist diese simple Art der Bestandsaufnahme unverzichtbar, wenn man die Situation verbessern will. Ohne das Eingeständnis, dass Homophobie in den Schulen weitverbreitet ist, kann man das Problem gar nicht angehen.

Die erhöhte Suizidgefährdung nicht heterosexueller Jugendlicher wird zu einem erheblichen Teil an der homophoben Grundstimmung vieler Schulen liegen, und daran, dass diese jungen Leute in ihrer spezifischen Situation meistens allein sind. Die Pubertät ist schon für die heterosexuelle Mehrheit oft schwierig genug. Für die nichtheterosexuelle Minderheit kommt zu diesen klassischen Schwierigkeiten noch die Auseinandersetzung mit der Tatsache hinzu, dass sie eben anders sind als die meisten, dass ihre sexuelle Orientierung vielfach geächtet ist und sie mit einem Coming-out riskieren, für den Rest der Schulzeit gemobbt zu werden. Immerhin sind homophobe Schimpfwärter an den Schulen Gang und Gäbe.

…eine Gewaltprävention gegen alle Formen von Ausgrenzung, die nicht erst ein Klima von „Opfern“ und „Tätern“ herbeiredet und sich dann als deren Lösung ausgibt. Eine übermäßige Fokussierung auf „sexuelle Orientierung und geschlechtliche Identität“, wie sie für den Bildungsplan 2015, leistet dem Vorschub.

Die sechste Forderung ist wieder weltfremd. Das Klima von Opfern und Tätern ist an vielen Schulen oder zumindest in vielen Klassen Realität, das muss niemand herbeireden. Schon gar nicht tut das der Bildungsplan. Wieder wird das Problem nicht zu lösen sein, solange man keine Bestandsaufnahme der aktuellen Situation macht.

Dieser Bestandsaufnahme verweigert sich der Initiator. Dabei folgt er dem klassischen Argumentationsmuster, nachdem jemand, der Missstände anspricht und u.U. öffentlich macht, als Nestbeschmutzer bezeichnet und nicht als jemand akzeptiert wird, der den Anstoß zu einer Verbesserung gibt. Damit wird versucht, den schönen Schein zu wahren und den Dreck hinter der Fassade tunlichst zu verstecken, anstatt ihn zu beseitigen.

Dass eine solche Petition zustandekommen und großen Zulauf finden würde, war abzusehen. Derzeit hat sie fast 79.000 Unterschriften. Was ich dabei nicht verstehe: Wieso regt sich jedesmal so vehementer Widerstand, sobald das Wort schwul irgendwo in nicht verächtlichem Gebrauch fällt? Der Initiator schreibt in der Petition:

Wir unterstützen das Anliegen, Homosexuelle, Bisexuelle, Transgender, Transsexuelle und Intersexuelle nicht zu diskriminieren. Bestehende Diskriminierung soll im Unterricht thematisiert werden.

Gleichzeitig wehrt er sich gegen einen Bildungsplan, der genau diese Anliegen umzusetzen versucht. Verkürzt: Er hat nichts gegen Schwule und ist gegen ihre Diskriminierung. Sobald aber über tatsächliche Diskriminierung oder auch nur über die Lebenswirklichkeit Nichtheterosexueller gesprochen werden soll, beklagt er, dass der Allgemeinheit ständig diese Themen aufgedrängt werden. Das passt überhaupt nicht zusammen. Dabei versucht der Bildungsplan in keiner Weise, die Schulkinder einer Gehirnwäsche auszusetzen, sie umzuerziehen, ihnen einen wie immer definierten schwulen Lebensstil aufzudrücken, die klassische Ehe und Familie schlechtzumachen. Durch den Bildungsplan wird kein Kind schwul.

Der Bildungsplan hat das ausdrückliche Ziel, den Schulkindern Toleranz, Sozialkompetenz und Alltagstauglichkeit beizubringen. Die Schulen sollen ihnen die Fähigkeit vermitteln, den Standpunkt und die Situation anderer zu verstehen (hier auf S. 2 ausgeführt). Damit sollen die Schulen helfen, Ausgrenzung und Mobbing zu verhindern oder ihr Auftreten wenigstens zu verringern. Man will so verhindern, das Kinder zu Tätern werden und andere zu Opfern.

Damit wirkt der Bildungsplan langfristig darauf hin, dass weniger Schulkinder an Ausgrenzung oder Mobbing leiden, dass weniger Schulkinder in der Schule traumatisiert werden, dass die Schule für alle ein sichererer Ort wird als sie das für viele jetzt ist. Letztendlich wird das die Suizidgefährdung nichtheterosexueller Jugendlicher verringern. Was kann man dagegen haben?

Diese Petition wirkt auf mich unsinnig, sie scheint getragen von einer irrationalen Angst vor dem Ungewohnten. Die Umsetzung der Forderungen würde großen Schaden anrichten bzw. viele Verbesserungen verhindern, die gerade im Bereich Ausgrenzung und Mobbing zu erwarten wären. Darum halte ich diese Petition für eine fehlgeleitete alarmistische Vogel-Strauß-Reaktion von Leuten, die der Wirklichkeit nicht in die Augen sehen wollen.

Die Gegenpetition

Glücklicherweise gibt es eine Gegenpetition, die der Nagolder Petition ausdrücklich widerspricht. Dort kann man per Unterschrift zum Ausdruck bringen, dass es eine Gegenmeinung gibt. Man muss den Unterzeichnern der Nagolder Petition nicht die Bühne überlassen.

Ich habe die Gegenpetition selbstverständlich gezeichnet, zusammen mit derzeit gut 7900* anderen. Im Interesse aller Schülerinnen und Schüler in Baden-Württemberg sollten das möglichst viele Leute tun. Man kann auch anonym zeichnen. Zur Gegenpetition geht es hier:

Gegenpetition zu: Kein Bildungsplan 2015 unter der Ideologie des Regenbogens

Meine Empfehlung: Hingehen, zeichnen, weitersagen!

.

Nachtrag (7. März 2014):
Die Zeichnungsfrist ist jetzt für beide Petitionen beendet. Der Endstand stellt sich heute folgendermaßen dar:

Petition „Kein Bildungsplan 2015 unter der Ideologie des Regenbogens“
192.450 Unterstützer, davon 82.000 in Baden-Württemberg

Gegenpetition
92.234 Unterstützer, davon 37.676 in Baden-Württemberg

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One Comment on “Toleranz in Baden-Württemberg”

  1. […] Toleranz in Baden-Württemberg → […]

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