Toleranz? Indoktrinationsalarm!

Derzeit läuft ja der Streit um die Bildungsreform 2015 des baden-württembergischen Kultusministeriums(darüber hatte ich gestern schon geschrieben). Zentrales Ziel des zur Debatte stehenden Bildungsplans ist es, den Schülerinnen und Schülern Toleranz für alternative Lebensentwürfe zu vermitteln, über die ganze Schulzeit und fächerübergreifend.

In einem Arbeitspapier zur Verankerung der Leitprinzipien wird das auf Seite 2 so zusammengefasst:

Verlangt werden in diesem Zusammenhang Kreativität, Kritik- und Kommunikationsfähigkeit sowie die Fähigkeit zu selbstbestimmtem, sozial und ökologisch verantwortlichem Handeln. Die Kinder und Jugendlichen müssen in der Lage sein, ihre eigenen Wertvorstellungen und Haltungen zu reflektieren und weiter zu entwickeln, Probleme und Konflikte friedlich zu lösen bzw. auszuhalten, aber auch Empathie für andere entwickeln zu können und sich selbst bezüglich des eigenen Denkens und Fühlens zu artikulieren und – wenn nötig – auch zu relativieren. Das macht es auch erforderlich, die Perspektiven anderer Personen und Kulturen übernehmen zu können, Differenzen zwischen Geschlechtern, sexuellen Identitäten und sexuellen Orientierungen wahrzunehmen und sich für Gleichheit und Gerechtigkeit einsetzen zu können. Die Auseinandersetzung mit eigenen Wünschen und Vorstellungen, Perspektiven für und Möglichkeiten der künftigen alltäglichen, beruflichen und gesellschaftlichen Lebensgestaltung durchziehen daher den schulischen Alltag. (Quelle)

Das erscheint mir sehr vernünftig und sinnvoll. Ziel der Schulbildung sollen Sozialkompetenz und Alltagstauglichkeit sein, Toleranz- und Empathiefähigkeit. Alles Dinge, die unsere Gesellschaft lebenswerter und weniger engstirnig machen werden, wenn sie mehr Verbreitung finden. Dinge, von denen ich hoffe, sie meinen eigenen Kindern mitgeben zu können, Schule hin oder her.

Der heftige Widerstand gegen dieses Vorhaben war zu erwarten, immerhin geht es ja unter anderem auch um Homosexualität und ihre Wahrnehmung und Darstellung in Schule und Gesellschaft. Dass die christlichen Kirchen sich eher gegen den Entwurf des Bildungsplans stellen würden, war auch abzusehen.

Trotzdem geht mir der Hut hoch, wenn ich die gemeinsame Verlautbarung der beiden evangelischen Landeskirchen und der katholischen Diözesen Baden-Württembergs lese. Dort heißt es allen Ernstes:

Die Kirchen treten ein für in den „Leitprinzipen“ genannte Themen wie Prävention vor Gewalt und Diskriminierung, Berufsorientierung, Nachhaltigkeit oder Gesundheit. Zugleich machen sie deutlich, dass „Leitprinzipien“ für einen Bildungsplan auf der Grundlage des Menschenbildes zu entwickeln sind, das der Landesverfassung und den Schulgesetzen zugrunde liegt: Jeder Form der Funktionalisierung, Instrumentalisierung, Ideologisierung und Indoktrination gilt es zu wehren. Dies gilt nicht zuletzt im sensiblen Bereich der sexuellen Identität und damit verbundener persönlicher und familiärer Lebensentwürfe. (Quelle)

Es ist eine grandiose Unverschämtheit, wenn die Kirchen hier dem Kultusministerium unterstellen, es wolle Schülerinnen und Schüler indoktrinieren und irgendetwas „im sensiblen Bereich der sexuellen Identität und damit verbundener persönlicher und familiärer Lebensentwürfe“ funktionalisieren, instrumentalisieren oder ideologisieren.

Auch wenn von den Kirchenleuten wohl niemand das hier je lesen wird: Der Bildungsplan sieht vor, den Kindern Toleranz und Empathiefähigkeit zu vermitteln, den Kindern die die kritische Reflektion ihrer eigenen Vorstellungen beizubringen, sie zu sozialkompetenten und verantwortungsfähigen Menschen zu erziehen. Nicht Ziel des Plans ist es, homosexuellen Lebensstil zu propagieren, Ehe und Familie schlechtzumachen oder die Kinder im Sinne irgendeiner Ideologie (ob des Regenbogens oder sonstwessen) zu indoktrinieren.

Das Indoktrinieren machen stattdessen die Kirchen, indem sie darauf bestehen, dass den Schulkindern nur sehr eingeschränkte Informationen zum Themenkomplex sexuelle Orientierung und Lebensentwürfe gegeben werden sollen. Dass die Kirchen von Lebensentwürfen nichts wissen wollen, die nicht der klassischen heterosexuellen Ehe und Familie entsprechen, ist bekannt. Da wundert es nicht, dass sie diese Position auch in diesem Zusammenhang nachdrücklich vertreten. Das Totschweigen derjenigen Elemente der Realität, die einem selbst nicht ins Weltbild passen ist aber schon eine Art der Indoktrination. Da sollte jemand ganz fein stille schweigen und sich an die eigene Nase fassen.

Vor diesem Hintergrund finde ich es arg dreist, dass ausgerechnet die Kirchen dem Kultusministerium in dieser Sache die Absicht zur Indoktrination vorwerfen. Gut, in der Politik mag es auch eine Neigung zur unauffälligen Indoktrination von Leuten geben. Aber in dieser Angelegenheit? Die Kirchenleute sehen da wohl einen gottlosen grünen Bilderstürmer am Werk, der uns die Kinder von Amts wegen verderben will. Heute verführt der Grüne sie zur Homosexualität oder wenigstens zur Hurerei, morgen wird er sicher den Religionsunterricht abschaffen und übermorgen die Kirche verbieten!

** * **

Wie, wüsste ich gern, sollen Kinder denn ihren Weg finden, wenn sie nur die klassische Vater-Mutter-Kind-Familie kennen und alles andere totgeschwiegen wird? Wie sollen Kinder, die merken, dass sie nicht heterosexuell sind, ihren Weg finden, wenn alles, was sie über Schwule hören, die gängigen Schimpfwörter auf dem Schulhof und eine kurze Erwähnung im Biologieunterricht sind?

Glauben die Kirchen, ihr Schwulenproblem würde von selbst weggehen, wenn man nur hartnäckig genug drüber schweigt? Wenn einfach nur das wertneutral und respektvoll vorgestellt wird, was es gibt in der Gesellschaft, nämlich verschiedene sexuelle Orientierungen und daraus resultierende alternative Lebens- und Familienentwürfe, kann man doch nicht von Indoktrination sprechen! Wenn die Kirchen schon die Erwähnung dieser Dinge inakzeptabel finden, sind sie so weltfremd, dass sie sich aus gesellschaftlichen Debatten tunlichst heraushalten sollten.

Weiter heißt es in der Pressemitteilung, man wolle natürlich niemanden diskriminieren, respektiere jeden einzelnen Menschen wie auch die Vielfalt in der Gesellschaft und trete für die Menschenwürde ein, und wolle gerade die Kinder bei der Persönlichkeitsbildung und Identitätsfindung unterstützen. Nur untergräbt man durch die in dieser Pressemitteilung geäußerte Grundhaltung gerade diese schönen Ziele.

Diese Leute müssen entweder unendlich zynische Heuchler sein, oder sie verstehen einfach nicht, was sie da schreiben.

** * **

Ich kann nur empfehlen, sich den ganzen (oben unter dem ersten Zitat verlinkten) Text durchzulesen. Das ist ein sehr gekonnt komponiertes Lehrstück der Scheinheiligkeit. Jeder einzelne Satz dieser Pressemitteilung ist richtig, man könnte den gesamten Text unterschreiben, wenn man ihn isoliert betrachtet. Gut, über die Bedeutung der religiös-ethischen Bildung und Erziehung, bzw. des Wortes religiös in dem Satz, könnte man diskutieren, aber das ist Kleinkram. Insgesamt bietet der Text wenig Angriffsfläche, er ist eine ziemlich wasserdichte Ladung politisch korrekter Platitüden.

Aber als Pressemitteilung zu der Kontroverse um den Bildungsplan 2015 des baden-württembergischen Kultusministeriums ist die Aussage eben eine ganz andere als die, die vordergründig im Text formuliert ist. Mit dem Ausdruck jeder Indoktrination ist zu wehren kann hier nur gemeint sein, dass die bloße Erwähnung alternativer Lebensentwürfe (ohne mitgelieferte Wertung nach Maßgabe der Kirchen) schon Indoktrination sein soll.

Der Text schließt mit dem folgenden Passus:

Darüber hinaus ist es jeder Bürgerin und jedem Bürger unbenommen, sich in geeigneter Weise dazu zu Wort zu melden. Dies darf allerdings nicht durch Hetzportale und diffamierende Blogeinträge geschehen.

Da muss ich schnell noch eine Portion Sarkasmus hervorholen. Es ist ja richtig nett, dass die Kirchen uns Laien tatsächlich erlauben, uns zu dieser Angelegenheit zu äußern. Falls man als Blogger nicht wissen sollte, was eine geeignete Weise der Wortmeldung ist, bekommt man in den Pressestellen der zuständigen Kirche oder im nächstgelegenen Pfarrbüro sicher gern fachkundige Auskunft. Nur, anders als man uns hier weiszumachen versucht, sind sogar  ungeeignete, diffamierende Wortmeldungen auf Hetzportalen erlaubt.

Hetzportale und Diffamierung mag ich nicht, aber verboten ist sowas nicht. (Davon abgesehen beherrschen Vertreter der Kirchen das Diffamieren auch sehr gut, die machen das aber hochprofessionell durch die Blume, wie in der hier diskutierten Pressemitteilung.)

Und es juckt mich fast in den Fingern, einen schön saftig diffamierenden Blogeintrag zu verfassen. Dieser Versuchung werde ich widerstehen, erstens weil ich swas nicht mag und zweitens weil es angesichts der Sachlage gar nicht nötig ist, unter die Gürtellinie auszuweichen. Ich bin aber überzeugt, dass sogar mein wie ich finde vergleichsweise sachlicher wenn auch in Ansätzen galliger Text hier bei Bedarf ganz schnell als diffamierend eingestuft wird.

Egal, solch ein bigottes Stück Prosa wie die Pressemitteilung der vier baden-württembergischen Kirchen darf nicht unkommentiert bleiben. Es ist eine Schande!

Nachtrag (14. Januar 2014): Anscheinend haben die Kirchen klargestellt, dass sie nichts gegen die Abhandlung von Homosexualität u.ä. im Unterricht haben. Bleibt die Frage, was die oben zitierte Pressemitteilung dann sollte. Stellen sie sich damit auf die Seite der Bildungsreform, und wenn nein, was stört sie dann? Was vertreten sie jetzt nachhaltig bei den relevanten Behörden? Ich werde nicht schlau draus.

Noch ein Nachtrag (14. Januar 2014): Eben erst bin ich auf diesen Artikel von Antje Schrupp zu demselben Thema gestoßen: Balken im Auge. Schlüssig und treffend, dabei nicht aggressiv, sehr lesenswert!

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4 Kommentare on “Toleranz? Indoktrinationsalarm!”

  1. Genau. Genau die Richtigen kommen da mit Indoktrination. Argh.

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  2. gnaddrig sagt:

    Eben das ärgert mich so. Dass sie ihren Standpunkt vertreten ist ja ok, auch wenn ich diesen Standpunkt nicht so gut finde. Dass sie ihren Einfluss nutzen, um ihrer Meinung Gehör zu verschaffen, ist soweit auch ok. Aber dass sie genau das Gegenteil von dem betreiben, was sie vordergründig behaupten, finde ich völlig daneben.

    Wenn die beispielsweise alle auf Nichtheterosexualität beruhenden Lebensentwürfe ablehnen und nichtheterosexuellen Kindern bei der Identitätsfindung möglichst wenig Hilfestellung geben wollen, ist das nicht schön, aber wohl gerade noch legitim. Aber dann sollen sie auch dazu stehen.

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  3. Pfeffermatz sagt:

    Hervorragend analysiert – bravo! Man wünschte tatsächlich, die Kirchenverantwortlichen würden sich deinen Text durchlesen und vielleicht begreifen, was sie für widersprüchliche und letztendliche „unchristliche“ Äußerungen von sich geben. Dass die Ankündigung eines voraussichtlichen Versuches, in der Schule etwas mehr Toleranz zu fördern, mit derartiger Vehemenz und offensichtlichen Falschbeschuldigungen von den Kirchen bekämpft wird, ist ein echtes Armutszeugnis für diese.

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  4. gnaddrig sagt:

    Danke 🙂 Ich frage mich, wo die Kirchen ihre Barmherzigkeit und Nächstenliebe verkramt haben. Die sind doch immerhin das Kernstück der Lehre des Mannes, auf den sie sich berufen. Aber die christlichen Kirchen üben sich durch die Bank in Hartherzigkeit: Die russisch-orthodoxe Kirche gehört zu den homophoben Scharfmachern in Russland, die katholische Kirche verweigert ihren Segen zur Benutzung von Kondomen, obwohl das die Verbreitung von HIV und die Bevölkerungsexplosion v.a. in Afrika wenigstens bremsen könnte, hier keilen die beiden großen Kirchen gegen vernünftige Vorhaben, bloß weil sie (m.E. zu unrecht) einen im echten Leben wohl scheißegalen Punkt ihres Weltbildes berührt sehen, für den sie nicht einmal eine gescheite Begründung haben. Das ist in der Tat ein Armutszeugnis.

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