Totgemacht

Gestern ist in Louisville im US-Bundesstaat Ohio der Mörder und Vergewaltiger Dennis McGuire mit einer Giftspritze hingerichtet worden. Dabei wurde eine bisher noch nicht erprobte Giftmischung verwendet. McGuire brauchte 24 Minuten zum Sterben, und es war dem Vernehmen nach ein qualvoller Tod. Dass diese spezifische Mischung aus Medikamenten wahrscheinlich zu Atemnot und Panik führen würden, war augenscheinlich schon vorher bekannt. Ein Bundesrichter hat hinterher geäußert, die Verwendung dieser neuen Mischung sei ein Experiment gewesen.

Das ganze ist einigermaßen verwunderlich. Wir haben es hier mit der größten Volkswirtschaft der Erde zu tun. Mit einem Land, das nicht zuletzt wegen riesiger Forschungsbudgets in praktisch allen Wissensgebieten an der Weltspitze mitläuft, dessen Wissenschaftler einen erheblichen Teil der Nobelpreise erhalten. Mit einem Land, das Probleme offensiv angeht, pragmatische Lösungen sucht und dabei in der Regel nicht lange fackelt.

Und dieses Land, Mutter der modernen Rechtsstaaten, selbsternannter Verfechter der Menschenrechte, Hort von Forschung und Lehre, Vorreiter in der Anwendung fast aller neuen technischen Möglichkeiten, schafft es nicht, eine zuverlässige und schmerzfreie Hinrichtungsmethode zu finden. Die beiden gängigen Hinrichtungsmethoden Elektrischer Stuhl und Letale Injektion, vulgo Giftspritze, sind über die Jahre immer wieder kritisiert worden. Der Elektrische Stuhl gilt zurecht als grausame Hinrichtungsmethode und müsste daher eigentlich in allen Bundesstaaten als verfassungswidrig verboten sein. Allerdings ist man noch nicht überall soweit.

Die als humanere Alternative zum Elektrischen Stuhl entwickelte und Anfang der 80er Jahre erstmals eingesetzte Letale Injektion ist allerdings auch nicht sehr zuverlässig. Das Narkosemittel Thiopental wirkt nur wenige Minuten, sodass der Delinquent die spätere Verabreichung des atemlähmenden Mittels u.U. schon wieder bei Bewusstsein miterlebt, sich wegen der durch die Medikamente ausgelösten Lähmung aber nicht artikulieren kann. Außerdem reagieren die verwendeten Mittel miteinander, was immer wieder zu Komplikationen und Pannen führt. Ungeachtet dessen erklärte der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten die Letale Injektion als grundsätzlich legale Hinrichtungsmethode, sie stelle „keine grausame und ungewöhnliche Bestrafung“ dar. Was stimmt, wenn die Mischung funktioniert. Und das tut sie oft eben nicht.

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Warum aber schafft man es nicht, erstens eine zuverlässig wirkende, also wenig fehleranfällige Mischung aus Medikamenten zu finden, mit denen man die Delinquenten schmerzfrei töten kann? Es kann doch nicht so schwer sein. Auch wenn Ärzte aufgrund des hippokratischen Eides an solchen Dingen nicht mitwirken dürfen, ist das nötige Wissen doch frei verfügbar. Ich vermute mal, dass man mit, sagen wir, erweiterten Grundkenntnissen in Anästhesie, Palliativmedizin und Pharmakologie in der Lage sein müsste, eine entprechende Mischung zu entwickeln. Das Wissen ist zugänglich, und ich kann mir nicht vorstellen, dass es nirgendwo in den USA wenigstens eine handvoll Leute mit den nötigen Kenntnissen geben soll, oder dass die verantwortlichen Stellen niemanden entsprechend ausbilden lassen können.

Die Henker selbst müssen ja nur Lederriemen bedienen, Zugänge legen und Spritzen setzen können. Ersteres kann jeder, die letzteren beiden lernt jeder Rettungsassistent in der Ausbildung ohne Bindung an einen hippokratischen Eid (der, wenn ich es mir recht überlege, für eine zu allem entschlossene Staatsmacht sicher auch kein Hindernis wäre).

Wenn man schon glaubt, die Todesstrafe zu brauchen, ist die Entwicklung einer möglichst schmerzfreien Hinrichtungsmethode natürlich eine gute Idee. Der Elektrische Stuhl und die Letale Injektion sind beide ausdrücklich zu diesem Zweck entwickelt worden. Ersterer sollte das Hängen ablösen, letztere den Elektrischen Stuhl. Nur ist die Letale Injektion durch ungeschickte Wahl der verwendeten Mittel eben unzuverlässig und oft alles andere als schmerzfrei.

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Laut Wikipedia gab es bei den Richtern des Obersten Gerichtshofs, die über die Rechtmäßigkeit der Letalen Injektion zu befinden hatten, eine Fraktion, die nicht versteht, weshalb man für die Hinrichtung von Schwerverbrechern unbedingt die schmerzloseste Methode wählen müsse. Es besteht augenscheinlich gar nicht der Wille, eine solche schmerzfreie Methode zu finden, Hauptsache man kriegt die Delinquenten irgendwie totgemacht.

Da experimentiert man schonmal mit neuen Mischungen, und wenn sich dann jemand lange Minuten quält, ist dass halt Kollateralschaden. Wo gehobelt wird, da fallen nunmal Späne. Im Zusammenhang mit dem Experiment an Dennis McGuire hat ein Staatsanwalt verlauten lassen, es gebe eben kein Recht auf einen schmerzfreien Tod. Sollen, denke ich das mal weiter, halt zappeln, die Drecksäcke. Sind ja nicht umsonst zum Tod verurteilt worden.

Bedenklich wird es, wenn solch eine Haltung die Politik des nach wie vor selbstbewusstesten und mächtigsten Landes der Erde bestimmt. Das ist ein Land, das keine Hemmungen hat, die eigenen Interessen und die eigene Meinung mit allen Mitteln durchzusetzen, das gerne mal alle anderen über Menschenrechte und derlei hübsche Dinge belehrt und sich leider selbst als über dem Gesetz stehend sieht. Traurig, was aus den USA geworden ist.

Nachtrag (5. Mai 2014): Nach der noch schlimmer verpfuschten Hinrichtung von Clayton Lockett am 29. April 2014 in Oklahoma mit einer bislang nicht erprobten Giftmischung soll jetzt immerhin die Art und Weise überprüft werden, in der die Todesstrafe in den USA vollstreckt wird. Bleibt abzuwarten, ob sich daraufhin irgendetwas ändern wird.

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12 Kommentare on “Totgemacht”

  1. The Hagenz sagt:

    Ganz schrecklich … ein Experiment … ekelhaft!

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  2. gnaddrig sagt:

    Absolut. Bei Kosmetika gehen die Leute auf die Barrikaden, weil das Zeug an Mäusen getestet wird. Aber hier wird einfach mal was am lebenden Menschen ausprobiert. Wer hat sich das ausgedacht? Wieso hat man das gemacht, obwohl bekannt war, dass es wohl nicht schnell und v.a. schmerzlos gehen würde? Wirklich schlimm, auch wenn es hier bisher „nur“ um einen einzigen Mörder und Vergewaltiger geht. Da wäre der in China lange übliche Genickschuss wohl noch humaner…

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  3. Nesselsetzer sagt:

    Die Amerikaner haben nach 9/11 und langer Zeit grundsätzlicher innerer Rechtsstaatlichkeit einen großen Teil derselben aufgegeben. Schuld daran ist nicht nur Bush junior, sondern ebenso die tiefsitzende Angst der nun als verwundbar aufgezeigten Amerikaner. Dagegen war die McCarthy-Ära mit ihrer Gesinnungsjagd ein laues Lüftchen. Aus dieser verunsicherten Perspektive entwickelt sich auch ein gewisser Rachegedanken, der sich in den Äußerungen der Richter und Staatsanwälte widerspiegelt. Dass Verbrecher bei ihrem Tod leiden sollen, entspricht ja vielen Stammtischmeinungen. Auf Rechtsstaatlichkeit und dem Verbot von Folter wird gepfiffen. Diese Hinrichtung war eindeutig mit Folter verbunden, und das wurde billigend in Kauf genommen.
    Solche „Menschlichkeitsschwankungen“ machen aber alle Staaten durch. Auch Deutschland ist wieder auf dem besten Weg dazu, unmenschlicher zu werden. Immerhin sind 25% der Deutschen arm, was heutzutage keinen Politiker mehr juckt.

    Die Menschheit besteht zwar nicht mehr aus Wilden, aber leider immer noch komplett aus unzivilisierten Halbwilden. Bis zum ausgewachsenen Homo sapiens sapiens sapiens ist es sicher noch ein weiter Weg. Solange können wir Menschen aufgrund des Dunning-Kruger-Effekts uns zumindest von uns selbst unbemerkt dahingehend überschätzen, wir seien zivilisiert.

    Randbemerkung: Den Eid des Hippokrates leistet in Deutschland kein Mensch. Nicht einmal auf die Genfer Deklaration des Weltärztebundes, dem sogenannten Genfer Gelöbnis, muss ein Arzt schwören. Beides hat demzufolge in Deutschland keinerlei Rechtsverbindlichkeit. Das Schwören der Ärzte auf den hippokratischen Eid ist ein nicht totzukriegendes Gerücht. 😉

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  4. gnaddrig sagt:

    Nein, rechtsverbindlich ist der hippokratische Eid natürlich nicht, aber er bestimmt doch als ethischer Leitfaden bis heute das Selbstverständnis der allermeisten Ärzte. Habe ich mir jedenfalls immer vorgestellt.

    Aber Du hast recht, der Bestrafungscharakter ist auch im amerikanischen Strafvollzug unübersehbar.

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  5. Seltsamerweise wird niemand enthauptet… Das wäre vergleichsweise sicher und schnell. Mir scheint, man braucht dort jedoch eine Art aufwendiger, ritualisierter Handlung.

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  6. gnaddrig sagt:

    Ritualisiert kann sein, vor allem aber, spekuliere ich mal, technisch. Einfach Kopf ab geht nicht, ist ja nicht mehr Mittelalter. Hängen sieht so nach Lynchmob aus, den Eindruck will man sicher nicht hinterlassen. Also High-Tech.

    Der Stuhl war Ende des 19. Jh. hochmodern und fortschrittlich. Die Giftspritze hätte das Zeug zum eleganten und preiswerten Präzisionsinstrument, wenn man es nicht vergeigt hätte. Jedenfalls wirkt es viel zivilisierter, wenn der Verurteilte eine Spritze kriegt und einschläft anstatt bei vollem Bewusstsein zerhackt oder gegrillt zu werden.

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  7. gnaddrig sagt:

    Dieser Artikel ist auf Politik im Spiegel gespiegelt worden. Ich freue mich, dass jemand einen Text von mir für relevant genug hält 🙂

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  8. […] wie sonst in einem mittleren Monat. Und am nächsten Tag gleich nochmal. Das hat gereicht, den betreffenden Beitrag für zwei Tage in die deutschsprachigen Top Posts bei WordPress.com zu katapultieren, was deutlich […]

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  9. gnaddrig sagt:

    Jetzt hat Nebraska die Todesstrafe abgeschafft. Wieder ein kleiner Schritt in die richtige Richtung, obwohl man bei Texas, Missouri und Florida wohl auf nichts zu hoffen braucht…

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  10. aurorula a. sagt:

    Randbemerkung:
    Die amerikanischen Fachleute für Arzneimittel weigern sich aus verschiedenen Gründen wie etwa angesichts der hohen Quote an Justizirrtümern, Medikamente über ihre Apotheken zur Verfügung zu stellen. Auch der amerikanische Apothekenverband rät dringend davon ab.
    Sie haben auch irgendwo ein valides Argument: in den letzten Jahren und mit neuen Fahndungsmethoden (Genetischer Fingerabdruck u.ä.) wurden durch Initiativen wie the Innocence Project schon viele Fehlurteile aufgedeckt – realistische Schätzungen liegen bei etwa 20% aller Todesurteile die Unschuldige betreffen. Einen von fünf kann man eben schlecht wieder lebendig machen, wenn sich herausstellt daß es die falschen waren.

    Überhaupt nur deswegen wird bei Hinrichtungen experimentiert. (Die meisten Pharmafirmen weigern sich auch Substanzen für Hinrichtungen zur Verfügung zu stellen). Ein nicht-haben statt ein nicht-wissen-wie.

    Daher wird auch wieder über erschießen nachgedacht: nicht hightech, aber alles in allem wohl humaner.

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  11. gnaddrig sagt:

    Interessant, dass so viele in den USA bei der Hinrichterei nicht mitmachen wollen. Das habe ich bisher noch nirgendwo gelesen (obwohl ich da auch nicht besonders recherchiert habe). Irgendwie auch ermutigend, auch wenn es für Todeskandidaten schlimme Folgen hat. Und erstaunlich, dass ein so zielstrebiges Land wie die USA es doch nicht schafft, irgendwelche passenden Substanzen in ausreichender Menge zu beschaffen und geeignete Verfahren zu implementieren. Nur ziehen sie leider nicht die richtige Konsequenz, die Todesstrafe auszusetzen.

    Wenn ich mir als Todeskandidat die Hinrichtungsart aussuchen müsste, würde ich Erschießen sicher wesentlich weniger ungern als Spritze oder Stuhl mitmachen. Guillotine wäre auch noch denkbar. Idealerweise gründlich alkoholisiert, wie es ja in vergangenen Jahrhunderten auch weithin üblich war.

    Aber am besten natürlich gar nicht hinrichten. Mich nicht und sonst auch niemanden.

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  12. […] Auch wenn „grausame oder ungewöhnliche Strafen“ laut US-Recht verboten sind, hat man sich in der Vergangenheit wenig drum gekümmert, wie die Leute dann tatsächlich zu Tode kamen. Da konnte jemand schonmal über 20 Minuten lang unter starken Schmerzen bei vollem Bewusstsein ersticken, oder nach einer qualvollen Dreiviertelstunde an einem Herzschlag verrecken. Egal, Hauptsache totgekriegt. […]

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