Zurück zur Natur

Wir leben in Mitteleuropa in einer hochtechnisierten Welt. Die allermeisten Leute hier leben in festen Häusern, haben Strom und fließendes Wasser im Haus. Es gibt jede Menge Infrastruktur: Straßen, Eisenbahn, Schulen, Krankenhäuser, Telefon, Internet. Wir haben uns von den direkten Einflüssen der Natur weitgehend unabhängig gemacht. Und wenn dann doch mal ein Sturm eine Stromleitung kappt oder der Schnee den Verkehr lahmlegt, ist das zwar lästig, aber in aller Regel für fast alle harmlos und ohne gravierende Folgen.

Gut, Hochwasser, Erdbeben oder Vulkanausbrüche erinnern uns immer wieder daran, dass wir stellenweise auf dünnem Eis unterwegs sind und wir gewaltigen Mächten gegenüberstehen, denen wir noch immer wenig bis gar nichts entgegenzusetzen haben. Aber im Großen und Ganzen haben wir es soweit gebracht, dass uns die Natur im täglichen Leben ziemlich egal sein kann.

Dabei wird oft beklagt, dass wir keinen Bezug mehr zur Natur haben. Kinder wissen heute gar nicht mehr, was Gras ist, können Buchen nicht von Birken unterscheiden, haben noch nie eine Lärche gesehen und wissen höchstens aus der Schule, dass das ein Baum ist (oder doch ein Vogel, wer weiß das schon?), kriegen Panik, wenn sie einen Hirschkäfer sehen. Glauben angeblich, dass Kühe lila sind, Milch aus der Fabrik kommt und Rosinen die Früchte von Rosen sind.

Die haben noch nie ein Karnickel gefangen, Bucheckernkerne oder Sauerampfer gegessen, wilde Heidelbeeren (die mit Geschmack!) gepflückt oder bei Regen Feuer gemacht. Das wird als große und bedauerliche Lücke im Erfahrungsschatz der Kinder gesehen. Nicht ganz zu unrecht, aber trotzdem tendenziell überbewertet.

Folgerichtig wird das kindliche Hantieren mit Naturmaterialien in gewissen Kreisen sehr wichtig genommen. (Dass die lieben Kleinen dabei aber fast unweigerlich auch ausgesprochen unhygienisch mit Hundekacke, Popeln und undefinierbaren Substanzen und Gegenständen unbekannter Provenienz interagieren, wird meistens ausgeblendet.)

Ich bin aber eigentlich ganz zufrieden damit, dass ich mir mein Essen nicht täglich selberschießen, ausnehmen und küchenfertig machen muss, sondern alles im Einzelhandel beziehen kann. Dass ich in einer wind- und wetterfesten, trockenen, beheizten und ungezieferfreien Wohnung mit fließend Wasser lebe und mir auf dem Weg zur Arbeit keine Gedanken über hungrige Wölfe, schlechtgelaunte Braunbären, Wegelagerer u.ä. machen muss.

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Natur ist ganz hübsch, und ich bin der letzte, der nicht gern in der Landschaft unterwegs ist. Bewegung an der frischen Luft und außer Hörweite der nächsten Autobahn oder Bundesstraße ist eine feine Sache. Wanderungen in Mittelgebirgen, Lagerfeuer, Spielen am Bach und was man sonst so alles machen kann – alles toll, will ich auf keinen Fall missen. Aber dieser naive Drang „zurück zur Natur“ widerstrebt mir dann doch. Außerdem gibt es auch in unseren Betonwüsten noch (oder wieder) erstaunlich viel Natur.

Wo es Gärten gibt, finden sich beispielsweise Eichhörnchen. Man werfe eine Handvoll Walnüsse aus dem Fenster und kann sicher sein, mindestens ein Eichhörnchen wenn nicht zu treffen, dann doch her- oder wegflitzen zu sehen. Es gibt in vielen Städten beachtliche Fuchspopulationen, anderswo ist von Wildschweinrudeln in Innenstädten berichtet worden. Ratten gibt es überall, auch wenn man sie selten sieht. Und Flugratten, vulgo Tauben, scheißen weltweit praktisch jede Innenstadt und jede Bahnhofshalle voll.

Die Fauna mag in den Städten nicht ganz so vielfältig sein wie in freier Wildbahn, aber es gibt wirklich genug Viehzeug bei uns. Und auch andere Aspekte der Natur funktionieren in der Stadt wie auf dem Land: Natur ist nämlich nicht kuschelig romantisch, Lassie und Flipper sind Phantasieprodukte. Es gibt auch keine freundlichen Igel, die kranke Kaninchen retten, mit dem Fuchs Kakao trinken, schüchterne Goldhamster gegen die fiesen Ratten verteidigen und so. Da wird gejagt und gefressen, was das Zeug hält, und das ist meistens nicht so hübsch.

Vorf ein paar Tagen zum Beispiel habe ich am Ende des Bahnsteigs das abgenagte Skelett einer Taube gesehen, da hingen noch die gefiederten Flügel dran, sonst war nicht viel übrig von dem Tier. Zurück zur Natur heißt, dass man solche Sachen zu sehen kriegt, und das werden dann doch die wenigsten wollen. Hier passt der alte Spruch: Überleg Dir gut, was Du Dir wünschst, es könnte in Erfüllung gehen…

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