Zufallsfunde

Kindermund tut Wahrheit kund, heißt es im Volksmund. Stimmt ja oft auch. Klassisches Beispiel ist der Witz, wo ein kleiner Junge sich mit Spielzeuggewehr vor dem Gästezimmer aufbaut, in dem gerade die besuchende Großtante übernachtet. Auf ihre Frage, was das solle, antwortet er unschuldig: Der Papa habe gesagt, die Großtante könne ihm gestohlen werden, und um das zu verhindern halte er eben Wache.

Oder auch der andere Klassiker: Der Kaiser hat ja gar nichts an! Aber Kinder haben nicht nur einen (oftmals) klaren, (meistens) noch nicht durch Lebenserfahrung, soziale Konditionierung und klischeeüberfrachtete Kinofilme verkorksten Blick auf die Welt und können darum Dinge durchschauen, denen Erwachsene oft auf den Leim gehen. (Dass Kinder dadurch auf viele Arten leichter aufs Glatteis zu führen sind als Erwachsene ist eine andere Sache, die lasse ich hier mal beiseite). Sie machen oft auch ganz nebenbei erstaunliche Entdeckungen.

Man nehme nur den Computer. Einen ganz ordinären Windows-PC, mit dem man hauptsächlich Texte schreibt, ein paar Fotos bearbeitet, spielt oder sich im Internet herumtreibt. Als Schreibtischarbeiter bin ich seit vielen Jahren mit so einem Ding unterwegs und kenne mich leidlich aus. Als meine Älteste so zwei oder drei war, durfte sie oft auf dem Schoß sitzen und ein paar Zeilen tippen. Wir hatten ihr extra eine Datei angelegt, wo sie dann drin wüten durfte. Im Zuge ihrer Versuche, Goethes gesammelte Werke per zufälligem Herumhacken auf den Tasten nachzuschreiben, hat sie eine Entdeckung gemacht.

Sie fuhrwerkte also auf der Tastatur herum. Auf einmal piepste das Gerät, informierte in einem Dialogfenster darüber, dass die Einrastfunktion aktiviert worden sei, und fragte, ob man zum Center für erleichterte Bedienung wechseln wolle, um die Einrastfunktion einzurichten. (Das hieß damals unter XP vielleicht noch anders, so genau weiß ich das nicht mehr. Mittlerweile tut mein PC dank Microsofts neuestem Fehltritt so, als sei er ein Tablet, obwohl er kein Touchscreen hat, und das eine oder andere dürfte seit XP-Zeiten umbenannt worden sein.)

Die Einrastfunktion also, ich hatte bis dahin gar nicht gewusst, dass es sowas gibt (zum Aktivieren drückt man übrigens fünfmal hintereinander die Umschalttaste), und bisher ist mir auch keine Situation untergekommen, in der ich das gebraucht hätte, darum habe ich diese Einrastfunktion wieder ausgeschaltet und im Gedächtnis unter Kuriosa ohne bekannte Nutzbarkeit abgelegt.

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Eigentlich müsste ich in diesem Artikel das Wort Serendipität benutzen, aber das mag ich nicht und meide es daher nach Kräften. Ich finde, das Wort klingt einfach bescheuert. Das ist zunächst mal ein völlig irrationales Nichtmögen, eigentlich gibt es keinen Grund, etwas gegen das Wort zu haben. Obwohl, da scheint mir die Endung nicht zum Inhalt zu passen.

Serendipität bezeichnet den Prozess des zufälligen Entdeckens einer Sache oder eines Sachverhalts, des anschließenden Untersuchens und möglicherweise Ziehens einer Schlussfolgerung, des Einordnens der gewonnenen Erkenntnis. Die Endung -tät  bezeichnet dagegen normalerweise eine Eigenschaft von Dingen oder Sachverhalten und u.U. vielleicht auch Personen: Originalität, Kreativität, Legitimität, Justiziabilität, Objektivität, Aggressivität, Viskosität usw.

Mir fällt auf Anhieb nur eine Ausnahme ein, und das sind die fast immer in der Mehrzahl auftretenden Schwulitäten, in die man geraten kann, und das ist ein umgangssprachlicher Ausdruck. Serendipität klingt mir dagegen eher nach Feuilleton und dem dort gern gepflegten intellektuellen Snobismus, nach Vorträgen von Sascha Lobo oder ähnlichen Ereignissen in der Welt der zeitgeistigen Avantgarde.

Ich habe das Wort jedenfalls noch nie in einer normalen Konversation verwendet gehört, außer wenn über das Wort geredet wurde. Deshalb sehe ich da kaum eine Rechtfertigung für den bei Schwulitäten nicht zu beanstandenden umgangssprachlich-lockeren Umgang mit den Wortbildungsregeln der deutschen Sprache, außer es soll ein ironisch kalkulierter Tabubruch sein.

Andererseits ist Serendipität eine Eindeutschung des englischen Serendipity, das sich wiederum von einem arabischen Wort für Sri Lanka (oder Ceylon) ableitet und daher schon im Englischen nur zufällig so klang, als habe es die im Englischen produktive Endung -ity, die weitgehend dem deutschen -tät enstpricht.

Das Wort endet also in Wirklichkeit eher zufällig auf -tät, kann das aber natürlich im normalen Sprachfluss nicht mitteilen und wird daher von mir ganz zu unrecht für seine unpassende Endung geringgeschätzt. Mögen tue ich das Wort zwar immer noch nicht, aber dem Widerwillen dagegen ist die Luft ausgegangen.

Wir haben es hier mit einem Zufallsfund von der Sorte zu tun, die das Leben spannend machen und die ich nicht missen will, auch wenn sie mich immer wieder von meinem Sockel kippen, auf dem ich mich als fast alles wissender Säulenheiliger immer wieder viel zu bequem einrichte.

Am Ende muss ich feststellen, dass in Hinsicht auf sprachpflegerische Besserwissereien und bildungssprachliche Dünkel ziemlich oft das Kind recht hat, das völlig unschuldig in die peinlich berührte Stille ruft: Der Kaiser hat ja gar nichts an!

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3 Kommentare on “Zufallsfunde”

  1. Serendipität klingt irgendwie nach Pietätsserum im Plural.

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  2. Pfeffermatz sagt:

    Mich erinnert „serendipity“ arg an „serenity“, also „Abgeklärtheit“ oder „Heiterkeit“ laut LEO (der Online-Duden kennt auch das deutsche „Serenität“). „Dip“ als Verb bedeutet ja „absenken“, also bezeichnet „Serendipität“ vielleicht die Eigenschaft einer herabgesenkten Heiterkeit? Kommt mir jedenfalls plausibler vor als irgendwas mit einer Zufallsentdeckung auf Sri Lanka.

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  3. […] Serendipität (das Wort, nicht das Konzept) […]

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In den Wald hineinrufen

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