Geschenkte Gäule

Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul, weiß der Volksmund. Der dahinterstehende Gedanke ist einleuchtend. Wenn man was geschenkt kriegt, hat man hinterher mehr als vorher, musste dafür nichts tun und kann darum auch schlecht am Geschenk herummäkeln. Man freue sich, sage artig danke, und gut ist, erst recht bei unverhofften Geschenken, die außerhalb der üblichen Schenkgelegenheiten hereinkommen.

Das hat allerdings etwas von Vogel friss oder stirb. Als Beschenkter hat man dann irgendwelchen Kram, mit dem man nichts anfangen kann, und muss dafür auch noch Dankbarkeit zeigen und das Zeug aus Rücksicht auf Empfindlichkeiten der Schenkenden unter Umständen ewig aufbewahren.

(Die scheußliche Suppenterrine, Hochzeitsgeschenk von Tante Agathe, kann man erst zerkloppen, wenn die Tante das Zeitliche gesegnet hat, und die furchtbaren selbstgestrickten Pullover von Oma muss man wenigstens dann anziehen, wenn die Oma zu Besuch ist. Guter Trick: Auf Ausflügen oder im Alltag einen der Pullover mitnehmen, für einen „spontanen“ Schnappschuss kurz anziehen und anschließend wieder wegpacken. Die Fotos dann der Oma schicken. Ehrlich zu sagen, dass man das Zeug furchtbar findet ist sehr schwer und oft kaum möglich, ohne die gutmeinenden Leute ernsthaft zu verletzen, was man ja meistens auch nicht will. Die Leute haben sich mit den Geschenken ja oft erhebliche Mühe gegeben, die zu ignorieren oder gar schlechtzumachen irgendwie schäbig wäre.)

Andererseits ist Schenken heutzutage zunehmend schwierig. Gerade zu den üblichen Anlässen, hierzulande Geburtstag und Weihnachten, manchmal erweitert um Nikolaus und gelegentlich sogar Ostern, wo Schenken weithin üblich ist, versuchen die Schenkenden ganz oft, möglichst genau das zu schenken, was die zu Beschenkenden generell mögen oder sich spezifisch wünschen.

Dabei wird zunehmend erwartet, dass dabei auch kleinste Details richtig getroffen werden. Nach Weihnachten kann man immer wieder Klagen von Jugendlichen lesen, dass sie das neue iPhone in schwarz statt weiß (oder umgekehrt) gekriegt haben, oder ein Telefon einer völlig uncoolen Marke, und die Eltern/Großeltern/Paten doch völlig unmögliche [hier böse Schimpfwörter denken] sind.

Diese Enttäuschung wird zum großen Teil auf Gruppendruck zurückzuführen sein, man braucht eben oft eine gewisse Ausstattung, um dazuzugehören, und je nach Umfeld können schon geringe Abweichungen mit Ausgrenzung geahndet werden. Das Geschenkekriegen wird vor diesem Hintergrund von einem selbst nicht kontrollierbaren Segen zu einer mehr oder minder berechenbaren Ertragsquelle umgedeutet, zu einer Art Beschaffungskanal.

Dieses Phänomen dürfte zu einem guten Teil dadurch zustandekommen, dass die meisten schon fast alles haben. Dass man immer genauer hinschauen muss, um noch Lücken in der Ausstattung zu finden, die man per Geschenk füllen könnte. Und daran, dass es – vielleicht nicht mehr als früher, aber viel stringenter – sehr detaillierte Vorgaben gibt, was gerade in ist und was nicht. Kleidung, technische Geräte, Musikstile, Freizeitbeschäftigungen, man könnte von einer Art Lifestyle-Terror sprechen. (Wenn Ihr das demnächst in irgendeinem gutbürgerlichen Feuilleton lest, hier stand’s zuerst!)

** * **

Ich will jetzt keiner guten alten Zeit das Wort reden, wo echter Hunger für viele Leute immer nur ein oder zwei Ecken entfernt lauerte und man sich über ein paar Äpfel und Nüsse schon deshalb freute, weil man nicht permanent überfüttert und übersättigt durchs Leben ging.

Aber in Zeiten, als ein paar selbstgestrickte Handschuhe meistens noch eine echte Lücke füllten und schon deshalb gern genommen wurden, weil sie den Unterschied zwischen kalten und eben nicht kalten Händen machten, war Schenken einfacher. Heute kann die falsche Farbe oder Ausstattungsvariante eines Geschenks schon Anlass zu Enttäuschung, Verwünschungen und Trotzreaktionen sein.

Das setzt die Schenkenden unter erheblichen Druck, denn der Grundgedanke ist ja immer noch, den Beschenkten eine Freude zu machen. Und während früher erwartet wurde, dass letztere sich über egal welchen geschenkten Gaul freuten, läuft es heute umgekehrt, man erwartet, dass die Schenkenden es bitteschön genau richtig hinkriegen.

Man kann das bedauerlich finden, man kann Schenken und Beschenktwerden als abendländische Kulturtechniken gefährdet sehen. Man kann sich an den hohen Hürden stören, die einer für alle Beteiligten auch emotional gelungenen Beschenkung heutzutage entgegenstehen. Dass es schwieriger geworden ist, „gut“ zu schenken, dürfte außer Frage stehen. Dass es von Seiten der Beschenkten ein Mindestmaß an Benimm und Feingefühl braucht und eine gewisse Bereitschaft, dem geschenkten Gaul nicht allzugenau ins Maul zu schauen, dürfte auch einleuchten.

Andererseits bietet die allgegenwärtige Übersättigung auch Chancen. Man kann den Akt des Schenkens selbst als Anlass zur Freude nehmen. Man freut sich über die Tatsache, dass man ein Geschenk kriegt, nimmt den Gaul, und wenn man ihn nicht reiten will oder kann, macht man eben Sauerbraten oder Wurst draus.

Advertisements

4 Kommentare on “Geschenkte Gäule”

  1. Pfeffermatz sagt:

    Toller Beitrag, der mir sehr aus dem Herzen spricht. Gerade das Handy-Beispiel haben wie im Bekanntenkreis erlebt (und ich kann stolz sagen, dass meine Kinder anders, ach warum so bescheiden: besser! erzogen sind). Das Problem aus meiner Sicht ist, dass solche Kinder ihren Anspruch auf „das richtige Geschenk“ als selbstverständlich erachten. Da fehlen mir einfach die zwei Charaktereigenschaften „Dankbarkeit“ und „Bescheidenheit“. Mein Trost: solche Kinder ¨sind – wenn sie sich nicht ändern – zum Unglücklichensein verdammt. Mein Untrost (wie heißt das richtig?): sie werden auch andere unglücklich machen.

    Gefällt mir

  2. gnaddrig sagt:

    Einerseits hast Du recht, andererseits ist es nicht immer so einfach. Den Gruppendruck habe ich angesprochen. Da ist es sehr schwer, die Kinder dahingehend stark zu machen, dass sie sich dem nicht beugen. Das hängt neben den erzieherischen Möglichkeiten auch von Persönlichkeitstypen oder dem Charakter der Kinder ab und davon, wie die Mitschüler so drauf sind, und darauf hat man praktisch keinen Einfluss. Vieles ist da Glück oder Pech, und man kann dankbar sein, wenn die eigenen Kinder nicht auf diese Unzufriedenheitsschiene geraten.

    Ich glaube, ein Teil des Problems ist auch, dass diese ganze Schenkerei (genauso wie Weihnachten überhaupt) maßlos überhöht und mit Bedeutung überladen wird. Damit schafft man Ansprüche, an denen alle Beteiligten fast zwangsläufig scheitern. Man sollte da mit sich und den Kindern barmherziger sein, soweit man das kann. (Was sich natürlich leichter sagt als tut.)

    Gefällt mir

  3. Stefan R. sagt:

    Hm, wirklich zwiespältiges Thema. Ich bekomme zum Geburtstag von Freunden fast nur noch Gutscheine oder gleich Geld geschenkt. Man sollte das nicht verurteilen, sie wollen halt nichts falsch machen und auf Nummer sicher gehen. Ich muss sagen, ich finde es schon schöner, etwas Überraschendes geschenkt zu bekommen, weil das auch bedeutet, dass sich da jemand mal ein paar Minuten lang Gedanken darüber gemacht hat, womit man mir eine Freude machen könnte. Andererseits ertappe ich mich zur Hochsaison (Dezember und Januar, weil im Januar etliche Leutchen Geburtstag haben), wie mich das Geschenke überlegen Jahr für Jahr mehr stresst. Dann wiederum: Das Gefühl an Weihnachten, wie eine alte Freundin sich fast ein Bein abgefreut hat und mir um den Hals gefallen ist, weil ichs exakt getroffen hatte, ist schon schwer zu toppen.

    Gefällt mir

  4. gnaddrig sagt:

    Tja, es gibt bei dem ganzen eben eine ganze Menge Unwägbarkeiten, die ein erhebliches Pannen- und Frustpotenzial nach sich ziehen. Patentrezepte und One-size-fits-all-Lösungen sind da wohl kaum möglich. Da muss man mit leben…

    Aber hast recht, jemandem, der einem wichtig ist, genau das richtige geschenkt zu haben, ist großartig! Und ein persönlich ausgesuchtes, unerwartetes aber schönes Geschenk zu kriegen, mit dem man auch was anfangen kann, ist auch toll!

    Gefällt mir


In den Wald hineinrufen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s