Alex ist wieder da

Letztes Jahr hat die russische Staatsduma eine Ergänzung zum Gesetz “Zum Schutz der Kinder vor Informationen, die ihnen Schaden an Gesundheit und Entwicklung verursachen” verabschiedet hat, nach der Propaganda für “nichttraditionelle sexuelle Beziehungen” strafbar ist.

Die Auswirkungen dieses Gesetzes lassen sich mittlerweile gut beobachten. Es bilden sich überall im Land bürgerwehrartige Organisationen, deren Mitglieder aus Spaß, aus Sadismus, vielleicht auch aus Langeweile Schwule systematisch aufspüren, jagen, demütigen, verprügeln, vergewaltigen, totschlagen. Da mag manchmal sogar ein naives und tragisch fehlgeleitetes Bestreben mitschwingen, die Gesellschaft von schädlichen Elementen zu reinigen, ich weiß es nicht.

Dabei unternimmt der russische Staat gar nicht erst den Versuch, die unterstellten Schäden, die Homosexuelle bzw. deren „nichttraditionelle sexuelle Beziehungen“ der Gesellschaft angeblich zufügen, mit rechtsstaatlichen Mitteln zu erfassen und zu ahnden. (Möglicherweise gibt es diese Schäden nämlich gar nicht, und mit der Rechtsstaatlichkeit war es in Russland noch nie besonders weit her.)

Stattdessen wird ganz offen der Selbstjustiz Vorschub geleistet, werden dumme Vorurteile bedient (belastbare Fakten, die nachvollziehbare Gründe für die Ablehnung der Homosexualität hergeben, hat man nämlich nicht), werden homophob motivierte Gewaltkriminalität und die Bildung krimineller Organisationen dadurch gefördert, dass man ganz ostentativ nichts unternimmt, sie einzudämmen.

Wer sich einen Eindruck verschaffen will, wie es auf Russlands Straßen mittlerweile zugeht, kann sich die bei Gaywest verlinkte fast 50-minütige englischsprachige Doku Dispatches – Hunted: Homophobia in Russia von Channel 4 anschauen. Für die braucht man allerdings starke Nerven. Alternativ gibt es auf Astrodicticum simplex in einem Artikel zum Thema einen kürzeren Videoclip, der eigentlich schon alles sagt und auch starke Nerven erfordert. Wem das nicht reicht, es gibt auf Youtube und auf russischen Plattformen jede Menge ähnliches Material.

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Tatsache ist, dass Schwule in Russland Freiwild sind. Wenn sie angegriffen werden, schaut die Polizei gern weg, wenn sie nicht sogar selbst mitmacht. Die Polizei nimmt Anzeigen der Opfer homophob motivierter Gewalttaten oft gar nicht erst entgegen („Du bist schwul, da musst Du Dich nicht wundern, dass Du angegriffen wirst, das ist doch normal. Wozu willst Du da überhaupt Anzeige erstatten?“). Die Täter werden in aller Regel nicht gefasst oder in irgendeiner Weise belangt. In der Folge führen sie ihre Taten ganz ungeniert und in der Regel völlig unbehelligt in aller Öffentlichkeit aus.

Ob diese Art nationaler Hexenjagd auf Schwule von den russischen Behörden als Kollateralschaden nur geduldet wird, als erwünschte Nebenwirkung begrüßt wird oder sogar beabsichtigt war, weiß ich nicht. Es fällt aber auf, dass staatliche Stellen praktisch nichts gegen diese Gewalt unternehmen.

Vor diesem Hintergrund dürfte es nur noch eine Frage der Zeit sein, bis Ärzte und Krankenhäuser schwule Gewaltopfer gar nicht mehr behandeln, bis Rettungswagen bei Schwulen gleich wieder abdrehen und man die Leute im Zweifelsfall einfach wie Ungeziefer auf der Straße verrecken lässt.

Vom Staat hat man als „nicht traditionell Heterosexueller“ also keine Hilfe zu erwarten. Ebensowenig von der anderen traditionellen Autorität im Lande, der nach jahrzehntelanger Unterdrückung durch die Kommunisten wiedererstarkten russisch-orthodoxen Kirche. Die Kirche, die nach ihrem mutmaßlichen Selbstverständnis – immerhin beruft sie sich auf einen gewissen Jesus von Nazareth, das ist der mit der Bergpredigt, Nächstenliebe, Barmherzigkeit und so – eigentlich den Bedrängten Schutz bieten und für Frieden und Nächstenliebe eintreten sollte, läuft stattdessen bei den Scharfmachern mit, lässt eigenes Personal ungehemmt gegen Schwule hetzen und deckt die Schläger und Mörder. Kein Wunder, dass sich kaum ein Normalbürger traut, für eine ohnehin nicht besonders beliebte Minderheit aufzustehen – man würde sich damit selbst zum Ziel der selbsternannten Säuberer machen.

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Nun ist Gewalt im Alltag in Russland nichts weiter Außergewöhnliches. Revolutionswirren, stalinistische Säuberungen, traumatisierte Rückkehrer aus dem Afghanistankrieg und die tief verwurzelten barbarischen Bräuche in der russischen Armee haben alle ihren Teil zur Verrohung beigetragen.

Heute sind es aber nicht wie damals bei den Toten Hosen nur ein paar frustrierte Jugendliche namens Alex, die aus Langeweile Streit mit egal wem suchen, heute sind es ansonsten aufrechte Bürger, treusorgende Ehemänner und Familienväter, ganz normale Menschen, die unversehens Menschen jagen gehen. Wenn man schwul ist, kann sich jeder Nachbar, jeder Kollege jederzeit und ohne Vorwarnung als Alex entpuppen, sogar für Eltern und Geschwister dürfte das gelten.

Eine gruselige Vorstellung, und ich weiß auch, woher mir das bekannt vorkommt, auch wenn es in Russland keine staatlich organisierten Deportationen oder Vernichtungslager gibt.

Überlebende des Holocaust dürften das Gefühl kennen, ebenso Überlebende anderer Völkermorde wie in Jugoslawien oder Ruanda. Erschütternd, dass ein eigentlich zivilisiertes Land wie Russland so etwas nicht nur duldet, sondern aktiv unterstützt. Obwohl, Kultur und Zivilisation haben den Holocaust auch nicht verhindert.

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Mein Mitgefühl gilt allen Russen, die in ihrem eigenen Land nicht leben können, weil man sie wie Ratten jagt und umbringt. Allen Russen, die vor der Wahl stehen, ihr Land wohl für immer zu verlassen oder sich dort in dauernder Lebensgefahr hinter irgendwelchen Fassaden verstecken zu müssen, wo jedes falsche Wort einen furchtbaren Tod bedeuten kann. Allen russischen Kindern, die in diesem Klima merken, dass sie nicht heterosexuell sind, die keinen Zugang zu Aufklärung, Rat und Hilfe haben, keine Anlaufsstelle, kaum eine Chance, Gleichgesinnte zu finden, vor denen sie nichts zu befürchten haben.

Auch wenn es düster aussieht, ich wünsche allen, dass die neuen Alexe sie nicht kriegen…

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In den Wald hineinrufen

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