Lebt in x, y und z

Erstaunlich viele Schriftsteller, Künstler, Musiker, Köche haben mehr als einen Wohnort. Meistens zwei, manchmal auch drei oder mehr. Woher ich das weiß? Wenn Zeitungen oder Zeitschriften eine solche Persönlichkeit porträtieren oder einen Artikel von so jemandem drucken, liefern sie oft einen kurzen Text über die Autorin mit. In ähnlicher Form gibt es das auch auf Klappentexten von Büchern und in Wikipedia.

Ganz oft enthalten diese Texte eine Formulierung dieser Art:

JANET EVANOVICH is the #1 bestselling author of the Stephanie Plum novels, (…) She lives in New Hampshire and Florida. (…) [Klappentext]

P. D. James is the author of eighteen books, most of which have been filmed and broadcast on television in the United States and other countries. (…) She lives in London and Oxford. [Klappentext]

Robert Theodor Betz (* 23. September 1953 in Troisdorf) ist ein deutscher Psychologe und Autor, der in München und auf Lesbos lebt. [Quelle]

Scholl-Latour lebt abwechselnd in seinen Wohnungen im Bad Honnefer Ortsteil Rhöndorf, Berlin und Paris und in einem Haus bei Nizza. [Quelle]

Martenstein lebt in Gerswalde (Uckermark) und in Berlin. [Quelle]

Botho Strauß lebt heute in Berlin und in der Uckermark. [Quelle]

Während Wikipedia oft einfach nur sachlich die Information mitteilt, wird auf Klappentexten u.ä. oft versucht, die jeweilige Person menschlich-zugänglich darzustellen. Da erwähnt man dann gern noch Kinder, Haustiere usw. Rachel Joyce lives in Gloucestershire with her husband and four children oder Victoria Thompson (…) lives in Pennsylvania with her family.

Aber mal im Ernst, wie habe ich mir das vorzustellen? Haben die tatsächlich in jedem der genannten Orte eine Wohnung oder ein Haus? Können die sich das leisten? Gut, John Grisham oder die Harry-Potter-Tante mögen ausgesorgt haben und können sich erstens eine handvoll Anwesen in aller Welt leisten und zweitens ihre Zeit mit Wohnen Leben in x und y verbringen. Aber die meisten Schriftsteller schaffen es nie in die Bestsellerlisten und werden kaum so viel Geld verdienen, dass die Schreiberei mehr als eine einigermaßen akzeptable Wohnung irgendwo abwirft. Dasselbe dürfte für Künstler gelten.

Wenn es also bei den wenigsten für die Villa in Biarritz reicht, für das Landhaus in der Toscana, das Chalet in St. Moritz oder wo man sonst schick und sichtbar residieren könnte, wie kommen die an ihre mehreren Wohnorte? Gut, Peter Scholl-Latour hat erstens französische Wurzeln und zweitens genug Geld für seine handvoll Absteigen. Aber die anderen? Sind die alle Mitglieder einer Art Wohnungstauschbörse, wo man gelegentlich mal ein, zwei Wochen in einer fremden Privatwohnung verbringen kann, während der Eigentümer auf Reisen ist?

Vielleicht haben Harald Martenstein und Botho Strauß einen Deal: Martenstein fährt einmal im Monat für ein Wochenende nach Berlin, um einzukaufen und Kontoauszüge abzuholen. Dabei steigt er in Strauß‘ Wohnung ab, während der gleichzeitig in Martensteins Wohnung in Gerswalde ein bisschen Landluft schnuppert und vielleicht die Ziegen füttert. Oder so ähnlich.

** * **

Und was soll das überhaupt? Schreiben kann man einerseits überall, wo ein Notizblock oder ein Notebook hinpasst. Andererseits arbeiten verschiedene Leute natürlich unterschiedlich, und besondere Orte zu bevorzugen ist sicher nicht abwegig. Wo man sich am wohlsten fühlt, dürfte die Muse besonders küssfreudig sein, egal ob es das Lieblingscafé um die Ecke ist oder eine bestimmte Weltgegend zu einer bestimmten Jahreszeit.

Das letztere könnte auch die mehreren Wohnorte erklären: Nizza im Winter, Paris im Herbst, Sommer in Bad Honnef, Frühlling in Berlin. Mehrere Wohnsitze in demselben Land könnten sich in dem Gegenüber von Stadt und Land rechtfertigen lassen: der eine zieht sich zum Schreiben in die Provinz zurück, weil er da Ruhe hat, der andere braucht Großstadtlärm, um klar denken zu können.

Auch familiäre Traditionen und Bindungen könnten bei der Ortswahl mitspielen. Wenn die Familie schon einen Wohnwagen irgendwo am Mittelmeer oder am Bodensee stehen hat, nutzt man den natürlich gern, auch wenn man sich ittelmeer bzw. Bodensee sonst vielleicht nicht unbedingt ausgesucht hätte.

Aber ob man jährliche Ferien am Mittelmeer schon als lebt [zuhause] und in [Ort am Mittelmeer] bezeichen kann, ist doch zumindest fraglich. Andererseits, wenn jemand in diesen Ferien schreibt/komponiert/malt, also arbeitet, wären es ja doch wieder keine Ferien im engeren Sinn. Und wenn diese Aufenthalte sich dann auf zwei oder drei Monate erstrecken (nicht alle sind an Schulferien gebunden), ist die Formulierung lebt [zuhause] und in [Ort am Mittelmeer] doch nicht so abwegig.

** * **

Ob es so ist, weiß man als Außenstehender natürlich nicht. Es bleibt ein winziges bisschen Restmisstrauen gegenüber der Marketingmaschinerie. Wer sagt denn, dass die Marketingleute nicht den jedes zweite Jahr anstehenden Trip nach New York (Verhandlungen mit dem amerikanischen Verleger, Auftritt auf einer Buchmesse, evtl. Entgegennahme von Preisen, daneben noch Einkaufen) zu lebt in x und New York hochjazzen?

Ich weiß natürlich nicht, ob das wirklich passiert. Vielleicht haben die Schriftsteller ja wirklich alle das Geld für mehrere echte Wohnsitze oder sonst Gelegenheit, regelmäßig und länger anderswo abzusteigen. Das sei den Leuten von Herzen gegönnt, und sogar wenn da Angeberei und Eitelkeit mitschwingen sollten, geht es mich ja eigentlich nichts an. Wer weiß, an welchen meiner unschuldigen Harmlosigkeiten sich andere stören? Aber es wirkt eben oft etwas gezwungen und prätentiös. (Warum wird das übrigens nicht prätenziös geschrieben, analog zu potenziell? Inkonsistent und verwirrend.)

Wirklich neue Erkenntnisse habe ich bei dieser Mäanderei eigentlich nicht gewonnen, die Welt habe ich auch wieder nicht erklärt, sehe mich aber bestärkt in meiner Meinung, dass die Menschen komisch sind, jeder auf seine Art. Um all die kleinen und großen Verwunderlichkeiten und Marotten der Leute kommt man kaum herum.

Wohl dem, der sich darüber nicht allzusehr ärgern muss, sondern sich amüsieren kann, ohne die Leute auszulachen. Weil ein bisschen merkwürdig sind wir doch alle…

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6 Kommentare on “Lebt in x, y und z”

  1. tinyentropy sagt:

    Höre ich da Neid heraus? 😉

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  2. gnaddrig sagt:

    Nö, nicht wirklich. Obwohl ich gegen ein, zwei Ferienhäuschen nichts hätte 😀

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  3. Olli sagt:

    Ich glaube, die erfolgreichen Autoren können sich durchaus ein extra Fleckchen an der Sonne Leisten, und wie du feststelltest, spricht da ja auch beruflich nichts gegen. Und dann je nachdem wieder ein Wohnsitz, wo man am Nerv der Zeit ist, Moloch Berlin zum Beispiel. Man will ja nicht vom Elfenbeinturm aus schreiben.

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  4. gnaddrig sagt:

    Klar, da habe ich auch nichts gegen. Es ist mir nur eben über Jahre immer wieder aufgefallen, und ich fand es schräg, darum dieser Artikel. So ganz wahnsinnig ernst ist das auch alles nicht zu nehmen. Wer weiß, wo und wie ich wohne, wenn ich mal berühmt bin. Grundsätzlich abgeneigt wäre ich ja wirklich nicht 😉

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  5. Pfeffermatz sagt:

    Also ich bekenne mich ganz offenkundig zu meinem NEID! Ich würde gerne den Winter über am Mittelmeer wohnen. Das kann ich mir aber mit meinen zwanzig Klicks am Tag leider noch nicht leisten, also verbringe ich große Teile des Winters in meinen anderen Zweitwohnsitz: das Büro.

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  6. gnaddrig sagt:

    Man braucht einfach nur eine gut ausgebildete Fantasie. Dann kann man sich jederzeit überallhinträumen und spart jede Menge Geld dabei 😉

    So wie sich das bisher anlässt, ist gnaddrig ad libitum sicher nicht der Weg zu Ruhm und Reichtum (war aber von vornherein auch gar nicht darauf angelegt).

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