Vorurteile

Moni Nielsen hat in ihrem Blog einen Artikel über blinde Flecken geschrieben. Darin denkt sie über Vorurteile nach, bei denen sie sich selbst ertappt, und überlegt, wie sie mit mit diesen Vorurteilen umgehen soll. Der Artikel endet mit diesen Sätzen:

Schämte ich mich an dem Abend? Ich schlug mir innerlich gegen den Kopf – gaats no! Aber schämen? Nein. Meine Vorurteile sind nicht schlecht, SOLANGE ICH SIE BEMERKE, nochmals hinschaue und revidiere. Und nur das Bewusstsein meiner blinden Flecken bringt mich dazu, mich regelmässig selber zu überprüfen.

Wer ganz sicher ist, keine blinden Flecken zu haben – schaut der denn nochmals hin?

Diese Schlussfolgerung gefällt mir sehr gut – keine Vorurteile zu haben ist wahrscheinlich gar nicht möglich. Vorurteile destillieren sich aus der eigenen Lebenserfahrung, die aus eigenen Erlebnissen, dem Verhalten der Eltern, Lehrer und sonstigen Bezugspersonen usw. besteht. Man wendet erworbenes Weltwissen ohne nachzudenken an und kommt dadurch zu nicht bewusst reflektierten Schlüssen, die mal mehr, mal weniger zutreffen.

Selbst wenn diese Vorurteile zu richtigen Schlussfolgerungen führen, ist das problematisch, weil man eben einfach regelbasiert Leute in Schubladen steckt, in denen sie dann oft genug fehl am Platz sind. (Wie unangenehm sich schon die Möglichkeit einer solchen Fehletikettierung anfühlt, habe ich neulich erst selbst erfahren.) Gerade zu negativen Urteilen über Leute sollte man, meine ich, durch möglichst informiertes und kritisches Abwägen gelangen, nicht durch den unbewussten Abgleich von ein paar oberflächlichen Merkmalen mit einer Tabelle im Kopf. Da dieses regelbasierte Einsortieren die konkreten Individuen nicht betrachtet, sollte man sich auf die Ergebnisse nicht blind verlassen.

Alle haben Vorurteile, das lässt sich nicht ändern. Aber man kann sich der Tatsache bewusst sein, dass man selbst nicht frei von Vorurteilen ist, dass man deshalb in der Gefahr steht, anderen Leuten dadurch Unrecht zu tun. Und man kann versuchen, sich selbst auf die Schliche zu kommen, diese Vorurteile zu erkennen und sie dann abzubauen oder die Urteile zu hinterfragen, die sich aus diesen Vorurteilen ergeben.

Ich finde die Fähigkeit, diesen Schritt zurück zu machen und die eigenen Entscheidungen mit ein wenig Abstand zu betrachten, sehr wichtig. Das ist etwas, das ich meinen Kindern unbedingt mitgeben will und etwas, das ich versuche, selbst auch möglichst zu praktizieren. Das war allerdings nicht immer so.

** * **

Meine erste bewusste Begegnung mit meinen eigenen Vorurteilen hatte ich bei der Bundeswehr. Nach dem Abitur habe ich die damals üblichen 15 Monate Wehrdienst abgeleistet, und eine prägende Erfahrung waren die ersten Tage. Wir waren irgendwas zwischen 50 und 100 Rekruten in einer Ausbildungskompanie, genau weiß ich das nicht mehr. Die ersten Tage haben wir im Trainingsanzug verbracht, alle mit neuen Kurzhaarfrisuren. Da fehlten 90% der normalen Identifikationsmerkmale – Kleidung, Frisur, Schmuck. Namensschilder kamen erst später.

Im Laufe dieser ersten Tage, bis man wenigstens die Belegschaft der eigenen Stube soweit kannte, dass man sie auf dem Gang wiedererkannte, haben wir uns also in einem Pulk weitestgehend gleich aussehender Fremder bewegt. Dass wir uns am ersten Tag teilweise in Zivil gesehen hatten, zählte nicht. Soviele Gesichter kann man sich nicht nebenbei merken. In Uniform waren wir also erstmal ziemlich anonym.

Und während dieser ersten Tage haben wir natürlich miteinander gesprochen, Zeit war genug beim Warten auf ärztliche Untersuchungen, auf die Ausgabe der Ausrüstung, auf irgendwelchen Papierkram usw. Dabei habe ich mit Leuten gesprochen, mit denen ich als braver und behüteter Abiturient in Zivil nie Kontakt gehabt hätte, und zwar weniger aus Hochmut, sondern mangels Gelegenheit. Da waren Sattler, Werkzeugmacher, Dreher, ein Maler und andere Handwerker, ein Landwirt, ein Physikstudent, ein paar Abiturienten, die wie ich hinterher studieren wollten, ein wehrmachtsbegeisterter Landser-Abonnent, ein reiches Söhnchen aus viel besserem Hause, ein Neonazi, ein schwuler Gärtner, ein angehender Lokomotivführer, ein Bürokaufmann, es war bunt gemischt.

** * **

Interessant und leicht verwunderlich fand ich es damals, dass ich mich mit vielen sehr gut verstanden habe, obwohl wir aus völlig unterschiedlichen Welten kamen. Und wenn ich nach Dienstschluss die Leute, mit denen ich da so gut zurechtkam, dann doch in Zivil sah, fand ich es fast merkwürdig, dass die so nett waren, obwohl sie aus ganz anderen Welten kamen als ich. Nicht dass ich etwas gegen die Leute gehabt hätte, aber den Kontakt außerhalb eines Dienstleistungsszenarios hätte ich von selbst nicht unbedingt gesucht. Oder besser gesagt, ich wäre gar nicht auf die Idee gekommen, mit diesen Leuten zu tun haben wollen zu können, und Gelegenheiten, sie kennenzulernen, hatte ich eigentlich auch kaum welche.

Mir war vorher gar nicht bewusst gewesen, wie sehr ich in meiner eigenen, erstaunlich engen Welt lebte, wie wenig ich von der echten weiten Welt wusste und wie voreingenommen ich doch gegenüber fast allen war, die anders waren oder lebten. Aber die Tatsache, dass ich mich gewundert hatte, mit all diesen Leuten so gut auszukommen, hat mich drauf gebracht, dass da irgendetwas komisch ist und ich vielleicht doch nicht der offene, unvoreingenommene und faire Mensch war, für den ich mich selbstverständlich gehalten hätte.

Das hat sich durch diese ersten Tage in der Ausbildungskompanie zwar nicht schlagartig geändert, aber die Erfahrungen dort haben dazu beigetragen, mir das bewusst zu machen, und in den Jahren darauf hat es sich tatsächlich geändert. Es fing mit der Erkenntnis an, dass ich in einer erstaunlich engen Welt und in einer ziemlich ausgeprägten Vorurteilsblase lebte, und dass das zu nachweislich falschen Urteilen über Leute führte. (Das war übrigens bei den anderen auch so – viele von den Handwerkern, erst recht eine Reihe von Unteroffizieren, hatten zunächst Vorbehalte gegen Abiturienten, die sich aber nach meinem Eindruck im Lauf der Wehrdienstzeit in den meisten Fällen Wohlgefallen auflösten, zumindest bezüglich konkreter Abiturienten in der Kompanie.)

Mit der Zeit ist dann die Entscheidung herangereift, dass ich mich nicht ungefiltert von solchen Vorurteilen leiten lassen will, sondern dass ich, soweit ich das kann, allen möglichst unvoreingenommen begegnen will. Ich bin weit entfernt davon, das zu meiner Zufriedenheit umzusetzen, aber wahrscheinlich wäre – da sind wir wieder bei Moni Nielsen – auch was faul, wenn ich das Gefühl hätte, in der Hinsicht angekommen zu sein, Perfektion erreicht zu haben.

Da gelten wahrscheinlich wirklich mal ein paar Kalendersprüche: Der Weg ist das Ziel, und man geht auch den längsten Weg Schritt für Schritt. Man nimmt dabei immer den nächsten Schritt, nicht den übernächsten. Man kriegt nichts geschenkt und kann sich selten bis nie auf irgendwelchen Lorbeeren ausruhen.

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3 Kommentare on “Vorurteile”

  1. tinyentropy sagt:

    Erst wenn man selbst mal im Ausland unterwegs ist, merkt man, wie schwierig es ist zurecht zu kommen und wie ungerecht viele Vorurteile sind, die wir fremden Menschen haben:

    http://tinyentropy.com/2012/03/06/in-einem-fremden-land-woruber-wir-deutschen-ofters-mal-nachdenken-sollten/

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  2. gnaddrig sagt:

    Stimmt, da steht man immer mit einem Fuß direkt am Fettnäpfchen.

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  3. […] also nolens volens bei der Bundeswehr. Grundausbildung in einer Kaserne am Rand einer norddeutschen Großstadt, dann alle miteinander versetzt in dieselbe […]

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