Geld macht sexy

Kürzlich habe ich im Schaufenster eines Hotels die folgende Stellenanzeige gesehen:

geld_macht_sexy

Dazu muss ich jetzt mal ein paar Anmerkungen loswerden: Geld macht in Wirklichkeit nicht sexy. Glücklich vielleicht, unter bestimmten Umständen, in gewissem Maß. Aber nicht sexy, die Idee ist nur eine Variante des Schönsaufens. Nur dass man hier nicht per Alkoholkonsum die eigene Wahrnehmung ändert und dann sogar Leute attraktiv findet, bei denen man sonst die Straßenseite oder gleich die Straße wechseln würde. Hier versucht man vielmehr, sich selbst durch Zurschaustellen der eigenen Finanzkraft in besseres Licht zu rücken, damit man von anderen Leute möglichst als attraktiv wahrgenommen wird.

Das ist natürlich Selbstbetrug – weder wird jemand Hässliches plötzlich hübsch, nur weil ich mir ordentlich was auf die Lampe gieße, noch werde ich plötzlich superattraktiv, bloß weil ich mit Talern um mich werfen kann. Während mancher die nüchtern als Kotzbrocken einsortierten Mitmenschen im Suff aber wahrscheinlich wirklich attraktiv genug findet, um mit ihnen ins Bett zu gehen, findet wohl niemand zahlungskräftige und -willige Säcke oder Tüten nur wegen der Finanzen wirklich attraktiv. Sie tun nur so, um an die Knete zu kommen.

** * **

Wenn sich trotzdem jemand mittels Geld sexy machen will, bitteschön. Bloß, auf 400-Euro-Basis? Das ist vielleicht etwas mager, ein bisschen sexier hätte man’s dann doch gern. Von 400 Euro kann man ja kaum die Miete bezahlen (für die Garage, wo das standesgemäße, durch 400-Euro-Jobs ganz sicher auch nicht finanzierbare Auto stehen sollte, könnte es u. U. reichen). Angemessen leben kann man davon schon gar nicht.

Und mehrere 400-Euro-Jobs parallel machen sicher auch nicht besonders sexy, schon weil man zu den interessanten Zeiten hinter der Theke rotiert oder sich in Security-Uniform irgendwo im Dunkeln frierend die Beine in den Bauch steht. Insofern ist der Slogan in diesem Zusammenhang gründlich daneben. Irgendwelche Ironie dürfte da auch nicht im Spiel sein.

Der Ausdruck „Arbeit am Gast“ gefällt mir dagegen ziemlich gut, das ist ein schön weit gefasster Begriff, der sicher auch, sagen wir, einen erweiterten Hostessen-Job adäquat und unanstößig beschreibt (auch wenn davon auf dem Plakat keine Rede ist). Sprachlich elegant…

Die Liebe zur Arbeit am Gast ist nach der Formulierung in der Anzeige allerdings verzichtbar. Dem Wortlaut nach reicht es, dass man eine der drei Bedingungen erfüllt: Entweder, dass man sich traut, sich der neuen Herausforderung zu stellen, oder dass man vom Fach ist, oder eben dass man die Arbeit am Gast liebt. Merkwürdig, aber die müssen selbst wissen, nach welchen Kriterien sie ihr Personal auswählen. Es scheint ja zu laufen, der Laden soll immerhin das erfolgreichste Barprodukt der Region sein.

Und da komme ich gleich zum nächsten Punkt. Was soll denn ein Barprodukt sein? Bars und Cocktails sind nicht so mein Ding, aber wenn, dann würde ich zum Trinken nicht in ein Barprodukt gehen wollen, sondern in eine Bar. Aber gut, wem eine schnöde Bar zu profan ist, der betreibt eben ein Barprodukt. Sollen sie. Anderswo gibt es statt Bäckereien ja auch Backerlebniswelten und so.

Ansonsten ist der Text erfreulich gut geschrieben, von der Grammatik her. Aber auch hier bewahrheitet sich wieder die alte Lektorenweisheit, nach der man einen Text nie fehlerfrei kriegt, egal wie oft und gründlich man ihn korrekturliest. Im Abschnitt zur Teamfähigkeit wird du und dir kleingeschrieben, im nächsten Absatz kommt Dich großgeschrieben daher. Beide Schreibweisen sind korrekt, aber man sollte sich für eine Variante entscheiden und die dann durchhalten.

** * **

Abschließen möchte ich mit einem kleinen Lob – endlich gibt es auf einem Werbeplakat, das mit Sex und Sexyness im weitesten Sinne wirbt, nicht einfach nur eine leichtbekleidete kurvige Frau mit Schlafzimmerblick, sondern auch einen ebenso leichtbekleideten knackigen Kerl mit – soweit man das sehen kann, die obere Gesichtshälfte ist nach guter Werbermanier abgeschnitten – Schlafzimmerblick.

Mit der ausgeschriebenen Stelle haben die so halbnackt alle beide nichts zu tun. Höchstens sollen sie zeigen, wie sexy man durch die Arbeit dort werden kann. Wenn der Arbeitgeber das ernst meint, dürfte Normschönheit kein Einstellungskriterium sein, auch kein verstecktes, denn die müsste sich ja bei der Arbeit quasi von selbst einstellen.

Immerhin in Sachen Sexismus kann man den Leuten wenig vorwerfen, zumindest keine Einseitigkeit, und das ist doch schonmal was…

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9 Kommentare on “Geld macht sexy”

  1. Nesselsetzer sagt:

    Dass Reichtum über die äußerliche Attraktivität der entsprechenden Person hinaus sexy machen soll, haben vor einiger Zeit britische Psychologen belegt. Die Liebe des Menschen basiert wohl tatsächlich auch heute noch auf wesentlich „profaneren“ evolutionären Grundlagen, als wir uns es wünschen…
    Siehe dazu
    http://www.heise.de/tp/news/Je-reicher-der-Mann-desto-haeufiger-sollen-die-Frauen-Orgasmen-haben-1987635.html

    Insofern machen 400€ nun wirklich nicht sexy, aber bestimmt 400tsd€ oder gar 4 Mio. 😉

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  2. gnaddrig sagt:

    Hm, das klingt aber doch arg wackelig, was da bei Heise zu lesen ist. Da besteht sicher noch Forschungsbedarf. Hat mal wer je 4 Mio. Euro für micheine ausreichende Anzahl geeigneter Versuchspersonen?

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  3. Nesselsetzer sagt:

    Solche Studien sind immer wackelig, aber dennoch ganz witzig. Ich frage mich dabei vor allem auch, wie es denn mit der Orgasmusfähigkeit bei Männern aussähe, wenn die Frau reich wäre. Ganz klischeehaft würde ich da eher an eine volle Garage mit teuren Fahrzeugen denken… 😉
    Falls Du die 4 Mio. zusammen hast, mache ich in jedem Falle mit. 2 Mio. für jeden von uns müssten für eine Vielzahl von … äh … Versuchspersonen ausreichen… 😉

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  4. gnaddrig sagt:

    Witzig schon. 2 Mio pro Kopf für den Anfang wäre ok, und je nach den Ergebnissen so einer kleinen Vorstudie könnte man dann eine zweite, größere Runde anleiern. Da wäre die Finanzierung u.U. auch einfacher 🙂

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  5. Nesselsetzer sagt:

    Die zweite, größere Runde kann aber auch nur eine Aufbaustudie für die dritte, weltweite Testreihe sein. Finanzierung dürfte dann gar keine Rolle mehr spielen… 😉

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  6. gnaddrig sagt:

    Klingt einleuchtend. Und Reichtum für alle ist ja eigentlich auch kein schlechtes Ziel. Bleibt die Frage, wo wir die ersten 4 Mio. herkriegen. Mein Banker würde sicher abwinken…

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  7. aargks sagt:

    Ich würd mich ja auch ganz selbstlos zur Verfügung stellen. Wem soll ich meine Kontodaten übermitteln?

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  8. gnaddrig sagt:

    Das sind wir noch am Klären. Wenn ich Näheres weiß, melde ich mich.

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  9. […] Genres, der guten alten Dorfgaststätte, bis in die feinsten Verästelungen des Zeitgeistes, vom gewollt stylischen Barprodukt bis zur minimalistischen Freilufttränke mit Selbstbedienung gibt es jede Menge Möglichkeiten, […]

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