Gegenteile

Es gibt ja eine ganze Menge Wörter, die per Vorsilbe in ihr Gegenteil verwandelt werden, zum Beispiel SinnUnsinn, spektakulärunspektakulär. Andere Wörter werden per Nachsilbe vergegenteilt: beispielhaftbeispiellos. Seltener wird zur Bildung eines Gegenteils auch eine Nachsilbe per Vorsilbe umgedreht: alltagstauglichalltagsuntauglich, aber das ist eher selten.

Manchmal haben sich die gegenteiligen Wörter auseinanderentwickelt und mindestens eines davon hat sich soweit verändert, dass man es nicht mehr als zugehörig erkennt. Das wirsch von unwirsch existiert zwar noch, heißt heute aber würdig und wird ohne etymologisches Wörterbuch nicht mehr als Ursprung von unwirsch erkannt. Weder die Aussprache noch die Bedeutung geben dem Uneingeweihten Anlass, einen Zusammenhang zwischen würdig und unwirsch zu sehen, und ich weiß es auch nur, weil ich es nachgeschlagen habe.

Es soll auch vorkommen, dass das Grundwort eines solchen Gegensatzpaares untergegangen ist und nur noch das per Vorsilbe gebildete andere Wort überlebt. Da fällt mir aber gerade kein Beispiel zu ein, also lasse ich das mal links liegen. Ansonsten kommt es vor, dass die Bedeutung mindestens eines der beiden Teile eines Gegensatzpaars sich seit der Wortbildung verändert hat: Unwetter ist nicht das Gegenteil von Wetter, es ist nur eine besondere Art Wetter.

Dann gibt es Adjektivpaare, bei denen mittels Vorsilbe ein Gegenteil gebildet wurde. Später hat eines der Adjektive eine Substantivierung durchlaufen, das andere ist im Adjektivischen zurückgeblieben. Den Hold aus Unhold zum Beispiel gibt es gar nicht, bzw. er existiert nur als Adjektiv, hold, und auch da ist er – freundlich gesagt – veraltend, de facto praktisch nicht mehr gebräuchlich. Ähnlich wie das mutierte Gegenteil Unhold auch.

Nicht immer kommen bei der Gegenteilbildung allerdings Vor- oder Nachsilben zum Einsatz. Manchmal werden Wörter mit gegenteiliger Bedeutung auch dadurch gebildet, dass man einen Wortbestandteil austauscht: langweiligkurzweilig, aufregenabregen, sinnvollsinnlos, und sinnleer gibt es auch noch, zwar nicht allzu häufig, dafür passt es aber besser ins Schema.

Und gelegentlich bleiben dann trotz allem Lücken im Wortschatz. Obwohl, nein, falsch, nicht im Wortschatz, weil es für die jeweiligen Gegenteile durchaus Wörter gibt. Die Lücken bleiben in der Wortbildungsmatrix, die ich mir unwillkürlich vorstelle. In dieser Matrix müsste zu jedem Wort mindestens ein durch eine der oben genannten Methoden gebildetes Gegenteil stehen, tut dies aber nicht. Das Gegenteil beispielsweise von langsam ist nicht etwa kurzsam sondern schnell, und das Gegenteil von schnell ist mitnichten unschnell, obwohl das natürlich korrekt gebildet ist und verwendbar wäre, sondern langsam.

Das Gegenteil von großartig ist nicht, wie man denken könnte, kleinartig, sondern, ja, weiß ich gar nicht. Doof vielleicht, unspektakulär, mittelmäßig oder langweilig, und mit artig/unartig hat das außer etwas Etymologie und mittlerweile ziemlich entfernten gemeinsamen Vorfahren auch nicht viel zu tun. Und das Gegenteil von Unterschied ist sicher nicht Terschied, sondern vielleicht Gemeinsamkeit.

Und das Gegenganze hat auch niemand je gesehen, genausowenig wie das Mitteil.

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6 Kommentare on “Gegenteile”

  1. Mit dem praktischen un- kann man Worte in Unworte, Tiere in Untiere, Geheuer in Ungeheuer und Getüme in Ungetüme verwandeln. Verirrt man sich auf der Flucht vor diesen in das falsche Gemach, droht Ungemach. – Und wenn die holde Maid jetzt nicht den Duden Bd. 7 aus der Hand legt, ist sie morgen früh unausgeschlafen. Ab ins Schlafgemach. 🙂

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  2. gnaddrig sagt:

    Ja, Duden ist gefährlich, da kann man sich lang drin aufhalten 🙂

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  3. tinyentropy sagt:

    Apropos Etymologie und Herkunft. Lernen wir hiermit auch etwas über Deinen Beruf? 😉

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  4. gnaddrig sagt:

    Ja, ist gelegentlich schon angeklungen: Übersetzer.

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  5. Pfeffermatz sagt:

    Nicht Untersetzer oder Übersteher? Moment…. ist „Untersteher“ als doppelte Verneinung von „Übersetzer“ womöglich also das gleiche? Gnaddrig, bist Du ein Untersteher? Und was oder wem unterstehst du?

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  6. gnaddrig sagt:

    Wenn, dann Untersteller oder -leger. Untersteher wäre ein denkbares Gegenteil von Übersitzer, und das bin ich ja nun wirklich nicht 😉

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