Rechtzeitig vorglühen

Bald ist wieder Fußball, genauer gesagt, Weltmeisterschaft. Da spielen Jogis Jungs auch wieder mit, und deshalb besteht für Deutschland natürlich unbedingter Mitfieberzwang. Sämtliche Spiele der Nationalmannschaft sowie die ihrer Gruppengegner, der möglichen Gegner im Achtel-, Viertel- und Halbfinale und besonders die der möglichen Finalgegner sind unbedingt live zu verfolgen. Idealerweise unter freiem Himmel vor riesigen Flachbildschirmen oder Leinwänden.

Mit diesen Public Viewings gibt es zwar ein kleines Problemchen – wenn viele Leute zusammen Fußball kucken wird es dabei meistens etwas lauter, und eigentlich darf nach 22 Uhr unter freiem Himmel kein organisierter Lärm über 40dB(A) mehr gemacht werden. Deshalb sind solche Veranstaltungen nach 22 Uhr normalerweise nicht zu genehmigen. Aber das Turnier findet nun einmal in Brasilien statt, mit vier bis sechs Stunden Zeitverschiebung. Viele Spiele werden deshalb überhaupt erst nach 22 Uhr MESZ angepfiffen und wären damit von vornherein nicht publicviewingfähig.

Und so geht das natürlich nicht! Unsere Ballkünstler brauchen alle Unterstützung aus der fernen Heimat, die sie kriegen können. Deshalb wird die in diesem Zusammenhang relevante Bundeslärmschutzverordnung für die Zeit der Weltmeisterschaft einfach ein bisschen zurechtgebogen und behutsam an die Gegebenheiten angepasst. Das sieht so aus, dass Fanmeilen für die Dauer des Turniers einfach zu Sportanlagen erklärt werden. Damit sind sie lärmschutzrechtlich anscheinend Sportstadien gleichgestellt, und man darf dort dann ganz legal bis in die Nacht lärmen, vorausgesetzt, in Brasilien wird noch gekickt bzw. die öffentlich-rechtlichen Sportexperten fachsimpeln nach dem Abpfiff noch ein wenig über die zuvor stattgehabte Balltreterei.

(Das mit den Sportanlagen ist übrigens gar nicht so abwegig wie es auf den ersten Blick aussieht. In den Fanmeilen findet einiges an sportlicher Betätigung statt. Da wird beispielsweise das Einarmige Reißen auf allerhöchstem Niveau trainiert, werden Stimmakrobatik und Hochleistungsjubeln nebst einigen anderen teils eher unappetitlichen Sportarten praktiziert, bei denen Körperflüssigkeiten und Gegessenes zum Einsatz kommen. Insgesamt werden dabei sicher viele, viele Kalorien umgesetzt, es kann also durchaus von einer körperlichen Ertüchtigung der Teilnehmer gesprochen werden.)

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Leute, die auch während der Männerfußballweltmeisterschaft aus irgendwelchen Gründen darauf angewiesen sind, nachts zu schlafen, müssen da einfach mit leben. Wo kämen wir auch hin, wenn einzelne Spielverderber mit ihren kleinlichen Sonderwünschen einer ganzen feierwütigen Nation den wohlverdienten Spaß verderben dürfte!

Sollen sich Bohnen in die Ohren stecken oder Urlaub in Finnland Finnlands Elf fährt nicht nach Brasilien, da wird dann kaum wer fußballbedingten Krach machen. Man hört allenfalls das Summen der Mücken. Egal, sollen sich halt nicht so anstellen, die Schlafmützen. Und die anderen sollen bitteschön feiern, dass die Schwarte kracht, dann erst recht.

Natürlich ist es dazu wichtig, das Fußballvolk mitzureißen. Die Stimmung solcher Großereignisse steht und fällt bekanntlich mit der Stimmung der Teilnehmer, und es soll ja ein schönes Turnier werden, sogar wenn „wir“ ausnahmsweise mal nicht Weltmeister werden. Um das Volk also rechtzeitig anzuheizen und in Stimmung zu bringen, wird eines der einschlägigen Fußball-Fernseh-Biere jetzt schon in nationalfarbig zurechtgemachten Dosen verkauft, gewissermaßen zum Vorglühen:

vorglühen

Wenn hier genug Bier durch die Kehlen geht, nehmen „wir“ den Gastgebern bestimmt im eigenen Land den Titel ab, und die Kasse soll ja am Ende auch stimmen. Von ferne weht es aus tausend Kehlen herüber: Prost, Doitschlandoitschlandoitschlant!

Dabei finde ich Fußball als Sport gar nicht so schlecht. Die Politik drumherum lasse ich mir aber völlig egal sein. Wer wo spielt oder trainert und welcher Verein jetzt welchem anderen Verein für wieviel Geld die besten Spieler abkauft, interessiert mich einen feuchten Kehrricht. Aber ein gutes Spiel anzuschauen macht schon Spaß. Da bieten Welt- und Europameisterschaften einen ganz guten Anlass, mal wieder ein bisschen Fußball zu schauen. Man hat eine schöne Spannungskurve, und nach einer recht überschaubaren Anzahl von Spielen ist dann auch wieder für eine Weile gut.

Wie gesagt, Spaß macht es schon, aber so wahnsinnig ernst muss man das meiner Meinung nach auch nicht nehmen. Und mit irgendwelcher nationalen Ehre hat das Abschneiden von Nationalmannschaften in solchen Turnieren schon gar nichts zu tun. Das ist Unterhaltung, kein Krieg (anders, als man in England weithin zu denken scheint).

Da finde ich das ganze patriotische Gepauke völlig verfehlt, das bei solchen Gelegenheiten immer öfter veranstaltet wird. Die ganze piefige Bundesrepublik steigert sich in einen schwarzrotgoldenen Rausch hinein. Wenn sie könnten, würden manche noch in den Nationalfarben scheißen. Das ist meistens albern, manchmal beängstigend.

Und auch wenn politisch rechtsaußen orientierte Gesellen die Nationalmannschaft in ihrer gegenwärtigen Form nicht so toll finden dürften (da laufen ja mittlerweile allerlei dubiose weil volksfremde Elemente mit, da gibt es Schwarze, Polen, Türken, und wer weiß, wer in Zukunft noch alles dazukommt), könnte dieses inflationäre Schüren hurrapatriotischer Gefühle diesen Leuten in die Hände spielen. Zumindest werden nationalistische Gefühlswallungen durch dieses schwarzrotgoldene Humbahumbatäterä gesellschaftsfähiger, und das gibt der braunrechten Fraktion dann mehr Gelegenheit, ihr Weltbild unauffällig unters Volk zu bringen.

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Ein paar schwarzrotgoldene Bierdosen für sich sind natürlich harmlos, zumal die meisten sowieso plattgetreten im Dreck landen (soviel übrigens zum angeblichen Respekt für die Farben des angeblich so verehrten Vaterlandes) oder Pfandsammlern ihr schmales Einkommen aufbessern. Aber ich sehe das als ein kleines Steinchen in einem Mosaik, von dem ich befürchte, dass es mir am Ende gar nicht gefallen wird.

Ich wohne gern in Deutschland, kann mir auch nicht vorstellen, dauerhaft anderswo zu wohnen oder etwas anderes als Deutscher zu sein. Aber das kann ich alles auch ohne schwarzrotgoldene Kronkorken und solchen Scheiß. Und meinetwegen kann Australien Weltmeister werden, oder Brasilien zum sechsten Mal. Oder vielleicht wäre Ghana mal dran. Hauptsache die Spiele sind spannend…

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2 Kommentare on “Rechtzeitig vorglühen”

  1. tinyentropy sagt:

    Eine Exfreundin von mir lebte mitten in der Stadt, sozusagen auf einer Fanmeile während der WM 2006. Ich kann mich erinnern, dass ich es schön gefunden haben all die Leute durch das offene Fenster hören zu können. Aber erstens hatte ich damals selbst keinen Stress und zweitens war es ja nicht mein ständiges Zuhause. Also verstehe ich schon, dass es für einige Leute eine immense nervliche Belastung sein wird.

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  2. gnaddrig sagt:

    Grundsätzlich störe ich mich nicht dran, wenn Leute kollektiv Fußball kucken und dabei laut sind, solange das nicht überhand nimmt. Aber diesen Sommer könnte es in der Hinsicht problematisch werden.

    2006 war deshalb nicht so schlimm, weil die Spiele in Deutschland stattfanden. Sogar bei den späten Spielen, die um 21 Uhr angepfiffen wurden, war um 23 Uhr meistens Schluss, und bis Mitternacht hatten sich die Fans dann in der Regel verlaufen. Dieses Jahr werden viele Spiele erst um 22 oder 00 Uhr angepfiffen, da wird es dann deutlich später. Und je nachdem, wie die Fanmeilen bewirtschaftet werden, kann das dann schon ziemlich lästig sein.

    Als meine Kinder noch klein waren, sind die morgens grundsätzlich gegen sechs aufgewacht. Und damit war ich dann zwangsweise auch wach. Da ist es dann schon bescheuert, wenn man wegen irgendwelcher Feten in der Nachbarschaft (und im Sommer hat man gefühlt jeden zweiten Tag sowas in Hörweite) bis zwei kein Auge zugemacht hat. Und ich habe nicht einmal einen Beruf, in dem ich aus Sicherheitsgründen sehr konzentriert sein muss. Ich kann am Schreibtisch halb auf Autopilot arbeiten, schlimmstenfalls unterlaufen mir peinliche Übersetzungsfehler. Aber bei meinem Busfahrer oder Zahnarzt hoffe ich schon, dass die gut geschlafen haben…

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