Morgen ohne Tee

Manche Leute brauchen morgens ihren Kaffee, um in die Gänge zu kommen, manche brauchen eine Zigarette, manche auch ein Bier oder eine kalte Dusche. Bei mir ist es Tee. Morgens trinke ich immer Tee. So gut wie immer. Jeden Morgen, spätestens beim Frühstück. Eine Tasse schwarzen Tee mit Milch und Kandis.

Es kommt aber vor, dass es nicht klappt mit dem Tee. Ganz selten zwar, aber es gibt sie, die Morgen ohne Tee. Wenn ich krank bin und mir der Magen allzu schräg hängt zum Beispiel. Oder wenn ich so gründlich verschlafe, dass ich beim Aufwachen dann jäh aus dem Bett springe, mir im Tiefflug meine Klamotten greife und mich auf dem Weg zum Bahnhof im Laufen umziehe (und auf dem Bahnsteig merke, dass mir eine Socke fehlt). Da ist für Tee natürlich keine Zeit.

Oder wenn ich unterwegs bin und in der jeweils verfügbaren Gastronomie die üblichen merkwürdigen Vorstellungen von der Zubereitung schwarzen Tees herrschen, sodass ich mir das Gebräu nicht antun mag. (Obwohl, neulich habe ich anlässlich eines Hotelfrühstücks mal einen der typischen, eigentlich überparfümierten Teebeutel-Earl-Greys in einem Metallkännchen riskiert. Der war wider Erwarten durchaus trinkbar. Hätte sicher keinen Preis gewonnen, war aber bei weitem nicht das Schlimmste, was ich unter der Bezeichnung Tee erlebt habe. Und, seien wir ehrlich: heiß und süß ist morgens die halbe Miete.)

Oder Tee wird gar nicht erst angeboten. In Krankenhäusern etwa gibt es meistens nur traurigen, dünnen Filterkaffee mit Kondensmilch. Schauderhaftes Zeug, erst recht wenn man ihn aus Verzweiflung überzuckert. In Jugendherbergen ist mir so Zeug auch schon begegnet. Und die Teebestände können dort schonmal aus einer großen alten Keksdose bestehen, in der Pfefferminz, Kamille, Salbei, generischer Schwarzer Tee, parfümiertes Zeugs und neuerdings oft auch Grüner Tee friedlich nebeneinanderhermodern. Natürlich schmeckt dann alles igendwie nach Pfefferminz. Da stoße ich an meine persönlichen Grenzen von heiß und süß ist morgens die halbe Miete und verzichte dankend auf ein heißes Getränk.

(Pfefferminzteebeutel zählen zu den penetrantesten Lebensmitteln überhaupt. Die versauen mit ihrem aggressiven Aroma alles, was nicht durch mindestens zwei luftdicht abgeschlossene Lagen Plastik und möglichst ein paar Zentimeter Luftraum getrennt ist; separate Frisch- und Abluftkreisläufe sind noch besser. Wenn man überhaupt Pfefferminztee braucht – braucht man aber eigentlich nicht – bewahrt man den am besten in splendid isolation im Kohlenkeller auf oder im Holzschuppen am anderen Ende des Gartens).

Oder ich komme rechtzeitig aus dem Bett, aber der Tee ist alle, weil ich vergessen habe, Nachschub zu besorgen, und von den kleinen Probetütchen aus dem Teeladen, die meistens in den dunklen Ecken des Vorratsschranks herumlungern, ist auch keins mehr da. Oder die Milch ist alle. Morgendlicher Stromausfall ist hierzulande selten, sei der Vollständigkeit halber aber auch erwähnt.

Morgen ohne Tee sind meistens nicht so gut. Ich versuche, sie nach Kräften zu vermeiden. Heute hat es geklappt, meine Teedose ist gut gefüllt, und frühe Termine habe ich über das Wochenende auch nicht. Für die nächsten Tage sieht es also gut aus in Sachen Tee am Morgen.

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9 Kommentare on “Morgen ohne Tee”

  1. Carmen sagt:

    Ich muss morgens auch Tee haben, einen guten Darjeeling, hell, duftend und viel. Leider ist die Teekultur in Deutschland unterirdisch. Gerade hat Rewe seinen einzigen losen Darjeeling aus dem Sortiment entfernt, Discounter hatten ihn noch nie im Programm. Weil ich auch schlechte Erfahrungen mit Teegeschäften in Frankfurt gemacht habe, bestelle ich jetzt wieder in einem Online-Teeladen.

    In Cafés bekommt man oft heißes Wasser im Kännchen hingestellt und den – gar nicht mal schlechten Ronnefeld- Teebeutel daneben gelegt. Das ergibt dann braunes Wasser, aber keinen guten Tee, wenn das Wasser nicht kochend übergossen wird.

    In Frankfurt war ich kürzlich positiv überrascht, das ausgerechnet das Café Nachtleben an der Konstablerwache weiß, wie man guten Tee kocht. Meine andere positive Teestunde war in Eisenach http://umamibuecher.wordpress.com/2011/10/23/eisenach-im-nebel/

    So, jetzt mach ich mir noch nen schönen Tee und esse Kekse dazu 😉

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  2. gnaddrig sagt:

    Mir liegt eher kräftiger Tee, Assam oder so. Manchmal auch Ceylon, aber das ist natürlich Geschmackssache. Das mit den Kännchen und dem (Nicht-)Aufgießen in Cafés und Restaurants ist ein leidiges Thema, darüber habe ich mich vor einer ganzen Weile auch mal ausgelassen, hätte ich eigentlich auch gleich verlinken können.

    Tee und Kekse ist eine gute Idee, das mache ich auch gleich mal 🙂

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  3. Nesselsetzer sagt:

    Als ich den Artikel zur Hälfte gelesen hatte war ich geneigt – wie das für einen Nesselsetzer so üblich ist – von meinem leckeren Pfefferminztee zu schwärmen, den ich gerne kräftig (mind. zwei Teebeutel auf eine große Kaffeetasse!) und süß mag, wobei ich zudem auch noch die billigste Sorte von Edeka bevorzuge, weil dieselbe am intensivsten stink… äh …. schmeckt.

    Nachdem ich den Artikel zu Ende gelesen habe, lasse ich das Schwärmen lieber, da ich zum Frühstück sowieso viel lieber eine Tasse lauwarme, fettreiche Milch und ansonsten nur starken Kaffee Marke Herztod trinke. Den Tee schnappe ich mir nur dann, wenn es entweder draussen kalt ist oder mich eine Erkältung heimsucht.

    Aber in einem hast Du recht:
    Die Packung mit den edel-penetrant riechenden Billig-Pfefferminzteebeuteln steht bei mir in dem Fach, in der auch die Brotzeitbretter untergebracht sind. Dort sind sie gut belüftet und Holz nimmt den Pfefferminzgeruch nicht so schnell an.

    Allerdings – und das ist der eigentliche Grund, warum ich mich mit den vielen Teesorten nicht anfreunden kann – hat Tee für mich keinen eigenständigen „Charakter“. Während Kaffee ja einen gewissen Grundgeschmack hat, den ich nur noch zwischen gut und schlecht unterscheide, weiss man bei einem Gespräch über „Tee“ ja erst einmal gar nicht, um welche wässrige Geschmacksrichtung es sich hierbei handelt. Das ist so ähnlich wie bei der Zucchini, die nach fast nichts schmeckt und erst mit den Gewürzen einen Geschmack erhält. Wenn mir also jemand einen Kaffee anbietet, weiss ich im Allgemeinen, worauf ich mich einlasse – oder auch nicht, wenn ich mich schon einmal eingelassen habe und der Kaffee mir zu durchsichtig war. Bei einem Tee ist die Chance, dass dessen Geschmacksrichtung (Ingwer finde ich z.B. ganz … äh … merkwürdig) oder dessen Durchsichtigkeit mir widerstrebt um ein vielfaches größer. Insofern verzichte ich zumeist gerne von vorne herein – es sei denn, der Gastgeber hat Pfefferminztee vom Edeka. 😀

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  4. gnaddrig sagt:

    Ok, man kann Pfefferminztee mögen, ich kenne einige, die das tun. Solange die nicht in Abrede stellen, dass das Zeug „abfärbt“ und dass nicht jedes benachbart gelagerte Lebensmittel von dem zusätzlichen Hauch Pfefferminzaroma profitiert, ist das auch ok 🙂

    Was den Unterschied zwischen Tee und Kaffee angeht, gebe ich Dir recht. Bei Kaffee weiß man eher, was einen geschmacklich erwartet, mal ganz abgesehen von Brühverfahren und Qualitätsunterschieden.

    Bei Tee weiß man zunächst mal gar nicht, ob tatsächlich von Schwarzem Tee die Rede ist oder von irgendwelchen Kräuteraufgüssen. Ohne gegen letztere wettern zu wollen, sie haben ja auch ihren Platz, haben die mit (Schwarzem) Tee natürlich geschmacklich nichts zu tun.

    Und sobar bei Schwarzem Tee gibt es Unwägbarkeiten wie parfümierte Sorten (mit Sahne-Karamell-Geschmack etwa, oder „Karawanentee“ mit Kameldungraucharoma, oder Kirsch-Vanille usw.). Wenn man die Frage „Willste’n Tee“ allzu unbedacht bejaht, riskiert man, irgendwelche Scheußlichkeiten vorgesetzt zu kriegen, die man dann wohl höflichkeitshalber auch wenigstens zum Teil zu sich nehmen muss.

    Es gibt sogar Sorten, denen ich Pfefferminztee vorziehen würde ;). Von daher ist Kaffee tendenziell geschmacklich sicherer…

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  5. gnaddrig sagt:

    Meine Frau meint eben, das Wort, dass ich zur Beschreibung von Tee als Getränkegattung suche, sei „entropieanfällig“. Eigentlich einleuchtend – es kann bei der Zubereitung jede Menge schiefgehen, laut Murphy wird es früher oder später auch schiefgehen und einen selbst betreffen, und je spezifischer die eigenen Vorstellungen vom richtigen Tee sind, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass man den zu einem gegebenen Zeitpunkt nicht kriegt bzw. zustandebringt.

    In dem Sinne könnte man Teezeremonien als Akt des Kampfes gegen die einschlägige Entropie interpretieren.

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  6. aargks sagt:

    Als Kaffeesüchtiger muss ich zwingend auch meine Bohne dazugeben. Ich sperre meinen Pfefferminzteebeutelkarton nicht luftdicht verpackt in den Keller – vielmehr genieße ich den Duft meines Schränkchens, in dem ich allerlei Gedöns aufbewahre, wenn es mit minzig entgegenströmt.

    Darum: „Freiheit für Pfefferminze!“ Ihr Teebeutelfolterer 🙂

    Im Übrigen: Bin derletzt über einen japanische Teezeremonieautomatismus gestolpert, kann ihn mir aber nicht so ganz leisten, das wäre doch was für Euch, oder? Klick: http://www.jadequell.de/der-jadequell/jadequell-teestation-schwarz

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  7. gnaddrig sagt:

    Jedem Tierchen sein Pläsierchen, aargks. Wer Pfefferminze mag, bitteschön, solang ich da nicht mit muss 🙂

    Und die Teemeistermaschine ist ja wohl der Abschuss. Mit Touchscreen und 1000jährigem Wissen der Teemeister. Und so günstig noch dazu, muss ich unbedingt haben 😉 Danke für den Link…

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  8. […] Teeladen geben sie an der Kasse meistens ein oder zwei Probepackungen Tee mit. Sie hoffen, der geneigte Kunde möge an der einen oder anderen neuen Teesorte Gefallen […]

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  9. gnaddrig sagt:

    Der von aargks verlinkte Jadequell ist, scheint’s, vergriffen. Wer weiß, ob das Angebot bald verschwindet. Um die großartige Teemeistermaschine vor dem Vergessen zu bewahren, habe ich die Seite einfach mal in die Wayback Machine gefüttert: Jadequell Teestation schwarz – Teezeremonie nach der Methode chinesischer Meister.

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