Ene mene miste

,Über das Sprachspektrogram 35 des Sprachlogs bin ich vor einiger Zeit auf den sehr interessanten Atlas zur deutschen Alltagssprache (AdA) gestoßen. Dort gibt es eine Karte der verschiedenen Namen für den sicheren Ort beim Fangenspiel im deutschen Sprachraum. Faszinierend, das.

Ich weiß, dass wir damals auch Fangen gespielt haben, bei uns hieß das allerdings Kriegen. Es gab dabei auch einen solchen sicheren Ort, aber wie der hieß, weiß ich nicht mehr. Aus? Ab? Pulle kommt mir vage bekannt vor. Von der auf der Karte verzeichneten Gegend passt das eher nicht, aber die Daten sind sicher auch nicht vollständig, oder Kinder haben beim Umzug von A nach B ihren regionalen Wortschatz mitgebracht, und der eine oder andere Ausdruck ist am neuen Ort außerhalb seines ursprünglichen Verbreitungsgebiets hängengeblieben.

Bei uns in der Nachbarschaft waren alle irgendwie zugezogen, aus einem Umkreis von (soweit ich weiß) bestimmt 500 km. Von wem ich das Spiel und damit den Ausdruck Pulle gelernt habe, weiß ich nicht mehr. Von meiner besten Freundin? Die war im Kindergarten und hatte einen ein paar Jahre älteren Bruder, von dem sie das auch gehabt haben konnte. Und der von seinen Freunden mit auch wieder älteren Geschwistern.

Oder werden solche Spiele von Eltern, Kindergärtnerinnen o.ä. an das Kleinvolk herangetragen? Ich war als Kind nicht im Kindergarten, die meisten meiner Freundinnen und Freunde aber schon. Da kann ich das auch indirekt von einer Erzieherin haben. Irgendwie muss die im AdA dokumentierte regionale Vielfalt (und, unterstelle ich mal: Kontinuität) ja zustandekommen. Andererseits, bei Verbreitung durch Erzieherinnen o.ä. würde ich eher erwarten, dass die das entsprechende Vokabular je nach Ausbildungsstätte und gelesenen Büchern erwerben und es dann eben nicht regional einheitlich weitergeben. Da müsste es oft sogar innerhalb eines Kindergartens Unterschiede geben, und die zitierte Karte des AdA müsste ganz anders aussehen.

Wie also werden Kinderspiele und Kinderreime überliefert? Wer hat sich Ene mene miste, es rappelt in der Kiste, ene mene meck und du bist weg überhaupt ausgedacht? Wo kommt die Variation ene mene muh und raus bist du her? Und wie kamen die dazu – hat da jemand absichtlich aus konkretem Anlass einen Abzählreim komponiert, oder hat sich das irgendwie gruppendynamisch entwickelt?

Wie alt sind solche Abzählreime, 50 Jahre? 150? 850? Und wie stabil ist der Wortlaut? Würden wir die Worte aus dem Mund von Walther von der Vogelweide oder Cædmon wiedererkennen? Vielleicht haben seinerzeit Thor und Odin mit einer gemeingermanischen Vorläuferversion ermittelt, wer wann mit dem Hammer spielen durfte? Ene mene schalla, es rappelt in Walhalla…

Advertisements

8 Kommentare on “Ene mene miste”

  1. lemony69 sagt:

    Ist ja interessant. Bei uns hieß das „Rulle“. Taucht aber auf der Karte gar nicht auf. Na ja, dafür hab ich 99 % der anderen Ausdrücke noch nie gehört. Wen haben die denn da repräsentativ für’s Ruhrgebiet gefragt?! Die kamen bestimmt alle aus Dortmund! 😉

    Gefällt mir

  2. gnaddrig sagt:

    Gute Frage, was die Daten angeht. Wenn ich das richtig verstehe, machen die ja keine repräsentativen Umfragen, sondern werten aus, was so reinkommt. Will heißen, wenn zufällig nur Dortmunder teilgenommen haben, ist der Rest des (sicherlich sprachlich nicht gerade aus einem Guss gemachten) Ruhrpotts unterrepräsentiert.

    Aber zum (unwissenschaftlichen) Rumstöbern ist das allemal sehr interessant, was in den Karten dort so auftaucht.

    Gefällt mir

  3. Pfeffermatz sagt:

    Meine echtaachener Kinder sagen „Hole“. Kannte ich vorher nicht…

    Gefällt mir

  4. gnaddrig sagt:

    Meine sagen nordbadisch Porte, ist mir hier zum erstenmal begegnet.

    Gefällt mir

  5. […] kennen könnten. Ein überlieferungstechnisches Rätsel, über das ich im Zusammenhang mit Abzählreimen schonmal nachgedacht […]

    Gefällt mir

  6. gnaddrig sagt:

    Eben ist mir noch so ein alter Bekannter aus Kindermund wiederbegegnet:

    Selber, selber
    lachen alle Kälber
    lacht der ganze Bauernhof
    und du bist doof

    Wie gesagt, die Überlieferungswege würden mich da sehr interessieren…

    Gefällt mir

  7. aurorula a. sagt:

    Ich habe bei Bill Bryson in irgendeinem Buch gelesen, eene, meene, mu sei einfach der Name der Zahlen 1,2, und 3 in irgendeiner ausgestorbenen Sprache.
    Wenn das stimmt ist die Antwort auf die Frage, wie alt Abzählreime sind schlicht: sehr alt.

    Gefällt mir

  8. gnaddrig sagt:

    Das mit eins, zwei, drei wirft natürlich die Frage auf, was miste bedeutet. Ich bin da skeptisch.

    Gefällt 1 Person


In den Wald hineinrufen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s