Schwarzer Tag, Rote Karte

Öffentliche Mitteilungen so wasserdicht zu formulieren, dass kein Schlaukopf eine Lücke und kein naseweiser Blogger was zu lästern findet, ist gar nicht so einfach. Ich denke da an die Hinweise, in denen ÖPNV-Unternehmen der werten Kundschaft mitteilen, dass es nicht gern gesehen wird, wenn jemand ohne gültigen Fahrschein mitfährt und man solches Verhalten deshalb durch eine Strafe von 40 Euro ahndet.

Das ist ein einigermaßen unangenehmes Thema und man bewegt sich dort auf vermintem Gelände – einerseits muss die Botschaft unmissverständlich formuliert werden, andererseits will man der Kundschaft nicht mit der pauschalen Unterstellung des Schwarzfahrenwollens auf den Schlips treten. Das führt zu gelegentlich recht gewundenen Formulierungen. Vierzig Euro seien viel Geld, heißt es da etwa, und nach den Allgemeinen Beförderungsbedingungen müsse man leider diesen Betrag von Fahrgästen erheben, die öffentliche Verkehrsmittel ohne gültigen Fahrausweis benutzen. Oft wird das um den Wunsch ergänzt, der Fahrgast möge sich für die 40 Euro lieber etwas Schönes kaufen und dem Personal des Transportunternehmens die unangenehme Aufgabe ersparen, diesen Betrag einzuziehen.

Das klingt fast so, als täte es ihnen leid, erwischte Schwarzfahrer um 40 Euro erleichtern zu müssen, dabei ist es ja das Nahverkehrsunternehmen selbst, dass diese Allgemeinen Beförderungsbedingungen formuliert und durchsetzt. Sie könnten also auch ohne diese Strafzahlung arbeiten, wenn sie wollten. Dann würden sie sich auch die (von ihnen selbst als unangenehm beschriebene) Arbeit ersparen, vom Schwarzfahrer 40 Euro einzutreiben. Dabei dürfte es für die meisten Schwarzfahrer erstens egal sein, ob die Firma Schwarzfahrer gern bestraft oder das nur widerwillig tut – das Geld ist so oder so weg, alles andere wird in dem Moment kaum interessieren.

** * **

Wie dünn die hier gepflegte Fassade besorgter Freundlichkeit ist, merkt man, wenn man mal aneckt. Vor Jahren habe ich die Bank gewechselt und vergessen, den Verkehrsbetrieben diese Änderung mitzuteilen. Da kam gleich nach dem nächsten Ersten ein recht kernig formuliertes Anschreiben, man werde keine Leistungserschleichung dulden, und wenn nicht bis dann und dann der Betrag eingegangen sei, den man wegen der ungültig gewordenen Bankverbindung nicht habe einziehen können, werde man erstens meine Jahreskarte stornieren und zweitens rechtliche Schritte einleiten.

Da wurde nicht erst nachgefragt, was denn los war, ob es sich um ein Versehen handelt oder so. Dass sich mal eine Bankverbindung ändert, ist ja so ungewöhnlich nicht. Wenn der Tonfall des Anschreibens typisch ist, wird es im Umgang mit Schwarzfahrern mit der Freundlichkeit nicht weit her sein. Das Bedauern über die unangenehme Aufgabe, 40 Euro zu kassieren, ist deshalb als reines Lippenbekenntnis zu werten. Und das wissen im Prinzip alle, oder sie vermuten es wenigstens. Da könnte man sich das Gebarme auf diesen Mitteilungen auch gleich sparen.

Manchmal tun sie das auch. Hier zum Beispiel kommen sie viel direkter zur Sache:

schwarzer_tag

Das ist schön straff formuliert: Wer keinen gültigen Fahrschein vorzeigen kann zahlt 40 Euro und kriegt u.U. strafrechtlichen Ärger. Einzige Frage: Wenn ich einen gültigen Fahrschein entwerte, ist er doch nicht mehr gültig. Wenn ich einen Fahrschein erst entwerten muss, damit er gültig ist, habe ich keinen gültigen Fahrschein gekauft, und müsste deshalb bei strenger Auslegung des Textes die 40 Euro abdrücken, hätte dafür aber den (durch Entwertung gültig gemachten) gültigen Fahrschein und könnte die 40 Euro deshalb natürlich behalten.

Das ist allerdings bloß wieder Haarspalterei. Der Text ist eindeutig und verständlich und alle sind zufrieden. Außer gnaddrig, aber der hat jetzt eine noch schnörkellosere Version desselben Hinweises entdeckt:

rote_karte

Da bleibt wirklich gar nichts mehr zu meckern. (Ist das jetzt der Pedantenhimmel oder die Pedantenhölle?)

Nachtrag (23. Mai 2014): Den Schwarzer-Tag-Aufkleber habe ich heute noch in blau gesehen mit identischem Text, aber der Überschrift Blauer Brief für Schwarzfahrer. Auch nicht schlecht. Die Rote Karte gefällt mir aber trotzdem am besten.

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5 Kommentare on “Schwarzer Tag, Rote Karte”

  1. lemony69 sagt:

    Da bleiben ja wirklich keine Hintertürchen offen.

    In dem Regionalzug mit dem ich regelmäßig fahre heißt es:
    „Wenn Sie diesen Text hier lesen und keine gültige Fahrkarte besitzen, kostet das 40 Euro.“
    Ich verstehe das so, dass ich auch ohne gültige Fahrkarte fahren darf, es aber um jeden Preis vermeiden muss, das Schild zu lesen, da ansonsten 40 Euro fällig werden.
    Ich bin nicht sicher, ob die Eurobahn sich das so vorgestellt hat… 😉

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  2. gnaddrig sagt:

    Kann ich mir nicht vorstellen, dass das wirklich so gemeint war. Das wäre ja unvereinbar mit dem ansonsten ja gültigen Grundsatz „Unwissenheit schützt vor Strafe nicht“. Allerdings sind Umkehrschlüsse dieser Art nicht zulässig. Daraus, dass man 40 Euro zahlen muss, wenn man ohne gültigen Fahrschein den Hinweis liest, lässt sich nicht schließen, dass man keine 40 Euro zahlen muss, wenn man den Hinweis ohne gültigen Fahrschein nicht liest. Man könnte Eurobahn höchsten vorwerfen, die Fahrgäste nicht vollständig zu informieren…

    Kann man die Schilder eigentlich auch vom Bahnsteig aus durch die offene Tür lesen? Dann wäre das noch bescheuerter, weil man dann ja noch keine Dienstleistung von Eurobahn in Anspruch genommen hat und deswegen keine Fahrkarte bräuchte.

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  3. lemony69 sagt:

    Also, ich hab heute Morgen mal drauf geachtet. Vom Bahnsteig aus kann man die Schilder nur mit viel gutem Willen sehen, Allerdings gibt’s auf den Schildern dann doch noch das obligatorische Kleingedruckte „Schwarzfahren ist kein Kavaliersdelikt bla bla, evtl. strafrechtliche Verfolgung blub blub, vor Fahrtantritt gültigen Fahrschein kaufen etc.
    Die machen es einem wirklich nicht leicht… 😉

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  4. gnaddrig sagt:

    Immerhin ist die Formulierung elegant, um die Leute anzusprechen. Hat was 🙂

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  5. […] unfreundlich, aber immerhin halbwegs klar und wasserdicht formulierter Aufkleber vorgestellt vorgestellt. Die schwarze Version hatte noch überflüssigen Ballast, die rote Version war knapp und auf den […]

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