Autos

Autos sind aus dem Alltag nicht wegzudenken, zumindest nicht im reichen Europa, und Länder wie Indien und China und weite Teile Südamerikas sind in Sachen Autodichte mächtig am Aufholen. Eigentlich sind Autos vor allem Transportmittel. Ganz oft haben sie aber dazu noch andere Rollen. Statussymbol etwa – wer sich ein Auto leisten kann, und sei es ein Tata Nano, hat es sichtlich zu was gebracht.

Wer ein Auto hat, kann fahren wohin er will, wann er will (jedenfalls im Prinzip; Fahrtüchtigkeit von Fahrer und Fahrzeug sowie Verfügbarkeit von Kraftstoff und befahrbaren Straßen ohne Stau mal vorausgesetzt). In wohlhabenderen Gegenden wird das Auto mehr und mehr zur Projektionsfläche für alles mögliche, zum Element und Vehikel der Selbstverwirklichung. Marke und Modell, Farbe, Ausstattung, Fahrstil werden zum Ausdruck der Persönlichkeit genutzt.

Viele haben daher eine sehr emotionale Beziehung zum Auto im Allgemeinen und zu ihrem eigenen im Besonderen. Dem Klischee zufolge verbringt mancher Mann mehr Zeit mit seinem Auto als mit der Familie, lässt dem Auto mehr Pflege und Zuwendung zukommen als Frau und Kindern und gibt auch mehr Geld dafür aus. Ich finde das reichlich absurd, aber ich wusste eigentlich schon immer, dass die Leute komisch sind.

Eigentlich sind Autos nämlich Werkzeuge, reine Transportmittel, die mich und das, was ich zu transportieren habe, zuverlässig und möglichst ohne Theater von A nach B bringen sollen. Dass Autofahren auch Spaß macht, ist eher Nebenwirkung als zentrales Merkmal. Gegen den Fahrspaß ist an sich natürlich nichts zu haben, Spaß ist zunächst eine gute Sache, davon gibt es sowieso viel zu wenig. Kritisch wird es aber, wenn Autofahren bzw. der Fahrspaß zum Selbstzweck wird.

Das führt letzendlich dazu, dass auf den Straßen zu viele übermotorisierte Raketen unterwegs sind, und zwar in den Händen von Leuten, die zu unreif sind, die Kisten verantwortungsbewusst zu bewegen. Ich spreche hier von Autos, die oft mit den Paraphernalia von DTM-Boliden daherkommen, also tiefergelegt sind, auf extrabreiten Gummiwalzen rollen, 5-Punkt-Gurte haben, Rennschalen statt normalen Sitzen, manchmal sogar eingebaute Stahlrahmen usw. Und solche Geräte werden dann oft genug auch entsprechend gefahren. Man schaue sich auf den Straßen um – viele Leute fahren, als gäbe es kein Morgen, als wären sie allein auf der Piste.

Rücksicht oder die Sicherheit der übrigen Verkehrsteilnehmer spielen augenscheinlich eine, freundlich gesagt, nachrangige Rolle in der Gedankenwelt dieser Rennfahrer. Außerdem, bin ich sicher, überschätzen sich diese Leute oft erheblich. Auch Vielfahrer in großen Limousinen halten sich gern für bessere Fahrer, als sie wirklich sind, bzw. sie glauben, ihre Kiste zu beherrschen, dabei kann es bei Tempo 220 ganz schnell gehen mit dem Kontrollverlust, auch in einer S-Klasse oder einem 7er, und sei es nur, weil jemand anders unvorhergesehen agiert und dem Schnellen vor den Kühler schlenkert.

Von den Folgen kann jeder Feuerwehrmann, jeder Rettungsassistent, jeder Notarzt das eine oder andere Lied singen, begleitet vom Chor der Verkehrspolizisten, die Tag für Tag mehr oder weniger uneinsichtige Raser aus dem Verkehr pflücken, bevor sie sich und andere zerlegen.

Sie sind überall, es werden immer mehr. Leute fahren Auto, obwohl das in vielen Fällen unsinnig ist wegen allgegenwärtiger Staus oder lächerlich kurzer Strecken. Zu allem Überfluss fahren die meisten allein im Auto, das heißt drei Viertel der Transportkapazität wird ungenutzt über die Straßen geschaukelt. Das kostet den Einzelnen Geld, das viele aber gern ausgeben, weil sie sich damit Unabhängigkeit kaufen. Es belastet aber auch die Allgemeinheit durch höheres Verkehrsaufkommen, mehr Abgase, mehr Lärm, mehr Unfälle.

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Während (Achtung, hier kommt ein Anflug von Nostalgie mit einer sanften Früher™-war-alles-besser-Note), während also Autos früher oft ein gewisses Maß an Charakter hatten, ist für Eigenwilligkeit und Skurrilität heute kaum mehr Platz. Mancher berühmte automobile Charakterkopf würde es heute niemals in die Serienproduktion schaffen. Man denke nur an das Schlaglochsuchgerät BMW Isetta, den VW Fridolin, so manches frühe Modell aus den Häusern Saab und Volvo.

Es gab auch immer wieder Autos, die ihrer Zeit weit voraus waren, etwa der Citroën Traction Avant aus den 30er Jahren, der wesentliche Neuerungen in Federungstechnik, Karosseriebau und Lenkung brachte und nach dem Krieg lange weitergebaut wurde, oder der NSU Ro80 (und sein kleiner Bruder, der als K70 von VW gebaut wurde), oder der Citroen DS, der wie von einem anderen Stern gekommen durch die Straßen schwebte.

Das ist aber lange vorbei. Aus verschiedenen Gründen werden die Autos (zumindest gefühlt) immer uniformer. Die meisten sehen aus wie eine Mischung aus abgelutschtem Seifenstück und Blink-Pieps-Spielzeug in Neo-70er-Science-Fiction-Ästhetik, können alle ziemlich dasselbe und unterscheiden sich oft nur in Details (und das nicht nur bei markenübergreifenden Plattformkonzepten wie denen von VW, Audi, Skoda und Seat).

Moderne Autos sind natürlich technisch und v.a. in Sachen Sicherheit und Ergonomie um Längen besser als die Rappelkisten vergangener Jahrzehnte, aber eben auch überwiegend langweilig. Kein Wunder, dass die Retrowelle durch die Fahrzeugflotte schwappt. Man versucht, an alte Charaktermodelle anzuknüpfen, obwohl der neue Käfer von VW, der neue Fiat 500 oder der neue Mini Cooper trotz aller Knuddeligkeit, trotz aller gelungenen Stilzitate doch auch dieselbe blasse Langweiligkeit besitzen wie fast alle modernen Autos.

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Da ist es nicht verwunderlich, dass manche Leute sich ihre Autos anderweitig aufhübschen, um aus dem immergleichen Einerlei auszubrechen. Und wo sich das nicht in rohen Pferdestärken oder sichtbar kostspieligen aber letztlich langweiligen Tuning-Orgien äußert, wird es manchmal interessant.

Da war etwa der Citroen CX im Steampunk-Look, den ich vor zehn Jahren mal gesehen habe: Komplett ohne Lack, alle Blechteile flächendeckend mit Mustern aus narbenartig aussehender Schweißnaht verziert, alles gleichmäßig rostig. Ich habe leider kein Foto von dem Auto, und mittlerweile ist das Schiff sicher nicht mehr auf der Straße.

Oder der amerikanische Straßenkreuzer aus den 70er Jahren, Cabrio, lila Lack mit Rost- und Gammelflecken, vielfach geflicktes, durchhängendes, ursprünglich cremeweißes Verdeck, halbblinde Scheinwerfer, insgesamt ein Bild sorgfältig kultivierten Verfalls, und hinten drauf der Aufkleber Eure Armut kotzt mich an. Davon habe ich leider auch kein Foto. Der H-Milch-getriebene Lastesel kommt da bei weitem nicht mit, und anders als bei dem eben erwähnten Straßenkreuzer ergibt einfach vergammeln lassen meistens keine befriedigenden Ergebnisse.

Eigenbauten und andere automobile Spezialfälle, wie sie aufgrund anderer (oder fehlender) gesetzlicher Vorgaben in manchen Teilen der USA gelegentlich vorkommen, sind hier im Interesse der Verkehrssicherheit nicht zulassungsfähig, wären aber sicher unterhaltsamer als die ganzen langweiligen tiefergelegten Kleinwagen, die schwarzverglasten Limousinen, die hässlichen SUVs oder die – immerhin individuell und aufwändig hergerichteten – Bonbons auf Rädern

 

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2 Kommentare on “Autos”

  1. Pfeffermatz sagt:

    Das „abgelutschte Seifenstück“ ist ein wundervoll böses, mehrfach abwertendes Bild. Bravo zu diesem metaphorischen Kunststück! Ich werde kantenfreie Autos nie wieder ohne schmunzelnden Würgreiz anschauen können 😉

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  2. gnaddrig sagt:

    Dann verpufft meine Schreiberei hier immerhin nicht im leeren Raum. Freut mich 🙂

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