Einschläfern oder was?

Betriebswirtschaftliches Denken wird heutzutage immer wichtiger und durchdringt alle Bereiche des Alltags. Regierungen deregulieren alles mögliche nach Kräften, auf dass der Wettbewerb uns das Himmelreich auf Erden bringe und durch das segensreiche Wirken „der Märkte“ alles, alles gut werde.

Dabei schaffen sie (wie ich meine: sehenden Auges – da sitzen ja keine Schrebergärtner, sondern überwiegend Ökonomen und Juristen) Bedingungen, unter denen Vernunft und Anstand zwangsläufig auf der Strecke bleiben, weil die nächsten Quartalszahlen und die gute Meinung der Analysten wichtiger sind als dieser ganze soziale Schnickschnack wie gerechte Bezahlung, menschenwürdige Arbeitsbedingungen und so. Man will (oder muss) in möglichst vielen Bereichen möglichst viel Leistung für möglichst wenig Geld bekommen und optimiert darum an allem herum. Spielräume und Kapazitätspuffer werden systematisch ausgemerzt, um die Ressourcen bestmöglich auszunutzen.

Das Ergebnis sind kaputtgesparte Firmen, die wie Zombies durch den Sumpf stolpern. Da wäre etwa die Deutsche Bahn mit ihren ständig kaputten Zügen, einfrierenden Weichen, fehlenden Stellwerkern, verrottenden Brücken usw. Oder Telefonfirmen, die ihren Kundendienst weitgehend eingestellt haben (die eigens beauftragten Callcenter sind oft kaum mehr als ein Alibi; wer schon einmal bei fast egal welchem Telefon- oder Internetanbieter in der Warteschleife verreckt ist, wird wissen, was ich meine). Versicherungen, die ihre Beiträge aus Wettbewerbsgründen soweit gesenkt haben, dass sie für die Regulierung von Schadensfällen kaum noch das Geld haben und die deshalb gegen jeden noch so berechtigten und dringenden Anspruch mit Zähnen und Klauen vorgehen.

Vielfach lässt man Kunden systematisch auflaufen und verprellt sie lieber, als sich teure Mühe mit wenigstens halbwegs akzeptablem Service zu machen. Die zum Teil eklatanten Mängel in Sachen Kundendienst kaschiert man durch ausufernde Lobbyarbeit, großzügige Werbebudgets und Berufung auf Regularien aus Berlin und Brüssel.

Was für gewinnorientierte Wirtschaftsunternehmen, die in betriebswirtschaftlichen Kategorien denken, in gewissen Grenzen legitim und sinnvoll sein mag, wird spätestens da absurd und schädlich, wo man versucht, nicht monetär erfassbare Dinge betriebswirtschaftlicher Logik zu unterwerfen. Die Auswüchse davon raffen gerade unser Gesundheitssystem dahin. Die Budgets der Ärzte für die Abrechnung von Behandlungen werden immer knapper und unrealistischer, sodass eine sinnvolle hausärztliche Betreuung sogar dort schwierig ist, wo es genug Ärzte gibt. Krankenhäuser werden gezwungen, Patienten nach rein betriebswirtschaftlichen Kriterien als Behandlungsfälle zu erfassen und abzuarbeiten. Gleichzeitig werden mehr und mehr Krankenhäuser von gewinnorientierten Investoren betrieben.

In der Folge haben die Menschen, die als VZÄs in Krankenhäusern arbeiten, zunehmend Schwierigkeiten, die Menschen, die hinter den Behandlungsfällen stecken, angemessen und menschlich zu betreuen, ohne auf eigene Kosten Überstunden zu leisten. Das alles, weil irgendwelche Betriebswirte ohne einschlägiges Fachwissen (und mutmaßlich ohne nennenswertes Interesse an Menschen überhaupt) ihnen unmenschliche und realitätsfremde Standards vorgeben.

Noch schlimmer ist die Altenpflege betroffen. Die pro Patient und Tag erlaubte Zeit reicht kaum für das mechanische Abarbeiten des Maßnahmenkatalogs, jede noch so kleine Besonderheit führt zur (nicht bezahlten) Zeitüberschreitung. Ambulante Pflegedienste haben zusätzlich mit Verkehr und Parkplatznot zu kämpfen; Fahrzeiten von Patient zu Patient sind in der Regel so unrealistisch knapp kalkuliert, dass die Leute Tag für Tag jede Menge unbezahlte Zeit zubuttern müssen, um ihre Patienten bedienen zu können. Auf die Patienten persönlich einzugehen, mehr als anderthalb Worte abseits der konkreten Pflegeaktivitäten zu wechseln ist da nicht drin.

Während, wie ich jetzt gelesen habe, für die sogenannte Große Morgentoilette (das ist Hilfe beim Aufstehen, Waschen, Anziehen, Frisieren) ursprünglich 45 Minuten vorgesehen waren, müssen die Pflegekräfte ihre Pflegefälle (sic!) jetzt typischerweise in 20 Minuten durch dasselbe Programm hetzen. Man kann sich vorstellen, wie gut das klappt und wie glücklich die alten Leutchen über den Zeitgewinn sind.

Wir pflegen unsere Alten und Kranken nicht, wir verwahren sie vielfach nur noch, so gut es eben geht. Menschenwürde ist zweitrangig, Hauptsache, die Kasse stimmt. Weil gerade die Altenpflege in einer Gesellschaft mit niedriger Geburtenrate und steigender Lebenserwartung immer mehr Ressourcen fordert, wird sich das Problem in Zukunft mit Sicherheit noch drastisch verschärfen – mehr Pflegebedürftige, weniger arbeitsfähige Leute, die sie pflegen können.

Wenn nun aber Bedarf und Angebot an Ressourcen allzuweit auseinanderklaffen, müssen radikale Maßnahmen zur Kosten-Nutzen-Optimierung her. Viele Pflegebedürftige und da v.a. die Dementen haben ja nichts mehr vom Leben. Die letzteren kriegen überhaupt nichts mit, die wissen ja noch nicht einmal, wie sie heißen und erkennen ihre eigenen Kinder nicht mehr. Wozu soll man die noch teuer durchfüttern und pflegen? Ich sehe es fast schon kommen, dass in ein paar Jahren irgendein zahlenhöriger Rotzlöffel vorschlägt, alte Leute nach der Diagnose Demenz zur Entlastung der Sozialkassen gleich einzuschläfern.

** * **

Und, so sehr die Kasse am Ende stimmen muss, so wenig sich es Einzelpersonen wie Firmen wie Gemeinwesen erlauben können, dauerhaft mehr Geld auszugeben, als sie hereinbekommen, so tragisch ist es, wenn sich alles immer mehr diesen finanziellen Interessen unterzuordnen hat. Diese kompromisslose, allumfassende betriebswirtschaftliche Denkweise ist das Goldene Kalb unserer Tage. Die meisten tanzen drumherum, sie beten es förmlich an und opfern so ziemlich alles auf seinem Altar. Leider ist die Welt, die wir dabei schaffen, weit davon entfernt, die Versprechen der Marktfetischisten zu erfüllen. Im Gegenteil werden zivilisatorische Errungenschaften im Interesse hübscherer Bilanzen und zugunsten der Geldbeutel einiger weniger gnadenlos demontiert.

Die Finanzierung offensichtlich unverzichtbarer Dinge wie Altenpflege (und Krankenhäuser, Schulen, Feuerwehr usw.) muss sichergestellt sein. Ich habe keine Lösung dafür, wie das geschehen soll, und das ärgert mich. Ich weiß nicht, welches Geld dafür genommen werden soll, und das ärgert mich auch. Ich fürchte, die Politiker wissen es auch nicht, und das ärgert mich noch mehr.

Aber so, wie es derzeit läuft, fährt der Karren an die Wand, und unsere Kinder erben dann ein marodes, baufälliges, möglicherweise überdimensioniertes Monstrum anstatt eines vielleicht bescheideneren, dafür aber halbwegs in Schuss gehaltenen und benutzbaren Gemeinwesens. Wir bauen eifrig an einer unmenschlichen Welt, in der niemand leben will, der auch nur halbwegs bei Verstand ist, jedenfalls nicht allzu lange…

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2 Kommentare on “Einschläfern oder was?”

  1. bertrandolf sagt:

    Ja, zwangsläufig ist das die Richtung. Auch intressant, die Ursache ist schon länger bekannt:
    https://de.wikipedia.org/wiki/Kostenkrankheit

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  2. […] Dann ist da noch die Altenpflege. Gehört nicht direkt hierher, läuft aber genauso: Geld für menschenwürdige Pflege ist nicht da. In der Folge werden den Pflegenden völlig unrealistische Arbeitspensen vorgegeben, werden die Gepflegten von dauerhaft überlasteten Pflegekräften oft eher schlecht als recht versorgt. Und alle miteinander werden dadurch entwürdigt und verheizt. […]

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