Teleportation – wie es wirklich wäre

Es kommt ja immer wieder vor, dass man irgendwohin muss oder will, und dass man Sachen mitnehmen muss oder will, und dass es beschwerlich ist, dorthinzukommen. Der Weg ist weit, es regnet und das Fahrrad hat ’nen Platten. Die Busse fahren unregelmäßig oder machen riesige Umwege, der Weg von Ulm nach Stuttgart führt dann schon mal über Kiel. Blärgs.

Da wäre es praktisch, sich per Maschine überall dort hin beamen zu können, wo man hinwill. Koordinaten oder Adresse oder als Google-Suche formulierte Zielangabe eingeben und los geht’s.

Das würde in vielen verschiedenen Situationen ungeahnte Möglichkeiten eröffnen und jede Menge Zeit sparen. Das Klingeln zur 1. Stunde fängt eben an? Ein Knopfdruck, und das Kind sitzt brav und rechtzeitig im Klassenzimmer. Besprechungen, Zahnarzttermine, Zugabfahrten, alles kein Problem mehr. (Zug fahren würde man sowieso nur aus Nostalgie, man könnte sich ansonsten ja auch gleich an den Zielort beamen.)

Es wäre sicher möglich, bereits verfügbare App-Technik einzubinden, um damit etwa den nächsten Bäcker, das nächste Café oder Kino zu ermitteln und anzusteuern. Man gäbe einfach an, welchen Film man wann und in welcher Sprache sehen möchte, und die Maschine beamt einen dann in das nächste Kino, das die Anforderungen erfüllt, ganz egal, wo das ist. Der Eintrittspreis könnte ganz einfach über eine App abgebucht werden.

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Man müsste nur aufpassen, das ganze auch sauber einzurichten. Man muss beispielsweise dafür sorgen, dass keine zu ungenauen Zielangaben möglich sind, sonst können bedauerliche Missgeschicke passieren. Auch die Zahl der Iterationen sollte standardmäßig auf 1 begrenzt werden, für jeden Neuversuch sollte die App die ausdrückliche Erlaubnis des Nutzers einholen müssen.

Die auf den ersten Blick harmlose Eingabe Ich will ins Kino könnte sonst dazu führen, dass man nacheinander durch alle zu dem Zeitpunkt offenen Kinos gebeamt wird. Je nachdem, wie schnell die Maschine ist (für die Portation benötigte Zeit, für die Rematerialisation benötigte Zeit, Mindestverweildauer nach Portation) könnte man mehrere Kinos pro Minute (Sekunde?) durchlaufen.

Das würde zu ganz erheblichen Kosten führen – alle besuchten Kinos buchen ja den Eintritt ab – und wäre sicher auch nicht gesund. Wenn es ganz dumm kommt, kann man das Gerät während des Beamens gar nicht bedienen, und wenn die Mindestverweildauer kürzer als die Reaktionszeit ist, könnte man auch während eines der vielen Kinoaufenthalte nicht auf Stop drücken, sodass man von da an so lange durch die Kinos der Welt flickert, bis das Konto leer ist und der Dienst gesperrt wird.

Und ganz abgesehen von Fehlern bei der Konfiguration des Systems sind ja auch echte Fehlfunktionen denkbar. Ein Bug in der Rematerialisations-Engine etwa könnte dazu führen, dass das Gerät kurz vor Abschluss der jeweiligen Rematerialisation abbricht und neu beginnt. In der Folge wäre der Benutzer am Zielort als flackernde, möglicherweise blass wirkende oder durchscheinende Gestalt sichtbar.

Bei Macken in der Navigation könnte der flackernde Benutzer auch um den Zielort oszillieren oder plötzlich den Standort wechseln. Eine fehlerhafte oder wackelige Datenbankanbindung könnte auch dazu führen, dass falsche Datensätze abgerufen werden, woraufhin der Benutzer in anderer Gestalt rematerialisiert würde oder nach Rematerialisation plötzliche Gestaltwechsel durchläuft. Je nachdem, welche Benutzerprofile das Gerät gespeichert hat, könnte das witzig bis peinlich werden.

Und von der Möglichkeit, dass solche Geräte gehackt und fremdgesteuert werden, haben wir noch gar nicht angefangen. Man stelle sich vor, irgendwer Böswilliges sei in den Dienst-Beamer der Bundeskanzlerin eingedrungen…

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So könnten sich, ganz nebenbei bemerkt, übrigens eine Reihe der immer wieder kolportierten Spukereignisse erklären. Vielleicht hat ja wer schon sowas gebaut und solche technischen Probleme gehabt bzw. vergleichbare Bedienfehler gemacht. Vielleicht haben irgendwelche Aliens ein Maschinchen auf der Erde vergessen, jemand hat es entdeckt, damit herumgespielt, ohne sich auszukennen, und geistert seither um den Erdball wie Huibuh, das Schlossgespenst, durch König Julius‘ modrige Hallen.

Goethe hat möglicherweise schon eine Vorahnung gehabt. Immerhin hat er seinem Zauberlehrling bedeutungsschwangere Worte in den Mund gelegt, die unser flackernder Powerspuker vermutlich ganz ähnlich denken würde, wenn er denn mal eine halbe Sekunde Muße zum Denken hätte:

Herr, die Not ist groß!
Die ich rief, die Geister
Werd ich nun nicht los.

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6 Kommentare on “Teleportation – wie es wirklich wäre”

  1. Pfeffermatz sagt:

    Und keine Fußgängerampeln mehr – denn mann könnte sich ja rüberbeamen. Ach, Unsinn, es gäbe ja keine Straßen mehr zum überqueren! Es gäbe überhaupt kein Verkehrsnetz mehr, dann alles transportierungswürdige (ob Menschen oder Güter) würde gebeamt. Damit wären völlig neuartige Stätdte-Archtiketuren möglich…
    Und wieder zu kurz gedacht – denn es gäbe keine Städte mehr – wozu sich irgendwo ballen, wenn sofort überall sein kann? Geographische Entfernungen würden vollkommen ihre Bedeutung verlieren, und die Menschen würden sich eher gleichmäßig verteilen, wobei beliebte Landschaften und angenehme Klimazonen eine dichtere Besiedlung als andere hätten.
    Uns es gäbe keinen unterschied mehr zwischen online-Shoppen und realem Einkaufen mehr: Smachtfon an, Schuhe anschauen, sich dann wahlweise in den Schuhladen teleportieren lassen (der sonstwo sein kann, mann wird es nicht mal wissen) oder die Schuhe zu einem beamen lassen – je nach Lust und Laune. Ausprobieren, zipp zapp ringelding – der Amazon-Algorithmus beamt dich dann ungefragt zu einer Outdoorjacke-Filiale in Grönland, weil Leute-die-diese-Schuhe-gekauft-haben-haben-häufig-diese-Jacke-gekauft. Usw.
    Ich freue mich darauf, werde diesen Zivilisationsschritt allerdings vermutlich nicht mehr mitkriegen – außer das Sehr-viel-länger-leben-Pulver kommt in den nächsten Jahrzehnten auf den Markt.

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  2. gnaddrig sagt:

    Stimmt, damit würde sich das Problem der ins Unermessliche wuchernden, praktisch unkontrollierbaren Megacitys weitgehend erledigen (und das der überbordenden Retouren im Versandhandel ganz nebenbei auch). Dafür würde die Zersiedelung der Erdoberfläche kritische Ausmaße annehmen.

    Andererseits könnte man mit der allgegenwärtigen Beamerei viel dichter bauen und sich bei der Unterbringung zumindest der großen Massen noch weiter als ohnehin schon der Käfighaltung annähern. Das mü$$te man nochmal weiter durchdenken…

    Sollen wir ’nen Think Tank aufmachen?

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  3. Pfeffermatz sagt:

    Gerne! Kriegt man Geld dafür?

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  4. gnaddrig sagt:

    Gute Frage. Als Mitdenker einer einigermaßen angesehenen Denkfabrik (und unsere würde sich angesichts unseres Genies aus dem Stand reputationsmäßig in allerhöchste Sphären katapultieren) kann man aber auf jeden Fall ordentlich Geld für Vorträge abgreifen. Da schreibst Du Dir ein, zwei Texte zu interessanten, aktuell klingenden Themen und gehst damit auf Tour.

    Wenn Du pro Auftritt, sagen wir – man ist ja nicht Steinbrück, die Preisliste also etwas bescheidener gestalten – so 2.500 Euro nimmst, reicht Dir schon ein Auftritt pro Monat für Miete, Auto und Internet. Der zweite pro Monat ist für Essen, Kleidung, Kino und Kneipe, der dritte für Urlaub, der vierte für die Altersvorsorge.

    Und eine Stunde Arbeit pro Woche zuzüglich An- und Abreise ist doch verträglich. Die Arbeit in der Denkfabrik läuft sicher sowieso eher nebenher, per Geistesblitz unter der Dusche und so, das zählt nicht wirklich als Arbeit.

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  5. Pfeffermatz sagt:

    Wir brauchen noch eine Assistentin (ähem: eine geschlechtsneutrale Assitenz, meine ich), die das alles organisiert.

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  6. gnaddrig sagt:

    Da könnte man einfach einen Personaldienstleister beauftragen, jemanden zu vermitteln. Das erspart uns den Aufwand und kurbelt die Wirtschaft an. Wir können die Person, wenn sie sich bewährt, ja dann übernehmen.

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